Open Source im professionellen Einsatz

Eine Stiftung für die Community

Viel zu lang ist er her, mein letzter Blogbeitrag, und eigentlich wollte ich zur Abwechslung diesmal zu einem anderen Thema als LibreOffice schreiben. Doch die große Resonanz, die es zu meinem CeBIT-Vortrag gab (Video | Folien) hat mich vom Gegenteil überzeugt. ;-)

Am 17. Februar dieses Jahres war es soweit, "The Document Foundation" (TDF) wurde in Berlin als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts anerkannt, und die in ihrer Satzung genannten Zwecke zudem als gemeinnützig eingestuft. Ca. 12 Monate hat es nach Start unseres Spendenaufrufs gedauert, bis wir am Ziel waren. Eigentlich ganz schön lange, möchte man meinen - doch die TDF ist keine gewöhnliche Stiftung, und zudem die erste ihrer Art.

Ich will an dieser Stelle gar keinen allzu tiefen Abriss der Geschichte hinter LibreOffice geben, den meisten dürften die Beweggründe und das Schicksal von OpenOffice.org bestens bekannt sein. Viel wichtiger erscheint mir, den Aufbau und die Organisation der neuen Heimat unserer freien Office-Suite zu beschreiben, denn ich bin nicht nur überzeugt davon, dass wir genau die Entität geschaffen haben, die die Bedürfnisse des Projekts perfekt erfüllt, sondern auch davon, dass dieses Modell als Vorlage für andere Communities dienen kann, um sich in einer sicheren Rechtsform zu organisieren.

Unser erklärtes Ziel war von Anfang an, eine Entität zu gründen, die den Grundsätzen der Meritokratie folgt. Oder anders ausgedrückt: "Wer die Arbeit macht, der darf auch bestimmen". Im Gegensatz zu früher also eine Community-gelenkte Organisation, und keine, die abhängig ist von einem einzelnen Hauptsponsor, der zudem noch alleiniger Markeninhaber ist. Die Satzung sieht explizit Regeln zur Vermeidung der Dominanz einer einzelnen Gruppe innerhalb der Stiftung vor - während früher indes die Auffassung herrschte, der Hauptsponsor hätte besondere Rechte.

An dieser Stelle muss ich auch gleich mit einem Missverständnis aufräumen: Es geht der TDF durchaus auch darum, mit Firmen und Behörden zusammenzuarbeiten. Wir wollen nur nicht von ihnen abhängig sein, insbesondere nicht von einer einzelnen, denn wohin das führt, das hat uns die Geschichte wahrlich gelehrt.

Natürlich kann sich ein Projekt Regeln geben, in denen diese meritokratischen Prinzipien festgelegt werden. Allerdings hat auch hier uns die Geschichte gelehrt, was passiert, wenn diese Regelwerke das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind. Wir hatten früher ausführliche Regelwerke, verschiedene Rollen und in komplizierten Wahlverfahren gewählte "Amtsinhaber", doch als es hart auf hart kam, zählte allein eine Meinung - und wessen das war, dürfte Ihnen zu Genüge bekannt sein. Die der gewählten Amtsinhaber, der Vertreter der Community, war es jedenfalls nicht.

Wir wollten daher nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern für alle verbindliche Regeln, die sich auch nicht durch Sponsoren oder durch Geld aufweichen lassen. Ein klassischer Fall von Verein, möchte man zunächst denken, doch weit gefehlt. Zum einen basiert das Vereinsmodell darauf, dass Mitglieder einen bestimmten Geldbetrag entrichten, und allein dadurch ihren Mitgliedsstatus innehaben. Daher können, zumindest in einem gemeinnützigen Verein, auch solche Personen Mitglied werden, die sich für das Projekt nur am Rande interessieren, aber brav ihren jährlichen Mitgliedsbeitrag entrichten. Schlimmer noch, die Mehrheit der Mitglieder kann die komplette Satzung inklusive Vereinszweck über den Haufen werfen - und nachdem jedermann durch reine Geldbeiträge Mitglied werden kann, besteht theoretisch die Möglichkeit, eine solche Organisation zu "übernehmen".

Das Thema freies Office erschien uns viel zu wichtig, als es diesem Risiko auszusetzen. So fiel die Wahl sehr schnell auf die Rechtsform der Stiftung, bei der es nicht möglich ist, den einmal festgelegten Stiftungszweck zu ändern. Sie soll als eine Art Treuhänder fungieren, der Spendengelder, aber auch Rechtsgüter wie Domainnamen und Marken verwaltet. Gerade die Markenrechte waren früher immer wieder ein Problemfall, denn sie gehörten nicht der Community, und allein der Hauptsponsor bestimmte, wer die Marke nutzen durfte.

Wer den Wikipedia-Artikel zum Thema Stiftung liest, der stößt dort auf den Satz "Im Unterschied zu einem Verein hat eine rechtsfähige Stiftung [...] keine Mitglieder". Klingt dieser Passus zunächst wie das Aus für das geplante Vorhaben, so kennt aber auch eine Stiftung verschiedene Organe, unter anderem die so genannten Kuratoren, was sich letzten Endes auch als Ausweg erwiesen hat, um die von uns vorgesehen Struktur in der gewünschten Rechtsform abzubilden. Doch das, was sich hier so einfach liest, bedurfte vieler Monate Arbeit.

Der Aufbau der TDF unterscheidet sich zunächst nicht von dem einer "klassischen" Stiftung. Es gibt einen Vorstand, bestehend aus derzeit 7 Personen, welcher die Geschicke der Stiftung lenkt und die Geschäfte führt. Der Vorstand wird auf zwei Jahre gewählt, eine Wiederwahl ist zulässig.

Aktiv und passiv wahlberechtigt sind die Mitglieder des so genannten Mitglieder-Kuratoriums, das bereits zur Gründung mit 146 Personen besetzt war. Die Wahl des Begriffs verdeutlicht den Balanceakt, der zu erbringen war, denn dieses Kuratorium hat echte Entscheidungsbefugnisse. Zum Kurator wird man nicht mit Geld oder weil man prominent ist, vielmehr haben wir als erste Stiftung in Deutschland und vermutlich weltweit ein Modell auf den Weg gebracht, in dem Kurator nur werden kann, wer sich nachweislich für das Projekt eingesetzt hat und dies auch weiterhin tun möchte. Jeder, der seit drei Monaten eine gewisse Arbeitsleistung im Sinne der Stiftung erbringt - und die Möglichkeiten sind vielfältig - kann einen Antrag auf Aufnahme stellen, wenn er zudem gedenkt, diese Tätigkeit mindestens noch weitere sechs Monate auszuüben. Die Hürden sind also gering. Wer einen Sitz im Mitglieder-Kuratorium erhält, entscheidet auf Antrag das so genannte Mitglieder-Komitee, welches wiederum durch das Mitglieder-Kuratorium besetzt wird. Auch dies ist einmalig für Stiftungen. Die Zugehörigkeit zum Mitglieder-Kuratorium wird für jeweils ein Jahr gewährt und kann dann auf demselben Wege erneuert werden, was weiterhin aktive Mitwirkung voraussetzt.

Das, was sich im ersten Moment kompliziert anhört, ist der Sache nach eigentlich ganz einfach: Jeder, der einen nachweisbaren Beitrag zum Stiftungszweck leistet, kann sich als Mitglied bewerben, und erhält dadurch die Möglichkeit, selbst für bestimmte Rollen in der Stiftung zu kandidieren, und sich gleichzeitig an den Wahlen zu beteiligen. Wichtig sind dabei noch zwei Dinge: Zum einen sind Geld- oder Sachspenden allein keine ausreichenden Merkmale, um sich für einen Sitz zu bewerben, d.h. das "Einkaufen" in die Organe der Stiftung ist nicht möglich. Zum anderen ist die Mitgliedschaft immer personengebunden, eine Firmenmitgliedschaft gibt es nicht.

Für Firmen steht indes der Beirat bereit, dem derzeit unter anderem Red Hat, Google, SUSE und Intel angehören, aber zunehmend auch kleinere Firmen und Behörden. Voraussetzung ist auch hier, dass auch Beiratsmitglieder das Projekt gefördert haben. Allerdings handelt es sich um einen Beirat, nicht um einen Aufsichtsrat. Er hat daher beratende Wirkung, aber keine Weisungsbefugnis gegenüber den Organen der Stiftung. Auch auf diesem Wege ist also kein "Einkaufen" möglich.

Eine zusätzliche Garantie für die Sicherheit und Stabilität der Stiftung stellt zudem die staatliche Aufsicht dar. Zunächst mag dieser Ausdruck befremdlich wirken und suggerieren, der Staat übe Kontrolle aus, doch es handelt sich hierbei vielmehr um einen positiven Effekt, denn die Stiftungsaufsicht sichert die oben genannten Rechte und die Unveränderlichkeit des Stiftungszwecks, also die dauerhafte Verfügbarkeit der freien Software. Zudem kann jedes Kuratoriumsmitglied, das sich in seinen Rechten verletzt fühlt, sowohl ein Beschwerdeverfahren gegen den Vorstand anstrengen, als auch seine Bedenken direkt gegenüber der Stiftungsaufsicht äußern, die ggf. aktiv werden muss. So steht neben den stiftungseigenen Organen noch ein außenstehender Ansprechpartner bereit, der einschreiten kann.

Durch die Kombination all dieser Mechanismen ist sichergestellt, dass die TDF von denjenigen gelenkt wird, denen das Projekt wirklich am Herzen liegt, und dass sie gleichzeitig eine Stabilität und Sicherheit aufweist, die sowohl der Community, allen Anwendern, den Entwicklern als auch den Dienstleistern die gute Gewissheit gibt, mit der freien Office-Suite auf das richtige Pferd zu setzen.

Auch nach nunmehr anderthalb Jahren seit Gründung des LibreOffice-Projekts hat die TDF nie ihre Wurzeln vergessen, und auch das sich selbst gegebene Gebot der Transparenz und Offenheit wird tagtäglich praktiziert. Schon von Anfang an sind alle Sitzungen des Vorstands öffentlich, und auch der aktuelle Spendenstand und die Mittelverwendung wird für jedermann frei zugänglich publiziert.

Sehr gefreut hat uns, dass wir auf der CeBIT, der ersten großen Veranstaltung nach offizieller Gründung der Stiftung, gleich drei Preise entgegennehmen durften, darunter ein Leserpreis und zwei durch Jurys verliehene Preise. Diese Bestätigung der Anwender und Beitragenden ist für uns die wichtigste überhaupt - denn die TDF wurde aus der Community gegründet, und sie ist für die Community gemacht.

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