Open Source im professionellen Einsatz

Document Freedom Day

Es ist wieder soweit: Morgen ist Document Freedom Day , ein Tag, an dem sich Menschen weltweit für freie Dokumentformate und offene Standards einsetzen. Die von der Free Software Foundation ins Leben gerufene Initiative richtet sich dabei keinesfalls nur an Kenner der Thematik, sondern hat ein ganz wichtiges Anliegen für die Allgemeinheit -- aufklären über das, was freie Formate und offene Standards ausmacht und welche Bedeutung sie in unserem Alltag haben.

Auch wir von OpenOffice.org unterstützen den Document Freedom Day, denn von Anfang an setzt die freie Office-Suite auf offene Standards. Unser natives Dateiformat, das OpenDocument-Format, ist nur ein Beispiel, denn daneben bieten wir zahlreiche Schnittstellen für viele Programmiersprachen, die jedermann ermöglichen, mit OpenOffice.org zu entwickeln. Doch warum sind diese offenen Standards so wichtig? Genügt denn nicht einfach ein Industriestandard, wie wir ihn in vielen anderen Bereichen auch haben? Ist es vielleicht nur die Kostenfreiheit, die hier im Vordergrund steht? Oder ist das Ganze gar nur für Entwickler interessant?

Nein, keineswegs. Es betrifft uns alle.

Wir leben unbestritten in einem digitalen Zeitalter. Unser gesamter Alltag wird bestimmt von Technik, alle Aspekte unseres Lebens werden elektronisch gespeichert, ein Großteil unser Kommunikation erfolgt heutzutage online. Das darf man durchaus kritisch sehen und hinterfragen, es ändert jedoch nichts daran, dass sich diese Entwicklung mit noch ungeahnter Geschwindigkeit fortsetzen wird. Vieles dessen, was wir heutzutage produzieren, wird digital gespeichert -- Musik, Filme, Texte, ja selbst einfache Briefe, E-Mails, Webseiten und Geburtstagseinladungen. Oder, anders ausgedrückt: Ein Großteil unseres geistigen Gutes, unserer eigenen Leistung, unserer Gedanken, liegt als Datei vor. Das bringt viele Vorteile mit sich, aber die Frage des Formats ist entscheidend.

Wer mit proprietärer Software ohne offen gelegte Formate und ohne transparente Schnittstellen arbeitet, der gießt auch sein geistiges Werk in geschlossene Formate, und begibt sich so zwangsläufig in die Abhängigkeit zu einem einzelnen Hersteller. Das führt zu dem Ergebnis, dass ich für jedes Gerät, mit dem ich Zugriff auf mein eigenes geistiges Werk nehmen will, eine entsprechende Softwarelizenz erwerben muss, die wiederum an Restriktionen gebunden sein kann. Besonders deutlich wird das am Beispiel der so genannten Studentenlizenzen: Dabei wird Studenten ein bestimmtes Programm kostenfrei oder vergünstigt angeboten, mit dem sie dann beispielsweise ihre Examensarbeit oder Dissertation verfassen. Als Bedingung gilt häufig, dass mit dem Ende des Studiums auch die Lizenz erlischt. Anders gesagt: Will der frisch gebackene Absolvent anschließend nochmal auf seine Dateien zugreifen, muss er genaugenommen dafür bezahlen.

Noch prekärer wird die Situation dann, wenn Inkompatibilitäten zwischen verschiedenen Softwareversionen auftreten, oder der Hersteller gar insolvent ist bzw. das Produkt abkündigt. Ist das Dokumentformat dann nicht offen gelegt, bleibt oft nur, bestehende Daten mit großen Reibungsverlusten in ein anderes Format umzuwandeln, wobei bestimmte Inhalte für immer verloren gehen können. Teile des selbst geschrieben Buches, Ausschnitte aus dem selbstgedrehten Familienfilm, und auch das eigens zum Jubiläum komponierte Ständchen, all das ist vielleicht für immer verloren.

Auch unter sozialen Gesichtspunkten stellt sich bei geschlossenen Formaten ein massives Problem. Trotz teilweiser Lehrmittelfreiheit kommt es immer wieder vor, dass in Schulen ein bestimmtes Programm vorausgesetzt wird, um Dokumente zu lesen oder Arbeiten abzugeben, Ähnliches gilt für die Kommunikation mit Behörden. Investiert der Anwender nicht entsprechend Geld in proprietäre Software, so können ihm ganz schnell Nachteile entstehen. So gibt es bis heute zahlreiche Formulare, mit denen jeder Bürger seine gesetzlichen garantierten Rechte wahrnehmen kann -- zum Lesen dieser Dokumente benötigt er jedoch ein ganz bestimmtes, herstellergebundenes Programm.

Noch greifbarer wird die Idee offener Standards am Beispiel der Interoperabilität. Firma A setzt Produkt X ein, Firma B hingegen setzt auf das Paket Y, und die Behörde C, mit der beide kommunizieren, haben die freie Software Z im Einsatz. Wäre es nicht wunderbar, wenn jeder mit dem anderen elektronisch kommunizieren und Dokumente austauschen könnte, unabhängig davon, welche Software in welcher Version zum Einsatz kommt, und ganz egal, ob die Behörde auf kommerzielle Software oder eine freie Lösung setzt? Es ist doch auch egal, welches Briefpapier ich verwende, wenn ich ein Schreiben verfasse! Selbst ein Brief aus Amerika im Letter- oder Legal-Format kommt doch ohne Probleme mit der Post an...

Das Grundproblem bei all diesen Beispielen ist dasselbe, nämlich die Nutzung geschlossener Formate, behaftet mit Patentansprüchen, und teils undurchsichtigen Lizenzbedingungen samt urheberrechtlichen Einschränkungen, sowie der Behandlung des Formats als Betriebsgeheimnis. Wirklich freie Dokumentformate und offene Standards, die im Rahmen des Document Freedom Day in das Bewusstsein aller rücken sollen, haben diese Probleme nicht. Sie sind nicht an ein bestimmtes Gerät gebunden, unterliegen keinerlei Restriktionen, sind von jedermann nutz- und implementierbar, öffentlich dokumentiert und gehorchen weder Releasezyklen noch der Preisgewalt eines einzigen Herstellers.

Übrigens, die Tatsache, dass Sie in Ihrem Browser diesen Blogeintrag lesen können, verdanken Sie ebenfalls offenen Standards. Nahezu alle Protokolle, die diese Zeilen auf ihren Bildschirm bringen, sind offen gelegt und von jedermann frei nutzbar. Jeder Aufruf einer Webseite, jede empfangene und verschickte E-Mail, jede HTML-Seite, all das konnte sich nur dank offener Standards weiterentwickeln und sorgt dafür dass wir heute weltweit kommunizieren können, unabhängig vom Endgerät und der eingesetzten Software.

Genau dieses Bewusstsein um die Wichtigkeit der offenen Standards fehlt vielen Menschen, insbesondere den Gelegenheitsnutzern. Warum auch sollten sie sich damit befassen? Der PC dient als Arbeitsgerät und soll funktionieren. Doch gerade weil auch diese Nutzer ihre geistige Schöpfung in proprietäre Formate gießen und sich somit unwissentlich in eine fatale Abhängigkeit begeben, ist es umso wichtiger, dass diejenigen, die um die Bedeutung wissen, Aufklärungsarbeit leisten.

Morgen ist Document Freedom Day. Nutzen Sie die Gelegenheit, und erzählen Sie Ihren Freunden, Nachbarn und Bekannten, wie wichtig offene Standards auch für sie sind, und warum die Entscheidung so weitreichende Konsequenzen hat. Die Webseite des Document Freedom Day hält zahlreiche Beispiele für Aktionen bereit, und listet Teams auch in Ihrer Region auf, denen Sie sich anschließen können.
Freie Formate und offene Standards sind der Grundstein für die digitale Zukunft. Machen Sie mit!

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