Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2011
© Dmitriy Melnikov, 123RF.com

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Zum Geburtstag: Knoppix 6.4

Zehn gewinnt

Für eine personell dünn besetzte Linux-Distribution wie Knoppix sind zehn Jahre ein beachtliches Alter. Klaus Knopper blickt darum mit Freude zurück und hat soeben die Version 6.4 zusammengestellt. Die besteht als Hommage an die Community ausschließlich aus freier Software.

1894

"Zurück zur Kommandozeile?", "Ich hab's euch ja immer gesagt, Unix ist was für Freaks", "Hilfe, mein Rechner spricht mit mir!" – monierten Anfang 2009 zahlreiche Knoppix-CD-Benutzer über das damals erschienene Knoppix 6.0. Was war passiert? Klaus Knopper hatte einfach das sprechenden Adriane-Menü für Blinde [1] beim Booten als Default eingestellt – die sehende Mehrheit war entsprechend verwirrt.

Allerdings handelte es sich nicht um ein Missgeschick des damals 40-jährigen Österreichers, denn in den Release Notes hatte er korrekt dokumentiert, was passiert, wenn man im Bootmenü auf [Enter] drückt, und dass die Bootoption »knoppix« den ursprüngliche grafischen Desktop startet. Knopper legte bewusst eine Finte: Er wollte erreichen, dass normalsichtige Benutzer einmal erfahren, wie es ist, einen Computer ohne grafische Benutzeroberfläche zu bedienen, vielleicht sogar ganz ohne Monitor. Und tatsächlich, berichtet er, habe er so ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für das Thema Accessibility erzeugt.

Die Anekdote lehrt, dass Knoppix [2] , [3] keine kommerzielle Distribution ist, die sich immer und zu jeder Zeit an den Wünschen des Mainstream orientieren müsste. Knopper leistet sich ab und zu Experimente, die Verantwortlichen solcher Distributionen nicht in den Sinn kämen. Dieses nicht unsympathische Unterscheidungsmerkmal ist nicht das einzige: Klaus Knopper sieht Knoppix nicht als eigenständige Distribution, sondern als für Live-Medien optimiertes Debian (siehe Kasten "Klaus Knopper im Interview" ).

Klaus Knopper im Interview

Knoppix-Erfinder Klaus Knopper, Jahrgang 1968 und Dipl.-Ing. der Elektrotechnik, über die großen Unterschiede zwischen der Distributionsentwicklung vor zehn Jahren und heute, sein Verhältnis zu Debian und die künstlerischen Ambitionen seiner Katzen.

Linux-Magazin: Klaus, warum wolltest du damals eine eigene Distribution backen?

Klaus-Knopper: Anfangs wie heute war Knoppix ein großes Experimentierfeld für meine eigene Weiterbildung – ich wollte die Interna von GNU/Linux kennenlernen und die neueste Linux-Software ausprobieren. Als es nach den ersten Versuchen tatsächlich von CD startete, lag der Schritt nahe, meine Lieblingssoftware auf dem Live-System unterzubringen – und eben nicht eine Promo-Live-CD für irgendeine kommerzielle Vollversion. Knoppix ist zum produktiven Arbeiten mit einer repräsentativen Auswahl an Software gedacht, ohne den Aufwand einer Festinstallation betreiben zu müssen.

Hätte ich geahnt, wie stark es sich mal verbreiten würde, dann hätte ich einen besseren Namen als "Knopper's Unix System" gewählt, zumal mir Freunde sagen, dass "Knoppix" mehr nach einem Schokoriegel klingt würde als nach nahrhafter Software.

Linux-Magazin: Wie laufen heute die letzten Wochen vor einem Release bei dir ab?

Klaus-Knopper: Der Löwenanteil der Arbeit fällt heute nicht mehr für neue Features an, sondern darauf, die Software der Basisdistribution zu debuggen. Um aktuell und dennoch stabil zu sein, verwendet Knoppix eine Mischung aus Debian Stable, Testing und Unstable, gelegentlich auch Pakete aus Experimental.

Gerade in den neueren Paketen sind trotz des mehrstufigen Qualitätsmanagements von Debian noch Fehler. Für die integriere ich Workarounds in das Bootsystem. Fehler, die durch neue und relativ komplizierte Frameworks entstehen, sind oft schwer zu finden. Ich denke an HAL, Policykit und ähnliche, die Debian mitunter wieder verwirft und durch einen Nachfolger ersetzt, der aber nicht weniger komplex ist und auch seine Kinderkrankheiten hat.

In der letzten Zeit gibt nicht mehr so viele spektakuläre Sprünge, wie zu der Zeit als die 3D-Desktops aufkamen. Das ist auf der einen Seite gut, weil planbar. Auf der anderen Seite ist der Platzbedarf und die Einarbeitung bei neuen größeren Erweiterungen recht hoch. Ich bin jetzt ganz froh, mal ein Release zu veröffentlichen, in dem weniger neue Features, aber dafür auch weniger Fehlerquellen sind.

Linux-Magazin: Hast Du damals allein angefangen? Wie viele Leute arbeiten heute außer Dir an Knoppix?

Klaus-Knopper: In den ersten Jahren hatte ich noch relativ viel Zeit zum Ausprobieren und Entwickeln neuer Features. Durch die unglaubliche Menge an neuen Konzepten und Systemen reicht die Freizeit eines Einzelnen dafür nicht mehr aus. Daher bin ich froh, dass hin und wieder ein paar befreundete Entwickler beim Testen und beim Fehlerbeheben helfen. An erster Stelle nenne ich hier Martin Öhler, der die erste Games-Knoppix mit kommerziellen 3D-Spielen zusammengestellt hat, und heute noch in vielen Knoppix-verwandten Projekten mitarbeitet.

Meine Frau Adriane hilft mit, Knoppix für blinde Computernutzer besser bedienbar zu gestalten. Sie testet neue Features ausgiebig und ist sehr hartnäckig bei Verbesserungsvorschlägen. Ansonsten gibt es derzeit kaum regelmäßige Mitarbeiter, vielleicht weil wir keine offizielle Entwicklungsplattform außer den Debian-typischen Supportstrukturen haben.

"Hin und wieder Gimmicks einbauen"

Linux-Magazin: Ein Release zu backen ist das eine, die laufende Pflege einer ganzen Distribution das andere. Sind Distributionen wie Fedora, Debian oder Open Suse mit großer Community nicht uneinholbar im Vorteil?

Klaus-Knopper: Meine Hauptarbeit besteht darin, das eigene auf Live-Betrieb optimierte Bootverfahren zu pflegen und zu erweitern, und hin und wieder ein paar Gimmicks einzubauen, die Standarddienste zu bündeln, beispielsweise zum Knoppix-Terminalserver, der aus DHCP-Server, TFTP, NFS und Squid besteht. Der erlaubt es, ein ganzes Klassenzimmer mit nur einer DVD per PXE-Boot unter Linux laufen zu lassen. Dabei besteht der interaktive Teil des Terminalservers, wie die meisten Knoppix-spezifischen Teile, nur aus einem Shellskript, das Konfigurationsaufgaben erledigt und die benötigten Dienste startet.

"Ich bin mit Debian ganz zufrieden"

Linux-Magazin: Wäre es eine Option für Dich, auf eine andere Distribution als Basis umzuschwenken?

Klaus-Knopper: Empfehlungen dieser Art habe ich mehrere bekommen. Ich bin aber mit Debian eigentlich ganz zufrieden. Eine reine Community-Distribution kann kein Konzern kaufen und niemand patentverklagen. Von seiner Struktur her bestünde aber die Möglichkeit, Knoppix auf Basis einer anderen Distribution zu bauen, denn das Skriptsystem ist relativ wenig distributionsabhängig. In der allerersten Testversion baute Knoppix noch auf Red Hat auf, bevor ich 2001 zu Debian umgestiegen bin.

Linux-Magazin: Ein besonders Anliegen scheint Dir die Benutzbarkeit von Linux für Blinde und Sehschwache zu sein.

Klaus-Knopper: Computer können ein sehr praktisches und leicht bedienbares Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte sein, wenn sie mit der richtigen Software ausgestattet sind und eine blindengerechte Benutzeroberfläche haben, die nicht unbedingt rein grafisch sein muss. Ich wusste das schon, bevor ich meine spätere Frau Adriane kennen lernte. Sie war sehr schwer davon zu überzeugen, dass Computer und das Internet eine praktische Geschichte sind, wenn man sich etwas einarbeitet.

Heute würde ihr die Skepsis niemand mehr abkaufen, da sie inzwischen am Computer schneller arbeitet als mancher Sehende. Wir haben viele freie Accessibility-Komponenten, den Screenreader SBL, den Sprachsynthesizer Espeak oder den Javascript-fähigen Textbrowser Elinks in ein Menüsystem gepackt, das speziell für blinde Computeranfänger einen guten Einstiegspunkt bietet. Für Sehbehinderte ist auch der grafische Screenreader Orca in Kombination mit Compiz Fusion für eine Echtzeitvergrößerung des Bildschirms installiert. Zum Lesen von geduckter Post benutzen wir Ocropus und Tesseract sowie Gnokii/Gammu für den Zugriff auf SMS über das eigene Handy.

Linux-Magazin: Wenn wir schon beim Persönlichen sind: Von Knoppix kann die Familie Knopper vermutlich nicht leben. Du arbeitest im Hauptberuf an einer Hochschule?

Klaus-Knopper: Ich habe eine halbe Dozentenstelle an der Fachhochschule Zweibrücken, wo ich betriebssystemunabhängig Softwaretechnik und Software-Engineering unterrichte. Im "Hauptberuf" berate ich aber als Selbstständiger Firmen im Bereich IT und entwickle Open-Source-Software im Auftrag. Dabei ist Knoppix enorm nützlich – es gibt viele kommerzielle Projekte, die auf der freien Version aufbauen oder eng mit ihr verwandt sind. Man kann von Open Source also tatsächlich leben.

Linux-Magazin: Nach unseren Recherchen kannst Du Dich auch für Katzen und fürs Musizieren begeistern. Gibt es einen Katzenmusik-Sequenzer, den du in Knoppix 6.5, das für das Frühjahr 2011 ansteht, einbauen kannst?

Klaus-Knopper: Für 2011 habe ich schon Ideen, die ich aber noch nicht verraten will. Sie haben ein bisschen mit Linux-Tablet-PCs zu tun und weniger mit Katzen. Dass die aber bekannterweise musizieren und Bilder malen können [5] , macht sie als Kunstschaffende für ein zukünftiges Knoppix-Artwork interessant. Ich werde abends darüber mit meinen schnurrenden Mitbewohnern meditieren.

Einfach reinschieben als Massenphänomen

Diese Bescheidenheit ist technisch vielleicht nicht ganz unbegründet, spielt aber die Bedeutung von Knoppix unzulässig herunter. Denn seit Knoppers Projekt stabile Ergebnisse liefert, haben ganze Generationen von Sysadmins, Linux-Beratern und PC-Technikern Knoppix-CDs und -DVDs in ihre und in fremde Computer geschoben. Am Ende diesen Jahres feiert Knoppix nun seinen zehnten Geburtstag – ein schöner Erfolg im Angesicht des unüberschaubaren Zoos an Linux-Distributionen. [4]

Knoppix 6.4 zum Download oder auf DELUG-DVD

Anlässlich des Jubiläums hat Knopper nun die Version 6.4 auf seiner Webseite veröffentlicht. Die DELUG-Ausgabe des Linux-Magazins ist übrigens die erste Computerzeitschrift am Kiosk, die die DVD rausbringt. Als Tribut an den Gedanken und die Community der freien Software hat der Knoppix-Vater diesmal mit Ausnahme der Firmware für einige Chipsätze keinerlei proprietäre Software in seine Distribution integriert. Es gibt keinen Flash-Player, kein Adobe Reader, keine Nvidia-Treiber und er hat Oracles Java durch Open JDK ersetzt, inklusive des Java-Plugins für Firefox.

Die Liste der Neuerungen unter den 3 000 Softwarepaketen ist sehr umfangreich, denn Debians Community bringt laufend »testing« -Aktualisierungen und neue Features heraus, die Knopper in jede Version einpflegt. Knoppix 6.4 ist also auf dem Stand des künftigen Debian Squeeze, ein paar Beispiele:

  • Kernel 2.6.36 im 32-Bit-Kompatibilitätsmodus, der mit den allermeisten Intel- und AMD-CPUs läuft.
  • Das freie Nouveau-Modul für X.org, mit dem bei diversen Nvidia-Karten beschleunigtes 2D, 3D und Compiz funktionieren.
  • Die Module für Intel i915, Radeon und Nouveau verwenden jetzt alle Kernel Mode Setting (siehe Kasten "Knoppix mit Nvidia-Karten" ).

Knoppix mit Nvidia-Karten

Für die Grafikmodule mit Kernel Mode Setting musste Knopper die Framebuffer-Konsole opfern. Speziell beim Nouveau-Treiber kommen Nvidia-Karten-Besitzer deswegen aus X11 nicht auf die Textkonsole zurück. Beim Umschalten mit [Strg] + [Alt] + [F1] bleibt der grafische Bildschirm stehen, nicht aber der Rechner – auch wenn es so aussieht. Denn [Strg] + [Alt] + [F5] führt wieder zu X zurück. Mangels Framebuffer findet bei den Betroffenen auch das Herunterfahren des PC im Dunkeln statt. Als Ausgleich funktioniert der 3D-Desktop Compiz mit dem freien Nouveau-Treiber.

Sollten Besitzer einer exotischen Nvidia-Karte gleich nach dem Booten einen dunklen oder zerwürfelten Bildschirm zu sehen kriegen, sollten sie nacheinander folgende Optionen auf dem Bootprompt versuchen:

knoppix xmodule=nouveau
knoppix xmodule=nv
knoppix xmodule=vesa
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Sehr, sehr selten ist folgende Radikalkur nötig: »knoppix acpi=off noapic nolapic« . Eine längere Liste der Bootoptionen liefern die Datei »KNOPPIX/knoppix-cheatcodes.txt« auf der DVD sowie Hilfetexte, die unmittelbar nach dem Start durch Drücken von [F2] und [F3] erscheinen.

  • Cloop 2.636 Realtime Block Decompression, entpackt aus dem 4GByte großen Datenarchiv auf der DVD transparent und während der Laufzeit rund 9 GByte an Software.
  • Dank von Knopper handoptimierter Udev-Skripte erkennt Knoppix Partitionen und Dateisysteme beim Booten etwas schneller als bisher.

Anlässlich der jährlichen Tamesweger Knoppixtage in Österreich [6] hat Klaus Knopper einige Mathematik-Pakete für Lehrer aufgenommen, zum Beispiel (X)Maxima mit Anbindung an Texmacs, Geogebra und Scilab. Durch Mathematik inspiriert hat er sich für Version 6.4 für einen fraktalen "Fisch" als Hintergrundbild entschieden (siehe Abbildung1). Das Programm Chaoscope [7] , das die Desktopoberfläche berechnet hat, ist zwar ein Windows-Programm. Es ist aber kostenlos, soll irgendwann GPL werden und läuft laut Knopper mit Wine hervorragend unter Linux.

Abbildung 1: Den Desktop vom Knoppix 6.4 ziert ein fraktales Hintergrundbild. Die Inspiration dazu bekam Klaus Knopper bei einem Treffen mit österreichischen Mathematiklehrern.

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