Aus Linux-Magazin 02/2003

Crossover Office 1.3

Abbildung 1: Eine Tabelle in MS Word - und ein gewisser Karl Klammer.

Microsofts Office-Suite und ein paar andere Windows-Programme unter Linux reibungslos betreiben zu können, das verspricht Codeweavers, der Hersteller von Crossover Office – Wine sei Dank.

Abbildung 1: Eine Tabelle in MS Word - und ein gewisser Karl Klammer.

Abbildung 1: Eine Tabelle in MS Word – und ein gewisser Karl Klammer.

Die wichtigen Distributionshersteller blasen zum Sturm auf die letzte verbliebene Bastion proprietärer Betriebssysteme: den Desktop. Möglich machen das vor allem die Office-Pakete Star Office 6.0 und Open Office 1.0. Gleichwohl besteht bei vielen Anwendern noch immer Bedarf nach Microsofts Office – und sei es aus Gewöhnung. Auf der Microsoft- Habenseite stehen auch Teile der Groupware-Funktionalität von MS-Outlook/ Exchange, die freie Linux-Programme bisher nur unzureichend abbilden.

Die Linux-(Desktop)-Geschichte kennt den konservativ seitwärts-gewandten Ansatz schon länger: So versuchte der Fvwm95 das Look & Feel von Windows 95 nachzuahmen – ohne freilich dessen Funktionalität zu erreichen. Auch KDE und Gnome schielen gelegentlich in Richtung Redmond.

Das in diesem Artikel vorgestellte lizenzkostenpflichtige Crossover Office aus dem Hause Codeweavers betreibt mit Wine-Hilfe ein natives MS Office unter Linux. Zusätzlich bietet es noch den Zugriff auf eine ganze Palette kommerzieller Software unter Windows.

Der Test der Version 1.0 vor einigen Monaten[1] ließ zwar viel versprechende Ansätze, aber auch gravierende Mängel des Produkts erkennen. Der inzwischen erfolgte Versionssprung auf 1.3.1 gab den Anlass, das Paket erneut zu testen.

Crossover Office 1.3

Gattung: Windows-Emulator für MS Office

Hersteller: Codeweavers, [http://www.codeweavers.com]

Verfügbarkeit: Europäische Wiederverkäufer nennt die Hersteller-Webseite nicht – der Kauf ist nur online per Kreditkarte möglich

Preis Einzellizenz: rund 55 US-Dollar; eventuell lohnt das Warten auf SuSEs Desktop- Linux, das für 129 Euro zu haben sein wird und zusätzlich den Partitionierer Acronis OS Selector für NTFS-Partitionen enthalten soll

Die Installation: Simpel

Im Vergleich zur Version 1.0 hat sich die Installation kaum verändert: Man führt als normaler Benutzer ein Shellskript aus. Nach der Beantwortung einiger Fragen entsteht das Directory »~/cxoffice«, das auch die auf dem freien Wine basierenden Crossover-Bibliotheken enthält. Viele Linux-Nutzer dürfen sich diesen Schritt bald sparen, da der Desktop-Linux-Hersteller Xandros Crossover Office in sein Produkt integriert. Ähnliches ist von Lindows und SuSE im Rahmen ihrer Desktop-Linux-Initiativen zu hören.

Probleme tauchen im Test bei der Installation nicht auf, weder unter SuSE Linux 7.3 noch mit SuSE 8.1 oder Mandrake 9.0. Crossover Office kann andere Windows-Programme in Wine installieren. Leider ist es nach wie vor unmöglich, vorhandene Programme einer Windows-Partition ohne das Original-Installationsmedium einzubinden. Dazu erklärte Codeweavers, dieses Feature in Crossover Office 2.0 implementieren zu wollen. Für Lindows soll dies bereits passiert sein. Jeremy White, Geschäftsführer der Firma, warnt jedoch: Die Integration von Programmen einer Windows-Partition sei schwieriger als die Neuinstallation, da der jeweilige Anfangszustand des Programms nicht bekannt ist.

Der Betrieb: Klappt meist

Der Crossover-Käufer muss sich damit abfinden, dass das wohl wichtigste Programmpaket, MS Office, nur in den Versionen 2000 und 97 installierbar ist. Nach Aussage von Codeweavers-Chef White läuft Office XP im Labor zwar bereits mit Crossover Office, nur funktioniere die Produktaktivierung (noch) nicht. In unserem letzten Test mochten vor allem MS Outlook und der Internet Explorer aus Office 2000 mit Crossover Office nicht zusammenarbeiten.[1]

Mit Version 1.3.1 ändert sich das. Beim ersten Start von Outlook erhält man noch die ansonsten folgenlose Fehlermeldung »Unknown error«, die bei späteren Starts ausbleibt. Die volle Funktionalität des Programms scheint gegeben zu sein. Der Internet Explorer 5.0 läuft auf den ersten Blick ebenfalls fehlerfrei. Schwierigkeiten bereitet jedoch der Versuch, auf die in Java geschriebene Internetbanking-Applikation der Sparkasse Fürth zuzugreifen. Das Applet selber startet zwar – sogar mit Sound -, doch der Zugriff auf die Daten des Kontos scheitert kläglich.

MS Word nervt beim schnellen Scrollen im Vergleich zu früher deutlich weniger mit Darstellungsfehlern – und wenn doch ohne dauerhafte Konsequenzen. An zwei Stellen tauchen noch Mängel auf: In einem Fall geht unter KDE der Mausfokus verloren, sodass die Icons der Titelleiste von MS Word nicht mehr anklickbar sind. Das (nicht reproduzierbare) Phänomen lässt sich beheben, indem man mit [Alt]+[Tab] ein anderes Fenster nach vorne holt und dann Word wieder in den Vordergrund bringt.

Im anderen Fall stürzt die Applikation immer reproduzierbar ab, wenn man einen markierten Rahmen in einem bestimmten Dokument mittels [Ctrl]+[C] kopiert und dann mit [Ctrl]+[V] an derselben Stelle einfügt.

Anders als in der Version 1.0 bringt [F1] (zum Aufruf der Word-Hilfe) die Applikation nicht mehr zum Absturz. Allerdings macht der Office-Assistent Karl Klammer nicht nur aufgrund falsch dargestellter Farben wenig Freude, sondern erfüllt seine Funktion auch sonst nicht. Schön: Man kann beispielsweise Text in einem mit Abiword geöffneten »doc«-File markieren, mit [Ctrl]+[C] in die Zwischenablage kopieren und mit [Ctrl]+[V] in MS Word einfügen. Analog funktionieren Konqueror-URLs im Internet Explorer.

Neben Office 97 und 2000 unterstützt Crossover Office eine Reihe weiterer Windows-Applikationen wie Lotus Notes R5. Die Liste ist unter[1] zu finden. Codeweavers sieht vor, einige Windows- Programme online zu installieren. Das Programm »~/cxoffice/bin/officesetup« möchte anstelle des mit Office 2000 gelieferten Internet Explorer 5.0 die Version 5.5 per Download updaten. Im Test schlägt dies jedoch sowohl für die Version 5.5 als auch für die offiziell noch nicht unterstützte IE 6.0 fehl.

Der Leidensdruck lässt nach

Die Existenz von Emulatoren wie Crossover lässt Befürchtungen laut werden, dass die Entwicklung gleichwertiger nativer Linux-Produkte langsamer erfolge. Schließlich sei der Leidensdruck entsprechend niedrig.

Das ist keine leere Befürchtung: So baut Corels Wordperfect für Linux lieber auf die Wine-Umgebung als auf eine Linux-Bibliothek und die (mittlerweile bankrotte) Linux-Firma Loki-Entertainment portierte ihre Spiele ebenfalls mit Wine auf Linux. Neuestes Beispiel ist Borlands Entwicklungsumgebung Kylix[3].

Hinzu kommt, dass ein Großteil der Funktionalität der dank Crossover Office zugänglichen Windows-Programme bereits durch Linux-Produkte abgedeckt ist. Bei Borlands Kylix sowie bei der MS-Outlook-Exchange-Combo liegen dagegen Linux-seitig noch Defizite vor.

Lizenzen, Lizenzen

Spätestens mit der Entscheidung zur Installation von Microsoft-Produkten betritt jeder Linux-Anwender die Welt der kommerziell-proprietären Software. Für alte Linux-Hasen oder die Besitzer eines mit Linux vorinstallierten Computers birgt diese Welt allerdings oft ungeahnte Gefahrenpunkte.

Es empfiehlt sich, die Lizenzbedingungen dieser Produkte sehr sorgfältig durchzulesen und sich über die eigene rechtliche Position Klarheit zu verschaffen. So setzt die Installation des Internet Explorer 5.5 aus dem Internet rechtlich eine gültige Lizenz für ein Betriebssystem aus der Windows-Familie voraus.

Abbildung 2: Beim Upgrade auf den Internet Explorer 5.5 sollte man sicherstellen, eine Windows-Lizenz sein Eigen zu nennen.

Abbildung 2: Beim Upgrade auf den Internet Explorer 5.5 sollte man sicherstellen, eine Windows-Lizenz sein Eigen zu nennen.

Fazit

Das Credo des letzten Tests war, dass die Kombination MS Office 2000/Crossover Office 1.0 für den Produktiveinsatz nicht ausreicht. Die aktuelle Version 1.3.1 verringert Zahl und Qualität der Probleme deutlich. Mit etwas Optimismus darf man von einer echten Alternative zu den etablierten Office-Produkten unter Linux sprechen. Mit der für die nächste Version geplanten Integration existierender Windows-Partitionen und der Unterstützung von Office XP wird Crossover Office diesen Anspruch vielleicht noch besser erfüllen können. MS-Office-Gewohnte sollten sich Crossover mal anschauen – wenn sie eine Office-Lizenz ihr Eigen nennen.

Momentan hält Codeweavers bei der Wine-Lese Schritt mit den Neuerungen von MS Office und Windows. Hoffentlich gerät der Hersteller bei dieser Jagd nie ins Hintertreffen. Solide Alternativen sind die echten Linux-Programme – auch wenn sie manchmal etwas Komfort oder Features vermissen lassen. (jk)

Infos

[1] “Wine-Kontor”; Linux-Magazin 6/02, S. 86ff.

[2] Codeweavers Homepage: [http://www.codeweavers.com]

[3] “Entwicklerlösung”; Linux-Magazin 1/03, S. 106ff.

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