Marketing 2.0 - brauchen wir das?

In letzter Zeit wird es immer offensichtlicher: Die bunte Werbewelt entdeckt das Web 2.0. Auch die PR-Agenturen und Marketingberater springen vermehrt auf den Zug auf – da wird gegen Geld geblogged und getwittert auf Teufel komm raus.

Ich finde es gut, wenn die mediale Vielfalt um neue Kanäle erweitert wird. Das Internet macht uns alle nicht nur zu Konsumenten, sondern auch zu Publizisten, und ermöglicht somit jedem von uns, die grundgesetzlich verankerte Freiheit der Presse in Anspruch zu nehmen und von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Was hier Einzelne mit vereinten Kräften leisten können, das sehen wir zum Beispiel an Berichterstattungen über völlig sinnentleerte Abmahnungen, die den jeweiligen Unternehmen nicht gerade positive Schlagzeilen einbringen. Kaum verbreitet sich die Nachricht über Twitter und Konsorten, ist der Fall schon auf den Titelseiten selbst bekannter Tageszeitungen. Und auf einmal war ja doch alles ganz anders gemeint und man ist eigentlich völlig falsch verstanden worden. An die Möglichkeiten der Blogosphäre hatten die Verantwortlichen wohl nicht gedacht.

Doch diese „virtuelle Pressefreiheit“ hat leider auch ihre Schattenseiten. Seriöse Journalisten und ernstzunehmende Verlage wissen um das Trennungsgebot zwischen werblichen und redaktionellen Beiträgen. Einige unseriöse halten sich leider nicht daran. Den Bloggern und Twitterern dieser Nation kommt daher zurecht großes Vertrauen entgegen, denn die Leser wissen, dass hier Privatleute ihre freie Meinung kundtun, ohne monetäre Interessen. Sie genießen einen großen Vertrauensvorsprung. Und genau da liegt die Krux bei dem, was ich spaßeshalber als „Marketing 2.0“ bezeichne.

Clevere Marketiers nutzen genau diesen Vertrauensvorsprung aus, und versuchen, ihre werblichen Botschaften geschickt in vermeintlich privaten Blogs und Tweets zu verstecken. Den Lesern soll so eine möglichst authentische und ehrliche Kommunikation suggeriert werden, die aber genau genommen nur eine andere Verpackung für stupide Werbetexte ist.

Doch zum Glück gibt es auch positive Beispiele. Viele Firmen ermöglichen ihren Mitarbeitern heutzutage, selbst Blogs mit eigenen Beiträgen zu betreiben, ohne zu zensieren – Lob, Kritik, Nachdenkliches, all das findet sich bisweilen in offiziellen Unternehmensblogs. Viele Mitarbeiter, die enthusiastisch zu ihrer Firma stehen, dürfen frei schreiben, was sie denken, sie erstatten mittels Twitter live Bericht und stellen die schönsten Messeschnappschüsse ohne Mitwirkung der PR-Abteilung online. Selbst kritische Auseinandersetzungen sind erlaubt. Auch das ist eine Form von Marketing – eine ehrliche, offene und aufrichtige.
Meiner Meinung nach auch der einzig richtige Weg. Spätestens wenn mehr und mehr Blogs und Tweets voll sind von indirekter Werbung, von bezahlter Meinungsmache, dann werden die Leute diesen Medien den Vertrauensvorsprung wieder absprechen. Und das wäre fatal für alle.
Marketing 2.0 ist gut, sofern das Service Pack 1 bei allen ankommt…

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