Open Source im professionellen Einsatz

Newsletter abonnieren
Seite durchsuchen

HEFTARCHIV | NEWS | E-BIBLIOTHEK | VIDEO | BLOGS | WHITEPAPER | EVENTS | ACADEMY | ABO | SHOP

user friendly

  Home  »  Blogs  »  floeff  »  Alles sch...?  

RSS-Feed der aktuellen News von Linux-Magazin Online Folgen Sie Linux-Magazin Online auf Twitter

Alles sch...?

Liebe Leserin, Lieber Leser,

Entschuldigen Sie zunächst einmal den derben Titel, aber harte Worte erfordern manchmal deutliche Gegenworte. Serguei Beloussov, seines Zeichens CEO von Parallels, spricht im Interview mit den Kollegen von T3N über Open Source. Doch was muss ich da lesen? Laut Interview ist, ich zitiere, Open Source "ein riesiger Haufen Scheiße", worauf eine seltsame Bezugnahme von Open-Source-Communities mit dem Kommunismus folgt -- ich dachte, die Zeiten solcher Vergleiche hätten wir selbst in den einschlägigen Diskussionsforen schon längst hinter uns gelassen. Schlussendlich folgt die Behauptung, oft würden Implementationen nur aus Interesse der einzelnen Projektleiter erfolgen, nicht immer konform mit Anwenderwünschen und technischen Erfordernissen.

Handelt es sich hier um einen PR-Gag, um in die Medien zu kommen? Letzteres ist auf jeden Fall geglückt, denn nicht nur die klassischen Portale haben die Meldung aufgegriffen, sondern auch die Commun..., Entschuldigung, Gemeinschaften bei Identi.ca, Twitter & Co. Auch ich will es mir nicht nehmen lassen, ein paar Worte dazu zu sagen, denn seit Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich für freie Software, mit einem nicht unerheblichen Zeit- und Geldaufwand. Habe ich etwa aufs falsche Pferd gesetzt und meine Energie in, na, Sie wissen schon, Exkremente gesteckt? Ist die Software, für die ich mich seit Jahren auf Messeständen und in Vorträgen einsetze, nur das Produkt egomanischer Ichlinge?

Mitnichten.

Auch in Open-Source-Projekten ist nicht alles Gold was glänzt, und auch in der Szene der freien Software gilt: nobody's perfect. Das Reizvolle an den Communities ist gerade ihre Vielfalt, denn jeder kann sich beteiligen. Viele Projekte bestehen aus Leuten verschiedener Altersstufen, mit verschiedenen Hintergründen, Erfahrungen, Lebenseinstellungen und Beweggründen. Gerade diese bunte Mischung ist es, die uns auszeichnet, trägt sie doch maßgeblich dazu bei, eine gesunde und aktive Diskussion zu führen, und auch den eigenen Standpunkt nochmals aus der Drittperspektive zu betrachten und zu überdenken. Wo gehobelt wird, da fallen naturgemäß auch Späne. So ist es nicht verwunderlich, dass nicht immer alles ganz rund läuft, dass Diskussionen um Führungsstile, technische Implementationen und Marketing-Fragen geführt werden. Die Emotionalität, mit der das manchmal passiert, zeugt nicht etwa von mangelnder Koordination und Unprofessionalität, sondern ist vielmehr Zeichen dafür, mit wie viel Herzblut und Überzeugung jeder Einzelne an die Sache herangeht.

Aber Hand aufs Herz, soll das in Firmen wirklich anders sein? Müssen dort immer alle ein- und derselben Meinung sein? Gibt es nicht auch hier zumindest insgeheim unterschiedliche Ansichten und Verfechter verschiedener Standpunkte, was am Ende zum bestmöglichen Ergebnis führen könnte? Eine gesunde Diskussionskultur schadet niemandem, nur dass sie in Open-Source-Projekten wie so manch anderes öffentlich geführt wird, anstatt hinter verschlossenen Türen. Von dieser Offenheit profitieren alle: Anwender, Entwickler, Drittfirmen.

Auch vermag ich die Aussage nicht zu teilen, eine "hoch qualitative, schnelle und perfekt koordinierte Projektsteuerung" sei in reinen Open-Source-Projekten nicht möglich. Die Maßstäbe mögen andere sein, aber wer sieht, was die freien Projekte heutzutage leisten, wie viel Engagement in der Freizeit gezeigt wird, unentgeltlich, der kommt nicht umhin, die logistische Meisterleistung der Community-Mitglieder zu würdigen. Erst jüngst auf der CeBIT konnten wir wieder erfahren, dass viele aufgrund unserer Arbeit fest davon ausgehen, unsere Tätigkeit wäre Vollzeit und bezahlt -- in puncto Außenwahrnehmung stehen wir Firmen also in nichts nach.

Jeder Aktive, den ich in der Szene der freien Software kenne, ist offen für Kritik, und akzeptiert und respektiert die Meinung von Leuten, die freie Software für den falschen Weg halten. Doch eine vernünftige Diskussion kann nur dann entstehen, wenn man miteinander redet, offen ist, und Kritik sachlich vorträgt. Zur oben zitierten Aussage kann ich nur mit dem schließen, womit ich angefangen habe, nämlich meiner Meinung zu diesem Statement: das finde ich in der Form einfach nur sch..., pardon, Mist.

Der Fairness halber sei gesagt: Kurz nach dem Interview gibt Serguei Beloussov noch ein Statement ab, entschuldigt sich für die Aussagen und verweist auf das Open-Source-Engagement seiner Firma.

Kommentare (5)
von
Wandernder,
30.03.2010 11:11
Überbewertet
Ich lese überall Kommentare über diese Äußerung und war ähnlich entrüstet. Bis ich den Wortlaut des Interviews gelesen habe - und zu der Überzeugung gelangt bin, dass er das ironisch meinte. Ich halte die Reaktionen dazu leicht überzogen.
von
Axel Schnell,
26.03.2010 17:04
Diversity, it's in our nature.
Als ich vor ca. 10 Jahren die Expo 2000 in Hannover besuchte fiel mir das Motto des britischen Pavillons besonders auf: Diversity, it's in our nature.
Dieses Motto wird in der OpenSource Community ganz besonders umgesetzt, und macht ihre Stärke aus.
von
J.N.,
26.03.2010 15:16
Kann genauso für kommerzielle Software gelten
Alles, was der Parallels-Chef da abgelassen hat, könnte man genauso gut auf kommerzielle Software anwenden. Ich kenne jedenfalls genügend Firmen, die customized Software für teures Geld verkaufen, die angeforderte Änderungen ablehnen, weil sie nicht zur "Philosophie unseres Produkts" passen.
von
tux,
26.03.2010 14:18
Lächle und antworte ...
... z.B. mit einem französischen Sprichwort «Les plus belles fleurs poussent sur le fumier» ...
... was soviel heißt wie «die schönsten Blumen wachsen auf dem Misthaufen»
von
stemu,
26.03.2010 13:42
Beloussov hat Recht...
Beloussov hat durchaus Recht, wenn er sagt, dass Projektleiter teilweise Ihr "Ego" bedienen. Aber wieso denn auch nicht? Ist es verwerflich, wenn jemand mit entsprechendem Engagement und KnowHow dafür etwas Anerkennung erwartet? Und durch den Erfolg von Open Source kann keiner von zu wenig Orientierung am Benutzer sprechen. Benutzer würden eine solche Vorgehensweise gnadenlos bestrafen. Dass oftmals eine "perfekt koordinierte Projektsteuerung" nicht möglich ist, liegt vielleicht an der Sichtweise auf "Perfektion". Was soll das? Die Kunst einer perfekten Projektsteuerung liegt darin, mit den Unwägbarkeiten außerhalb des Reisbrettes zurecht zu kommen und das Projekt trotzdem zum Ziel zu führen. Ich denke im Kommunismus groß geworden zu sein ist kein Kinderspiel, aber freie Communities erinnern mich keinesfalls an den Kommunismus, der im Endeffekt gelebt wurde/wird. Und ein totalitärer Ansatz (kein Ego, perfekte Steuerung) ist mit Sicherheit keine passende Antwort auf Freiheit. Ich denke, da hat jemand den Lauf der Geschichte nicht verstanden.
Und die Aussage "I want to be clear that my comments were not meant to be taken in any way seriously" finde ich dann noch verwunderlicher. Ein CEO eines solchen Unternehmens sollte sich seiner Stellung und der Kraft seiner Aussagen bewusst sein! Solches "Zurückrudern" erweckt dann nur den Eindruck von Panik vor Verlusten im aktuellen Geschäftsjahr.