Alles sch...?
Liebe Leserin, Lieber Leser,
Entschuldigen Sie zunächst einmal den derben Titel, aber harte Worte erfordern manchmal deutliche Gegenworte. Serguei Beloussov, seines Zeichens CEO von Parallels, spricht im Interview mit den Kollegen von T3N über Open Source. Doch was muss ich da lesen? Laut Interview ist, ich zitiere, Open Source "ein riesiger Haufen Scheiße", worauf eine seltsame Bezugnahme von Open-Source-Communities mit dem Kommunismus folgt -- ich dachte, die Zeiten solcher Vergleiche hätten wir selbst in den einschlägigen Diskussionsforen schon längst hinter uns gelassen. Schlussendlich folgt die Behauptung, oft würden Implementationen nur aus Interesse der einzelnen Projektleiter erfolgen, nicht immer konform mit Anwenderwünschen und technischen Erfordernissen.
Handelt es sich hier um einen PR-Gag, um in die Medien zu kommen? Letzteres ist auf jeden Fall geglückt, denn nicht nur die klassischen Portale haben die Meldung aufgegriffen, sondern auch die Commun..., Entschuldigung, Gemeinschaften bei Identi.ca, Twitter & Co. Auch ich will es mir nicht nehmen lassen, ein paar Worte dazu zu sagen, denn seit Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich für freie Software, mit einem nicht unerheblichen Zeit- und Geldaufwand. Habe ich etwa aufs falsche Pferd gesetzt und meine Energie in, na, Sie wissen schon, Exkremente gesteckt? Ist die Software, für die ich mich seit Jahren auf Messeständen und in Vorträgen einsetze, nur das Produkt egomanischer Ichlinge?
Mitnichten.
Auch in Open-Source-Projekten ist nicht alles Gold was glänzt, und auch in der Szene der freien Software gilt: nobody's perfect. Das Reizvolle an den Communities ist gerade ihre Vielfalt, denn jeder kann sich beteiligen. Viele Projekte bestehen aus Leuten verschiedener Altersstufen, mit verschiedenen Hintergründen, Erfahrungen, Lebenseinstellungen und Beweggründen. Gerade diese bunte Mischung ist es, die uns auszeichnet, trägt sie doch maßgeblich dazu bei, eine gesunde und aktive Diskussion zu führen, und auch den eigenen Standpunkt nochmals aus der Drittperspektive zu betrachten und zu überdenken. Wo gehobelt wird, da fallen naturgemäß auch Späne. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht immer alles ganz rund läuft, dass Diskussionen um Führungsstile, technische Implementationen und Marketing-Fragen geführt werden. Die Emotionalität, mit der das manchmal passiert, zeugt nicht etwa von mangelnder Koordination und Unprofessionalität, sondern ist vielmehr Zeichen dafür, mit wie viel Herzblut und Überzeugung jeder Einzelne an die Sache herangeht.
Aber Hand aufs Herz, soll das in Firmen wirklich anders sein? Müssen dort immer alle ein- und derselben Meinung sein? Gibt es nicht auch hier zumindest insgeheim unterschiedliche Ansichten und Verfechter verschiedener Standpunkte, was am Ende zum bestmöglichen Ergebnis führen könnte? Eine gesunde Diskussionskultur schadet niemandem, nur dass sie in Open-Source-Projekten wie so manch anderes öffentlich geführt wird, anstatt hinter verschlossenen Türen. Von dieser Offenheit profitieren alle: Anwender, Entwickler, Drittfirmen.
Auch vermag ich die Aussage nicht zu teilen, eine "hoch qualitative, schnelle und perfekt koordinierte Projektsteuerung" sei in reinen Open-Source-Projekten nicht möglich. Die Maßstäbe mögen andere sein, aber wer sieht, was die freien Projekte heutzutage leisten, wie viel Engagement in der Freizeit gezeigt wird, unentgeltlich, der kommt nicht umhin, die logistische Meisterleistung der Community-Mitglieder zu würdigen. Erst jüngst auf der CeBIT konnten wir wieder erfahren, dass viele aufgrund unserer Arbeit fest davon ausgehen, unsere Tätigkeit wäre Vollzeit und bezahlt -- in puncto Außenwahrnehmung stehen wir Firmen also in nichts nach.
Jeder Aktive, den ich in der Szene der freien Software kenne, ist offen für Kritik, und akzeptiert und respektiert die Meinung von Leuten, die freie Software für den falschen Weg halten. Doch eine vernünftige Diskussion kann nur dann entstehen, wenn man miteinander redet, offen ist, und Kritik sachlich vorträgt. Zur oben zitierten Aussage kann ich nur mit dem schließen, womit ich angefangen habe, nämlich meiner Meinung zu diesem Statement: das finde ich in der Form einfach nur sch..., pardon, Mist.
Der Fairness halber sei gesagt: Kurz nach dem Interview gibt Serguei Beloussov noch ein Statement ab, entschuldigt sich für die Aussagen und verweist auf das Open-Source-Engagement seiner Firma.

Wandernder,
30.03.2010 11:11
Axel Schnell,
26.03.2010 17:04
Dieses Motto wird in der OpenSource Community ganz besonders umgesetzt, und macht ihre Stärke aus.
J.N.,
26.03.2010 15:16
tux,
26.03.2010 14:18
... was soviel heißt wie «die schönsten Blumen wachsen auf dem Misthaufen»
stemu,
26.03.2010 13:42
Und die Aussage "I want to be clear that my comments were not meant to be taken in any way seriously" finde ich dann noch verwunderlicher. Ein CEO eines solchen Unternehmens sollte sich seiner Stellung und der Kraft seiner Aussagen bewusst sein! Solches "Zurückrudern" erweckt dann nur den Eindruck von Panik vor Verlusten im aktuellen Geschäftsjahr.