Wird Fernsehen ein Luxusgut?
Ich gebe zu, ich schaue daheim nicht fern. Mal bei Freunden einen Film oder eine Serie, doch sonst bin ich eher Anhänger des gepflegten Kinobesuchs. Doch dieser Tage, da die WM allerorts die Leute mitreißt, kann man sich dem Medium nirgendwo entziehen. Zeit also, sich mal mit der aktuellen Technologie vertraut zu machen, denn das analoge TV-Signal und der Röhrenfernseher, wie ich sie noch kannte, haben wohl bald ausgedient. Ich gestehe, von HDTV, DVB, CI, Smartcards und anderen Buzzwords die letzten Jahre nur am Rande etwas gehört zu haben. Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr wünsche ich mir, ich hätte es gar nicht erst getan.
Ach, wie schön war doch die gute alte Zeit... ein Kabel, ein Fernseher, knapp drei Dutzend Programme, und alles läuft. Der Fernseher im Schlafzimmer der Eltern empfängt ebenso ein Signal wie der im familiären Wohnzimmer und das Gerät im Zimmer der Tochter. Was gefällt, das wird einfach per Rekorder aufgenommen, sei es nun auf VHS oder DVD. Eine perfekte Multimedia-Welt, die durch die schöne neue Technik Kratzer abbekommen dürfte. Denn kaum gibt es genug hochauflösende Fernseher und HD-Sender, da wird zum Ausgleich so richtig draufgehauen. War ja klar.
Natürlich, die neue Technik ist verlockend - gestochen scharfe Bilder, eine Programmauswahl, wie man sie sonst nur vom Satellitenempfang kennt, elektronische Programmzeitschriften und riesige Bilddiagonalen. Das hat schon was für sich. Doch welchen Preis bezahlen wir eigentlich dafür? Einfach das Kabel in den modernen Fernseher oder einen Receiver einstecken, so einfach geht das nicht mehr. Um abgesehen von den öffentlich-rechtlichen Sendern überhaupt etwas sehen zu können, braucht der geneigte Zuschauer eine so genannte Smartcard. Das Zauberwort heißt Grundverschlüsselung und wird zwar nicht von allen, aber leider von vielen Kabelnetzbetreibern praktiziert. Im Klartext: Am Fernsehanschluss kommen bei fast allen Sendern erstmal nur verschlüsselte Daten an. Einfach so einschalten und schauen is' nich. Erst nachdem die Karte in die passende Box gesteckt wird, bannt das Signal wunderbare Bilder auf die Leinwand. Wohl dem, der allein lebt und somit nur einen Fernseher sein Eigen nennt, denn Familien dürfen fortan hoffen, dass der Anbieter so flexibel ist, mehr als eine Karte rauszurücken. Falls nicht, qualifiziert man sich schnell für den Beruf des Discjockeys, muss doch die Karte immer im richtigen Gerät stecken. Streit mit der Familie, welche Sendung denn nun geschaut werden soll, inklusive.
Doch wer glaubt, er könne jetzt einfach irgendeinen Receiver kaufen und die Karte einstecken, der irrt gewaltig, denn das Wunderwerk muss erstmal "zertifiziert" werden. Sprich, es gibt abseits des vom Kabelnetzbetreiber offiziell feilgebotenen Geräts nur eine Handvoll Empfänger, die mit Glück funktionieren. Andere Modelle tun das vielleicht auch, aber wie lange, das weiß eigentlich keiner so recht. Gerüchten zufolge muss manchmal sogar die Seriennummer des Empfängers beim Anbieter hinterlegt werden, damit überhaupt was geht.
Immerhin ein Gutes hat die Sache: Platzprobleme dürfte es durch die neue Technik nun wirklich nicht geben, denn vorsorglich sollte der DVD-Rekorder entsorgt werden. Die schöne neue Welt erlaubt nämlich den Inhaltsanbietern, ganz genau zu steuern, wer wann was darf. Eine ähnliche Gängelei also wie auf DVDs, auf denen man die lästigen Hinweise auch nicht überspringen kann. Im Kabelsignal kann dank der neuen Technik zumindest theoretisch geregelt werden, ob aufgezeichnet werden darf, ob in der Aufnahme vorgespult werden kann und wie lange die Aufnahme möglich ist. Reine Schikanen für den Benutzer also. Sollten Sie einen Receiver haben, mit dem eine solche Sperrung umgangen werden kann, so dürfte auch er bald nicht mehr zertifiziert, vulgo wertlos sein. Wer unartig ist, wird also bestraft.
Gut, dann halt kein Kabel. Gibt ja noch Satellitenempfang und die gute alte Antenne. Doch weit gefehlt. Auch die Satellitenbetreiber erkennen so langsam die Kuh mit den goldenen Eutern, die es zu melken gilt, und so gibt es auch hier schon tolle Pakete, die man buchen kann, ähnlicher DRM-Firlefanz wie beim Kabel inklusive. Aber Moment, da war doch was, neulich in der bunten Broschüre... genau, DVB-T per Antenne, das ist die Rettung! Pustekuchen... die Empfangsqualität reicht leider noch nicht für hochauflösende Bilder, und die Programmauswahl ist alles andere als erschlagend. Wenn man überhaupt Empfang hat. Denn vielerorts erinnert das Ganze eher an Handynetze aus den 70ern, wo mit Glück mal eine Verbindung zu Stande kam. A propos Handy: DVB-H, d.h. die mobile Variante, mag ja ganz nett sein, eignet sich aber nicht wirklich für abendfüllende Fernseherlebnisse.
Zugegeben, es gibt weitaus Wichtigeres als die Glotze. Aber muss denn eine neue Technik immer auch einen Rückschritt für den Benutzer darstellen? Hat die Medienindustrie es immer noch nicht verstanden, dass der Kunde der König ist? Selbst die Musikindustrie hat es begriffen und macht Abkehr vom ehemals hochgelobten DRM-Modell.
Mal sehen, ob der Groschen noch fällt, oder nur die Kasse füllt.
Mein Fazit: Trotz moderner Technik, Flachbildschirmen und Digitalempfang schauen künftig wohl viele in die Röhre...

Florian Effenberger,
14.07.2010 17:51
Florian Effenberger,
14.07.2010 14:40
mausschupser,
25.06.2010 19:02
Andreas,
25.06.2010 15:40
Martin,
25.06.2010 15:32
Und solange die Kontrolle der Informationen mit der Abzocke Hand in Hand gehen, wird sich der derzeitge Trend nicht nur fortsetzen, sondern zunehmend verstärken.
Michael Stehmann,
25.06.2010 13:19
1. Fehlende (offene) Standards
und
2. Das Bemühen der Content-Distributoren, die Freiheit des Nutzers den (bezahlten) Content wann, wo, wie oft und wie er will anzuschauen durch technische Mittel weitmöglichst einzuschränken.
Folge dürfte eine Kaufzurückhaltung des verunsicherten Publikums sein, wobei gerade die technisch interessierten und informierten eine Vorreiterrolle spielen werden.
Dies ist ein anschauliches Beispiel für die Nützlichkeit offener Standards und die Schädlichkeit von Digital Restrictions Management - nicht zuletzt auch für die Hardwarehersteller.
Reinhard,
25.06.2010 12:05
Das hat mir doch ein Lächeln auf die Lippen gebracht. Ich fühle mich mit 44J. wirklich noch nicht alt, aber mein Zusammenhang von "TV" und "gute alte Zeit" sieht so aus: Dachantenne, ein S/W-Fernseher, drei(!) Programe, und kurz nach Mitternacht war Sendeschluss (kennt das eigentlich hier noch jemand?)... Sowas nennt man dann wohl Generations-Unterschiede (-Konflikt passt ja hier doch nicht).
Ansonsten kann ich auch gut auf TV verzichten - egal, ob analog oder digital, per Antenne, Schüssel oder Kabel.
Stefan,
24.06.2010 14:48