Open Source im professionellen Einsatz

Mehr Einfluss wagen

In einer Interviewserie habe ich sieben Parteien angeschrieben und Ihnen fünf Fragen gestellt, die sich mit Open-Source beschäftigen. Jetzt ist mir um einiges klarer: Die Open-Source-Szene muss politisch aktiv werden.

Die Idee entstand im Juli. Ein Wahlspecial, ein Parteiencheck, der den wichtigsten politischen Gruppierungen bei der Bundestagswahl auf den Zahn fühlen sollte. Bis zum 27. September ist ja genug Zeit, und ich machte mir Gedanken über die richtigen Fragen. Nach ein paar Diskussionen sind die fünf Schwerpunktthemen isoliert und es geht daran, die richtigen Ansprechpartner ausfindig zu machen.

Nicht irgendein Statement der Parteispitze sollte es sein, kein kopierter Auszug aus dem Wahlprogramm, sondern kompetente Ansprechpartner, die wissen, was Open Source ist, die den Hackerparagraphen kennen und wissen, worum es in von der Laiens Zensurgesetz geht. Aber die in den Parteien zu finden gestaltet sich überraschend schwierig. Mit etwas sozialem Geschick und ein paar guten Kontakten erreicht der Journalist den einen oder anderen. Hat man erstmal ein, zwei Fischlein an der Angel, werden auch die Pressestellen der größeren Parteien aufmerksam und geloben, mehr als nur Textbausteine zu schicken. Bis dahin sind allerdings schon mehrere Wochen vergangen.

Jetzt ändert sich das Bild schlagartig. Meine sanfte Drohung "Wir fänden es sehr schade, wenn ausgerechnet Ihre Partei die einzige wäre, bei der wir schreiben müssen: Leider war die XXX über sechs Wochen nicht in der Lage, unsere Fragen zu beantworten.", bewirkt wahre Wunder. Stehen dann die ersten Konkurrenten online ("Schauen sie mal auf www.linux-magazin.de, so stellen wir uns das vor."), und können diese auch noch mit Kompetenz und Posten beeindrucken, dann
erntet der Redakteur echte Kooperation. Der Linuxler reibt sich die Augen, auf einmal sind allen Parteien freie Software und offene Standards ein wichtiges Anliegen. Wie konnte das den Open-Source-Anhängern jahrelang so verborgen bleiben?

An diesem Punkt fiel die Entscheidung, Martin Sonneborn von DER PARTEI trotz des Ausschlusses durch den Bundeswahlleiter dabei zu behalten. Kein anderer Befragter schaffte es, so überzeugend für seine komplette Partei zu antworten. Ohne die Interviews der Kollegen zu kennen, traf der Titanic-Chef voll ins Schwarze. Die Bedeutung von Open Source? "Bisher absolut keine, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Aber jetzt, wo Sie uns drauf ansprechen: Wir sind dafür. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass uns das hier im Netz Sympathien bringen wird?" Volltreffer. Jeder Befragte hätte das so formulieren können, nur hätte es keiner so glaubwürdig rübergebracht. Oder hat man sich nur nicht getraut?

Dennoch ist eines klar: Soviel Zuspruch und Unterstützung für Open Source wie in den Interviews beteuert hat die freie Softwarewelt aus der deutschen Politik wohl noch nie bekommen. Angesichts dessen muss man sich fragen, wo die Förderung bleibt.

Die Parteien sind sich einig: Open Source ist gut, wichtig, relevant und in Deutschland als Standortfaktor mittlerweile unverzichtbar. Da fragt sich der politische Beobachter: Wo bleibt dann Linux, Open Office oder Firefox in Behörden, Unternehmen oder der Politik? Warum erscheint das immer noch vielerorts als Nischen-Thema? Warum werden Gemeinden, deren IT-Abteilungen selbst entwickeln möchten, nicht unterstützt?

Vielleicht liegt es am Wahlkampf, dass die großen Parteien angesichts der zunehmenden Anzahl an Usern, die freie Software benutzen, und immer mehr Arbeitsplätzen, deren Geschäftsmodell darauf aufbaut, nicht mehr darum herumkommen, bei der Community für Schönwetter zu sorgen. Und was ist nächste Woche? Oder nächstes Jahr? Alles wieder vergessen?

Hinter vorgehaltener Hand beschreibt ein Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums die aktuelle Situation folgendermassen: "Die Open-Source-Welt hat keine aktive Lobby. Ihr seid so viele kleine, mittelständische Unternehmen, in denen macht doch keiner mal einen Anruf bei Politikern. Unternehmen wie Microsoft dagegen stehen ständig auf der Matte. Die beschäftigen Mitarbeiter nur dafür, ständig Druck auf die Parteien auszuüben. Das führt zu einem völlig verzerrten Bild bei den Verantwortlichen." Und ein befreundeter Parlamentarier meint: "Die Mehrheit der Politiker handelt nach dem Motto: Zuviel Sachverstand trübt nur die Urteilskraft." Das klingt doch nach Spielraum für Einflußnahme.

Kommunikation ist also das Zauberwort, und da sollte die freie Softwarewelt doch eigentlich im Vorteil sein, das war doch immer eine ihrer Stärken. Wir sollten uns aufmachen, auf die Herren "da oben" zugehen und sie beim Wort nehmen. Vielleicht klingt es auf den ersten Blick blauäugig, aber wieviele Nicht(mehr)wähler haben jemals eine Beschwerde bei Ihrem Bundestags-, Landtags- oder Bürgermeisterkandidaten versucht? In der Regel nehmen die höflich formulierte Anfragen aus ihrem Wahlkreis sehr ernst.

Gerade die Community muss hier mehr Einfluss wagen.

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