Open Source im professionellen Einsatz

The Dutch Mountains... Open-Source Groupware heute

 

I met a miller on the back of a cow
He was looking for the wind but he didn't know how
I said: Follow the cloud that looks like a sheep
In the Dutch mountains
In the Dutch mountains

(The Nits, "In the Dutch Mountains")

Rolduc, Kerkrade. Der höchste Punkt des niederländischen Festlandes ist nicht weit weg. Gerade mal 322 Meter hoch ist der "Drielandenpunt" auf dem Vaalserberg in den Ausläufern der Ardennen, wo sich die Grenzen Belgiens, der Niederlande und Deutschlands treffen. Die Europäische Union ist hier weit gediehen: Wer von Aachen zur Abtei von Rolduc fährt, merkt gar nicht, wann er die Staatengrenze überschreitet -- nicht mal ein Schild mit EU-Sternen weist darauf hin. Man ist polyglott, Sprachen mischen sich und Grenzen verschwinden.

Jetzt trafen sich hier mehr als 300 Open-Source-Groupwarespezialisten zu Zarafas Summercamp, aber nicht nur, um über die Produkte des Gastgebers zu diskutieren. Der Groupwaremarkt war immer schon hart umkämpft, noch vor zehn Jahren hatte Microsoft mit seinen Exchange-Servern das Gebiet fast alleine besetzt. Die Vielzahl freier Produkte konnte entweder in Funktionsumfang, Stabilität, Outlook-Support oder aber Skalierbarkeit nicht mit dem Platzhirsch mithalten. Viele Admins mussten zähneknirschend und widerwillig eingestehen, dass an Exchange kein Weg vorbeiführte, auch wenn manch böse Zunge den Server als perfekte Virenschleuder, ideale Einnahmequelle für Consultingunternehmen und hoffnungslos komplex und instabil bezeichneten.

Unübersichtliche Vielfalt

Unter den freien Produkten herrscht auch heute noch Vielfalt: Neben 80er-Jahre-Klassikern mit hybrider Lizenz wie Scalix (vormals HP Open Mail) findet sich das komplett freie Kolab mit dedizierten Clients (Outlook, Kontact -- für Linux, Windows und Mobile), diverse Web-Groupwares wie Egroupware, Tine oder Zimbra. Dazu gesellen sich proprietäre Mailserverprodukte wie beispielsweise Kerios Gateways.

Ein Urgestein der Linux-Groupware, Open-Xchange (ehemals SLOX), sorgt in den letzten Jahren durch umfangreiche Deals mit Hostern für Furore, Zarafa war eher ein Newcomer, der sich im 21. Jahrhundert aus Exchange4linux und dem holländischen Part entwickelte. Mit Open-Source-Implementierungen eines MAPI-PHP-SQL-Stacks und von Active Sync (unter dem Namen Z-Push) sorgten die Mannen um Steve Hardy, Helmuth Neuberger und Brian Joseph für Konnektivität zu Windows-Clients und mobilen Telefonen. Open-Xchange brachte derweil einen neuen Outlook-Connector (Oxtender 2), der auf der Open-MAPI-Implementierung der Münchener VIPcom basiert, integrierte Web-2.0-Dienste wie Facebook, Twitter und Xing und arbeitet dem Vernehmen nach an einer verstärkten Einbindung von Apps ins Web-GUI.

Groupware und Geschäftsmodelle I: Zimbra, Scalix, Kolab

Was Zarafa und Open-Xchange gemeinsam haben? Zumindest den aktuellen Erfolg - glaubt man den Unternehmensnachrichten und den Case Studies, aber wohl auch ein funktionierendes Open-Source-Geschäftsmodell dahinter. Gerade unter diesem Gesichtspunkt betrachtet hat sich in den letzten Jahren die Spreu vom Weizen getrennt: Noch 2007 hat die Linux Technical Review diverse Groupwaresysteme unter die Lupe genommen, der Vergleich fiele heute mangels Relevanz deutlich weniger aufwändig aus.

Kolab, Scalix und Zimbra spielen - zumindest in Deutschland - wohl in Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle. Zimbra allein schon deshalb, weil der Besitzer Yahoo scheinbar gar kein Interesse an dem Markt hat. Die meisten Admins kennen den Namen nur von der Übernahme durch den Suchmaschinenanbieter, nur wenigen ist bewusst, das auch Yahoos Maildienste auf Zimbra basieren. Das scheint den Amerikanern aber wohl auch zu reichen, agressives Marketing ist hier Fehlanzeige.

Kolab? Die Entwickler treiben das Projekt voran, doch fragen sich Beobachter, ob die Stoßrichtung so richtig ist -- oder ob man nicht vielleicht aufs falsche Pferd setzt. Wichtigste Neuerung der letzten Jahre ist der Qt-basierte "Smart Client" für Mobiltelefone. Manch Smartphoneexperte fragt sich da: Mobiltelefone und Qt? Richtig, seit dem Abschied Nokias aus der Riege der Smartphonehersteller geht das eigentlich nicht mehr zusammen. Was dagegen ist mit Android und iOS? Die beiden wichtigsten Plattformen scheint Kolab gelassen links liegen zu lassen. Ob das aufgeht und ob die Active-Sync-Anbindung mit dem (von Zarafa entwickelten Z-Push) für Kunden ausreicht, muss sich erst noch zeigen.

Ein besonders trauriges Kapitel erlebt derzeit wieder mal Scalix. Auf der Enterprise-Groupware mit hervorragender Skalierbarkeit scheint ein Fluch zu lasten. Irgendwann muss wohl mal eine alte Hexe jeden Käufer der Scalix-Company dazu verdammt haben, die Software weiter in den Graben zu fahren, als das ohnehin schon der Fall war. Aktuell darf immer noch Xandros versuchen, so viel Ertrag wie nur möglich aus Scalix herauszuziehen, scheinbar ohne die Entwicklung voranzutreiben: Zwei Jahre ist die letzte Version alt, wohl noch anderthalb Jahre soll es dauern, bis die nächste kommt. Derweil laufen die Kunden in Scharen davon, die Foren quellen über mit wütenden Einträgen von Anwendern.

Nicht zum ersten Mal vergrätzt der Hersteller seine User: 2006 hatte Scalix angekündigt, die zahlreichen, teilweise bei Dritten lizenzierten Closed-Source-Bestandteile so schnell wie möglich unter einer freien Lizenz nachzubauen. Passiert ist jedoch nichts, der Vorwurf der Vaporware steht im Raum, auch bei manchen Ankündigungen des heutigen Besitzers Xandros. Kein Wunder, dass derzeit gerade Zarafa viel von Scalix-Migrationen (zu Zarafa) profitiert. Ein eigener Workshop auf dem Summercamp beschäftigte sich nur mit diesem Thema.

Der Markt scheint aufgeteilt: Ein großer Happen bleibt bei Microsoft, was auf der einen Seite runterfällt, kompensieren die Redmonder derzeit mit unzufriedenen Open-Source-Kunden, die entweder kleinere Groupwares einsetzten oder aber vom Hersteller im Regen stehen gelassen wurden (wie bei Scalix). Eine Nische für Großunternehmen mit komplexen Anforderungen verbleibt bei IBM, die mit Domino/Notes eine Art "Emacs der Groupware-Systeme" gebaut haben -- auch wenn der eben erst richtiges IMAP gelernt hat .

Groupware und Geschäftsmodelle II: Zarafa und Open-Xchange

Zarafa kann dagegen eine erstaunliche - und scheinbar wachsende Zahl - von Kunden aus dem Mittelstand und bei Behörden verbuchen. Die direkt von Endkunden generierten Einnahmen fließen zu einem beträchtlichen Teil in die Weiterentwicklung der Software und Pflege der Community -- getreu dem Single-Vendor-Open-Source-Modell (Dr. Dirk Riehle, Markus Feilner, "Fest Vernetzt", Linux-Magazin 05/11).

Nicht unähnlich macht das Open-Xchange, wobei hier nicht der "On-Premise"-Markt das Hauptziel ist, sondern die Cloud: Der Großteil der Einnahmen stammt von Hostern, die OX als Mail- und Kalenderplattform für ihre Kunden anbieten. Das bringt schnell große Nutzerzahlen, die den Entwicklern Aufschluss über Skalierbarkeit und potentielle Fehler geben. Auch Open-Xchange investiert einen großen Teil der Einnahmen in die Weiterentwicklung und die Community, doch der Open-Source-Gedanke ist dabei nicht so zentral: Die Software "braucht" ja gar nicht beim Endkunden laufen, hier ist eher der Hoster derjenige, der die Rechnung bezahlt - und der Endkunde hat mit Installation und Konfiguration nichts zu tun, er kriegt das Portal einfach mit dem Account "mit".

Enterprise-Open-Source-Groupware für Admins?

Was bedeutet das für den Admin im mittelständischen Unternehmen? Open-Xchange hat ihn irgendwie nicht so auf dem Radar, eher schon Zarafa. Andere Anbieter scheinen nicht in Sicht oder haben sich durch schräge Entwicklungen selbst diskreditiert - freundlicher ausgedrückt: Sie haben Nachholbedarf. Der Erfolg von Zarafa liegt deshalb nicht nur in den Stärken des Produktes, sondern wie meist auch in der schwächelnden Konkurrenz. Davon profitiert aber auch Microsoft.

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