Microsoft bietet Linux-Images in seinem Open Technologies VM Depot an

© Attila Alexovics 123RF.com

Verkehrte Welt: Für seinen Clouddienst Windows Azure unterhält Microsoft ein ganzes Depot mit vorgefertigten virtuellen Maschinen, in denen ausnahmslos Linux-Systeme lagern. Über ein Tochterunternehmen unterstützt der Konzern offene Projekte und lässt freie Software integrieren.

Linux von Microsoft? Völlig normal, sagen die Marketingleute des Konzerns aus Redmond. Im VM Depot [1] finden Administratoren heute eine riesige Auswahl vorgefertigter virtueller Linux-Maschinen, die sich in Microsofts Cloud starten lassen [1]. Die meisten Images basieren auf einer der bekannten Distributionen, allen voran Ubuntu, Debian, Centos und Open Suse (Abbildung 1).

Abbildung 1: Mit fünf Bewertungen und drei Kommentaren gehört die virtuelle Maschine mit Debian zu den wenigen, die Benutzer bewertet haben.

Abbildung 1: Mit fünf Bewertungen und drei Kommentaren gehört die virtuelle Maschine mit Debian zu den wenigen, die Benutzer bewertet haben.

Mängelliste

Wer sich registriert, darf eigene virtuelle Maschinen zusammenstellen und hochladen. Der überwiegende Teil der Images stammte bei Redaktionsschluss vom Bitnami-Projekt, das auf seinen eigenen Seiten einen “App Store für Server Software” [2] betreibt. In ihm bekommen Interessenten nicht nur zahlreiche virtuelle Maschinen für unterschiedliche Einsatzzwecke und Cloudplattformen, sondern auch beliebte Serversoftware bereits vorkonfiguriert, beispielsweise die Blogger-Tools von WordPress.

Standardmäßig senden diese virtuellen Maschinen verschiedene Informationen an Bitnami zurück, darunter die IP-Adresse, die verwendete Linux-Distribution und die Uptime. Wer das nicht möchte, muss in der Crontab der virtuellen Maschine eine Zeile auskommentieren [3].

Vorsicht ist angebracht, denn im VM Depot darf jede virtuelle Maschine ihre eigenen Lizenzbedingungen mitbringen – Administratoren sollten sich diese Texte deshalb vor der Inbetriebnahme gut durchlesen. Im Depot dürfen registrierte Anwender die virtuellen Maschinen kommentieren und mit bis zu fünf Sternen bewerten, selbst wenn sie sie noch gar nicht genutzt haben.

Bis zum Redaktionsschluss hatte dieses Angebot allerdings kaum jemand genutzt. So gab es nur wenige Maschinen mit mehr als einer Bewertung, auch Kommentare finden sich nur in homöopathischen Dosen. Eine Entscheidungshilfe bieten die Bewertungen somit (noch) nicht. Von Microsoft selbst stammen übrigens keine eigenen oder zertifizierten virtuellen Maschinen.

Die im Depot verfügbaren virtuellen Maschinen lassen sich ausschließlich in der Windows Azure Cloud unter Hyper-V starten. Wer dort noch kein kostenpflichtiges Abonnement abgeschlossen hat, kann den Dienst 90 Tage lang kostenlos testen [4]. VM Depot ist kostenfrei, die Ersteller von virtuellen Maschinen dürfen zudem unbegrenzt viele Exemplare hochladen.

Microsoft empfiehlt – Linux

Microsoft schreibt zwar keine Distribution vor, bevorzugt aber nach eigener Aussage Centos, Open Suse, SLES und Ubuntu. Diese vier hat der Hersteller mit Azure getestet und unterstützt sie offiziell. Dabei gelten allerdings ein paar Einschränkungen, die Microsoft unter [5] zusammenfasst. So muss etwa Ubuntu ab Version 12.04.1 vorliegen, wobei genau diese Version noch ein spezielles Kernelpatch benötigt. Netterweise bietet die Seite auch gleich noch Links auf Downloadseiten der Distributoren. Open Suse bietet sogar schon ein fertiges Basis-Image für Azure an.

Die ausgewählte virtuelle Maschine lässt sich über Kommandozeilentools in die Azure-Cloud schieben. Den dazu nötigen Befehl zeigt VM Depot an (Abbildung 2). Die Kommandozeilen-Werkzeuge sind neben Windows und Mac OS X auch für Linux erhältlich und stehen unter der Apache-Lizenz [6]. Wer eigene virtuelle Maschinen hochladen möchte, muss sie in ein VHD-Image (Virtual-Hard-Disk-Format) verpacken. Dieses Format kann beispielsweise Virtualbox erstellen, leider verdaut Azure dessen neueres VHDX-Format derzeit noch nicht.

Abbildung 2: Den vom Depot angezeigten Startbefehl muss der Admin noch anpassen.

Abbildung 2: Den vom Depot angezeigten Startbefehl muss der Admin noch anpassen.

Hintermänner

Betreiber von VM Depot ist nicht Microsoft selbst, sondern das Tochterunternehmen Microsoft Open Technologies, kurz MS Open Tech [7] genannt. Es soll laut Homepage “eine Brücke zwischen den Microsoft- und den Nicht-Microsoft-Technologien bauen”. Intern nennt MS derlei gerne kurz Interop. Obwohl das Unternehmen erst eineinhalb Jahre alt ist, arbeiten in seinem Auftrag bereits über 70 Personen. Hinzu kommen noch einmal über 200 Mitarbeiter im MS Open Tech Hub, das die Zusammenarbeit mit freien und anderen Microsoft-Mitarbeitern koordiniert [8].

MS Open Tech hat bereits Code zu zahlreichen Open-Source-Projekten und Open-Standard-Initiativen beigesteuert, wobei erwartungsgemäß vor allem die Anbindung oder Integration mit MS-Produkten [9] im Vordergrund steht. Beste Beispiele sind VM Depot und die Azure-Kommandozeilentools, für die MS Open Tech ebenfalls verantwortlich ist.

Außerdem bekam Jquery ein Mobile Theme für Windows Phone sowie die Unterstützung für Windows Store Apps spendiert. Die Datenbank Mongo DB erhielt Verbesserungen für eine Zusammenarbeit mit Azure, in WordPress lassen sich über ein Plugin Bilder und andere Medien in Microsofts Cloud ablegen. Es gibt eine Dotnet-Bibliothek für den Node.js-Package-Manager NPM, die Editoren Vi und Emacs kennen dank MS Open Tech die Syntax von Typescript (ein Microsoft-Konkurrent zu Javascript), während Apache Hadoop und der Microsoft SQL Server über einen Connector Daten austauschen.

Eclipse für Java, Hudson und Jenkins erhielten jeweils Plugins für die Unterstützung von Azure und auch der Apache Zookeeper arbeitet dank MS Open Tech mit Azure zusammen. Darüber hinaus gab MS Open Tech einige von Microsoft entwickelte Standards frei. Dazu zählen unter anderem die Reactive Extensions (Rx), Actor Fx, das Entity-Framework (ein Datenbank-Mapping-Tool für Dotnet), Web PI (Microsofts Web-Platform-Installer) und das ASP-Dotnet-MVC-Framework.

Projekte, die nicht direkt an Microsoft-Produkte gebunden sind, muss man schon gezielt suchen. So arbeitete MS Open Tech an der Spezifikation für HTTP 2.0 mit und veröffentlichte dazu sogar ein Apache-Server-Modul.

Fazit

Das VM Depot ist zweifellos eine interessante zentrale Anlaufstelle für alle, die in Microsofts Cloud eine virtuelle Maschine auf Linux-Basis zünden möchten. Dank Bitnami ist die Auswahl reichhaltig. Spätestens jedoch an den fehlenden Kommentaren und Bewertungen merkt man schnell, dass sich das Depot noch im Aufbau befindet und noch recht wenige Benutzer anzieht. Der Start von Maschinen erfolgt zudem weiterhin über kryptische Kommandozeilenbefehle.

Mit dem Betreiber MS Open Tech kanalisiert Microsoft zugleich marketingwirksam sein Engagement im Bereich der Interoperabilität, offenen Standards und Open Source. Das ist jedoch ganz auf die eigenen Diente ausgerichtet, allen voran Azure: Wenn Anwender schon freie Software bevorzugen, dann sollen zumindest die Daten in Microsoft-Diensten und Produkten landen. Andererseits ist es für freie Projekte von Vorteil, wenn sie solche Unterstützung erhalten. Durch die Anbindung von Azure werden vielleicht weitere Anwender auf die Linux-Maschinen aufmerksam, die zuvor proprietäre Produkte genutzt haben.

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