VA Linux war das dominierende US-Unternehmen bei Linux-Hardware – und landete beinahe in der Pleite. Jetzt will die Firma mit Sourceforge in den Softwaremarkt. VA Linux-Geschäftsführer Larry Augustin sprach mit dem Linux-Magazin über Fehler und die neue Firmenstrategie.
1992 begann Larry Augustin als Stanford-Student damit, Linux-Rechner in seinem Apartment zusammenzuschrauben, 1993 fing er mit seiner Firma die ersten kleinen Kunden ein. Im Dezember 1999 hatte er es bis nach ganz oben geschafft. Er brachte VA Linux an die Börse – der Wert des Unternehmens stieg am ersten Handelstag um knapp 700 Prozent oder zwölf Milliarden Dollar. Der Quartalsumsatz kletterte auf 56 Millionen Dollar, VA Linux wurde mit seinem Engagement im Open-Source-Bereich zu einem Symbol der Entwicklung von Open-Source-Software.
Mit dem Platzen der Dotcom-Blase geriet allerdings auch VA Linux ins Straucheln, das Unternehmen kämpft gegenwärtig bei gewaltigen Quartalsverlusten ums Überleben. Das Geschäft mit Linux-Hardware stellte sich als krasse Fehlplanung heraus. Selbst Kern-Entwickler und Ikonen der Linux-Bewegung wie Ted T’So und Mesa-Entwickler Brian Paul werden entlassen. Die Belegschaft schrumpft von 600 auf rund 200 Mitarbeiter, Tendenz fallend.
Sag mir wo die Kunden sind
“Unsere Kunden waren plötzlich nicht mehr da”, sagt Augustin. Als problematisch habe sich insbesondere die Kundenstruktur erwiesen: VA Linux belieferte fast ausschließlich Dotcoms, also sehr junge Firmen mit reichlich Kapital, und hatte sich auf das Servergeschäft fürs Internet beschränkt. Mit dem Einbrechen von Aktienkursen und dem Versickern des Kapitalflusses von Seiten der Investoren trocknete auch das Linux-Server-Geschäft ein.
Das Dotcom-Sterben hat VA Linux kalt erwischt. “Das war generell ein ausgezeichneter Markt. 75 Prozent unseres Firmenumsatzes kamen aus der Hardware, der Rest aus Software und Dienstleistungen drumherum”, sagt Augustin. Allerdings hatte das Unternehmen nur kleine Kunden und keine Kontakte zu etablierten Firmen, VA Linux blieb auf seiner Hardware sitzen.
Ein kurzfristiger Strategiewechsel, Großkonzerne aggressiv anzugehen, brachte keinen Erfolg. “Dort herrscht mit Firmen wie Dell, IBM oder Hewlett-Packard ein enormer Wettbewerb”, sagt Augustin. “Bei den Dotcoms gab es keinen etablierten Hardware-Hersteller. Als kleines Unternehmen hatten wir zudem den Vorteil, die Bedürfnisse der neuen Internet-Firmen besser zu verstehen. Im Falle von Großfirmen ist das allerdings anders. Wir hatten einfach nicht die Glaubwürdigkeit und den Ruf, größere Kunden dazu zu bewegen, bei uns zu kaufen.” Zwar habe das Unternehmen Teilerfolge erzielen können, letztendlich habe VA Linux gegen die etablierten Systemhäuser und die Big Players der Computerindustrie keine Chance gehabt.
Auch die Nischen sind besetzt
Von den oft propagierten Nischenmärkten im Linux-Markt – wie etwa Netzwerkspeicher – hält Augustin auch nicht mehr viel: “Da sind etwa zehn oder zwanzig Millionen Dollar pro Quartal drin. Signifikantes Wachstum ist da auch wegen der aktuellen Kosteneinsparungen in Unternehmen nicht möglich.” Firmen wie IBM hätten inzwischen eine so dominante Stellung erreicht, dass kleinere Linux-Firmen ohne größeren Aufwand vom Markt gedrückt würden. “Ein auf Hardware ausgerichtetes Linux-Unternehmen zu gründen, ist deshalb heute nicht sehr sinnvoll.” VA zog deshalb auch hier die Konsequenzen und löste seine Abteilung für Network Attached Storage (NAS) auf.
Das niederschmetternde Ergebnis der Strategie von VA Linux war ein satter Verlust von 290 Millionen Dollar im vierten Geschäftsquartal 2001. Der Umsatz rutschte auf klägliche 16 Millionen Dollar ab. Der Wert der Firmenaktie brach von einst 270 Dollar auf knapp einen Dollar ein, der Firmenwert lag nur noch bei knapp 63 Millionen Dollar. Die alarmierenden Zahlen zwangen Augustin dazu, den Firmenkurs erneut zu korrigieren.
Kurswechsel en gros
Das kapitalintensive Hardwaregeschäft wurde aufgegeben, stattdessen konzentriert man sich jetzt auf den Softwareverkauf und Dienstleistungen zur Integration seiner Software. Ein Schachzug, der zwar keinen Erfolg von vornherein garantiert, aber wenigstens erst einmal das Überleben des Unternehmens sichert: Der Kapitalbedarf liegt laut Analysten bei nur noch acht bis zehn Millionen Dollar pro Quartal. Bei einer aktuellen Finanzdecke von 80 Millionen Dollar hat VA Linux damit noch etwas Spielraum, um wieder den Weg auf die Siegerstraße zu finden.
Künftig soll eine kostenpflichtige, proprietäre Version von Sourceforge die Umsätze für VA Linux produzieren. Unter Sourceforge.net hostet VA Linux bereits seit Januar 2000 Open-Source-Projekte. Derzeit arbeiten etwa eine viertel Million Entwickler an etwas mehr als 26000 Programmentwicklungen.
Den Erfolg der offenen Plattform will Augustin nun auch in Unternehmen tragen. Ein kostenpflichtiges Sourceforge soll Programmierern und Managern helfen, den Überblick über den Status und den Code von Softwareprojekten zu behalten.

Abbildung 2: Nach dem Scheitern als Hardware-Hersteller sieht Larry Augustin das Heil seiner Firma jetzt in Sourceforge-Community-Software.
Glaube an Erfolg, auch ohne Strategie
Am Erfolg von Sourceforge zweifelt Augustin nicht: “Jede große Firma hat das gleiche Problem: Da gibt es jede Menge Programmierer – und keiner hat wirklich Ahnung, was eigentlich wo entwickelt wird.” Agilent und Goldman Sachs hätten Interesse an der Software gezeigt, Hewlett-Packard wurde der erste große Kunde.
Augustin räumt ein, dass sein Unternehmen noch einen weiten Weg vor sich hat, bis sich ein Erfolg einstellen wird. “Wir beginnen noch einmal von vorn. Wir haben noch nicht sehr viele Kunden, das Interesse steigt aber von Monat zu Monat merklich an.” Für das laufende Quartal rechnet Augustin mit einem Umsatz aus dem Softwaregeschäft im Rahmen von drei bis vier Millionen Dollar – ein Bruchteil des Rekordumsatzes von 56,1 Millionen Dollar aus dem ersten Quartal 2001.
Money comes first, Open Source next
Ein klare Vertriebsstrategie, wie sie der Markt von VA Linux fordert, steht offensichtlich noch nicht fest. “Das ist ganz klar eine deutlich Veränderung für uns. Wir versuchen, das, was wir von der Open Source Community gelernt haben, in die Firmen zu übertragen. Es ist auch im Kommerz sehr wichtig, die Vorteile von Open Source zu verstehen.”
Open Source wird aber in der neuen Strategie von VA Linux eine kleinere Rolle spielen. Das Unternehmen plant zwar, Sourceforge und das zugehörige, aus Andover.net hervorgegangene Open Source Development Network (OSDN) weiter fortzuführen und eine GPL-Version von Sourceforge anzubieten, allerdings werden weitere Open-Source-Initiativen, dem Ziel geopfert, Umsätze zu erzielen. Die Open-Source-Gemeinde kann hier nur hoffen, dass VA Linux seine Versprechen hält, sind doch Tausende von freien Projekten inzwischen von der VA-Infrastruktur abhängig.
Augustin, der noch im April 2001 auf der Linux Business Expo in Chicago ausgezeichnete Chancen für Linux in einer Rezession-ähnlichen Wirtschaft voraussagte, rückt heute von Thesen, wie sich mit Open Source Geld verdienen lässt, immer mehr ab. “Wir mussten die Erfahrung machen, dass wir Kunden einfach nicht dazu bringen konnten, für Software zu bezahlen, wenn Software gleich-zeitig als Open Source kostenlos zum Download zur Verfügung stand.”
VA Linux hoffte darauf, dass Anwender und Firmen bereit sind, für den Support von Linux-Software Geld zu überweisen. “Das stellte sich allerdings als völlig falsch heraus”, gibt Augustin zu, “Firmen müssen noch lernen, warum es unter gewissen Umständen auch ratsam ist, Open-Source-Software nicht einfach nur downzuloaden, sondern auch dafür zu bezahlen.”
Open-Source-Firmen hätten nach Augustins Ansicht gerade wegen der allgemeinen Selbstbedienungsmentalität und der geringen Wertschätzung von Software-Support einen schweren Stand. “Ich würde nicht sagen, dass es unmöglich ist, mit Open Source zu überleben. Es mag Segmente geben, in denen Open Source die Basis für ein gutes Geschäftsmodell bietet, wir haben das allerdings mit unseren Produkten nicht gesehen.”
Weiter runter geht’s nicht
Voraussagen, wann VA Linux in die Gewinnzone kommen könnte, will Augustin nicht geben. Abhängig ist das vor allem von der Wirtschaftslage in den USA, aber wann das Wachstum dort wieder Besserung zeigt, steht in den Sternen. “Es geht jedenfalls nicht weiter nach unten”, beschreibt Augustin die derzeitige Situation. “Irgendwann im kommenden Jahr”, so hofft er, “könnte sich die Wirtschaft erholen und auch VA Linux wieder wachsen.” Doch wage er bestimmt keine risikoreichen Ausgabe mehr. Im Vordergrund steht das Überleben der Firma. “Wir leben von Quartal zu Quartal. Selbst wenn sich die Branche im kommenden Jahr nicht erholt, haben wir noch genügend Reserven, noch etwas länger durchzuhalten.” (uwo)





