“Der Teufel kommt, er hilft uns auf, und sagt uns:
Gott ist tot!
The Lord ist fort
Gott ist tot!
The Lord ist fort
Jawoll!
Gott ist tot”
(Nina Hagen Band, 1978)
Auch wenn ich mir damit sicher nicht viele Freunde mache: Ich halte es nicht mehr aus. Seit Tagen ist die Medienwelt in Aufruhr. Nervtötend überbieten sich große, ansonsten renommierte Tageszeitungen, Zeitschriften und Online-Magazine unisono mit gefühlt täglich 40 Nachrufen und Lobhudeleien zum Tode eines Unternehmensgründers und zugegeben talentierten Vertrieblers aus den USA.
Sogar die erste deutsche Rundfunkanstalt klinkt sich ein und vergleicht Steve Jobs mit Leonardo da Vinci. Der aber war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus, ein wahres Genie, versiert in Hubschrauberbau, Architektur, Malerei, Medizin, Ästhetik und vielem mehr. Steve Jobs dagegen war kein Erfinder oder Künstler wie der Bärtige aus dem toskanischen Städtchen, sondern ein brillianter Verführer, der es mehrfach schaffte, der breiten Masse mit dickem Geldbeutel vermeintlich hypermoderne Geräte zu verkaufen, die technisch versierten eher ein Stirnrunzeln und ein “Was – das geht damit nicht?” abverlangten. Nur wenige Jahre dauerte es, bis andere bessere Geräte zu bauen verstanden.
Auch die Kernfeatures der Appleprodukte hatten meist andere erfunden, nur agierten die nicht so geschickt am Markt – und die Apfelfirma machte einfach das bessere Marketing – Jobs einzig wahre Domäne. Da spielte es dann bei vielen Kunden auch keine Rolle, dass sie sich freiwillig in ein virtuelles Gefängnis begaben, nein im Gegenteil: Es galt sogar als cool, freiwillig viele Euro abzudrücken.
“Apple is not Technology, it’s about Vendor-Lock-In and Religion”, meinte ein befreundeter IT-Spezialist neulich, und er hat vollkommen recht, von bizarren Orwellschen Allüren Jobs ganz zu schweigen. Ob sich daran mit dem Tod des Vordenkers etwas ändert, ist fraglich. Apple scheint in letzter Zeit ohnehin unter Druck und fast schon panisch zu agieren. Unpopuläre Klagen gegen Konkurrenten, kein neues iPhone 5, ein neuer Chef, kurz bevor der beliebte Ex stirbt. Ein Apfel ohne Ikone? Angesichts dessen fühlt sich vieles an wie Krisenmanagement und hektischer Aktionismus. Aber vielleicht hatten die Zeitungen einfach die Seiten schon fürs iPhone 5 verplant und griffen das neue Thema mangels Gerät dankbar auf? Nachrufe auf Prominente hat heutzutage ja fast jedes Blatt vorbereitet in der Schublade…
Steve Jobs hat die IT-Welt geprägt, sicher, aber nicht durch Fachwissen, Expertise, Technologie oder Kompetenz, sondern durch geschicktes Unternehmertum auf Kosten der Kunden – und die sind dankbar und stimmen ein in den medialen Chor des Requiems. Hoffentlich geht das so schnell vorbei, wie es kam. Bis dahin empfehle ich das Kondolenzbuch der Titanic: (Achtung Flash!).

