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Linux-Magazin 08/2009
© Ronen, Fotolia.com

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Sechs Linux-VoIP-Clients im Vergleich

Quasselstrippen

Ruf mal wieder an - zahlreiche VoIP-Clients laden zum Telefonieren und Chatten unter Linux ein. Nach einem ausführlichen Test der aktuellen Softphones ist die Bilanz jedoch ernüchternd: Nur ein Programm überzeugte und ermöglichte die Kommunikation über NAT-Grenzen hinweg.

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Fast zwei Jahre ist es her, dass die Zeitschrift "LinuxUser" fünf VoIP-Clients getestet hat [1]. Inzwischen hat sich einiges getan - Zeit für einen weiteren Blick auf die Softphones. Leider bedeutet eine neue Version nicht in allen Fällen neue Features und verbesserte Funktionen. Nur ein einziger Client tat sich hervor und überzeugte auf dem Testsystem (siehe Kasten "So haben wir getestet").

So haben wir
getestet

Die Protokolle SIP (Session Initiation Protocol) und RTP (Realtime Transport Protocol) ermöglichen das Telefonieren übers Internet. Dabei ist SIP für den Aufbau, für die Steuerung und den Abbau der Gespräche zuständig; RTP hingegen übernimmt den Transport der audiovisuellen Daten. Ein Artikel in der vorigen Ausgabe [2] zeigt, dass der Transfer von SIP und RTP aus einem privaten Subnetz hinter einem NAT-Gateway nicht ganz trivial ist.

Um möglichst praxisnahe Bedingungen zu bieten, bestand der Testaufbau für diesen Artikel aus einem Single-Prozessor-AMD64 mit der aktuellen Ubuntu-Version 9.04 in der 32-Bit-Fassung, der über eine Fritzbox Fon WLAN 7050 per DSL mit dem Internet verbunden war. Port-Weiterleitungen für VoIP waren am Router nicht aktiv. Viele der im Test aufgetretenen Probleme dürften auf dieses Setup zurückzuführen sein und bei einer direkten Anbindung ans Internet wegfallen.

Die Tester richteten verschiedene SIP-Konten bei Ekiga.net, Sipgate und GMX ein; teilweise kamen Gateways zwischen SIP und dem herkömmlichen Telefonnetz zum Einsatz. Das Logitech-350-USB-Headset und die Logitech-Quickcam Messenger arbeiteten problemlos mit dem Testrechner zusammen.

Die Kandidaten

Die folgenden Programme treten gegeneinander an: Ekiga [3], Kphone [4], Linphone [5], SFLphone [6] und Twinkle [7]. Zum Einsatz kam jeweils die Version aus dem offiziellen Ubuntu-Paketarchiv, da die Installation aus den Quellen einschließlich aller Abhängigkeiten mitunter mühsam ist. Daher sind nicht alle Testkandidaten in der neuesten Version vertreten (Tabelle 1). Wegen seiner weiten Verbreitung durfte auch Skype [8] im Test mitmischen und zeigen, wie es gegenüber den freien Konkurrenten abschneidet (siehe Kasten "Plattformunabhängig, aber proprietär: Skype").

Tabelle 1: VoIP-Clients im
Vergleich

Qutecom [9], der Nachfolger von Wengophone, hätte ebenfalls mit von der Partie sein sollen. Das auf der Projekt-Homepage angebotene Paket lässt sich allerdings wegen zahlreicher ungelöster Abhängigkeiten nicht installieren. Probleme bereitet auch der in Java geschriebene SIP Communicator [10], der zukünftig neben SIP auch diverse andere Protokolle unterstützen soll. Die derzeit erhältliche Alphaversion bietet im Dialog zur Konto-Erstellung eine exotisch anmutende Vielfalt: AIM, Dict, Google Talk, Gibberish, ICQ, IRC, Jabber, MSN, RSS, SIP, SSH, Yahoo und Zeroconf. Die SIP-Unterstützung in der getesteten Release 1.0 Alpha 3 funktionierte aber zumindest in der Testumgebung fast gar nicht.

Ekiga

Ubuntu liefert Ekiga als festen Bestandteil des Gnome-Desktops in Version 3.2.0 aus. Gegenüber der Vorgängerversion 2.0.12 ist das Design etwas überarbeitet. Der Hauptbildschirm (Abbildung 1) präsentiert nun eine Liste der Kontakte mit deren Onlinestatus (verbunden, abwesend, nicht stören und so weiter).

Abbildung 1: Der Startbildschirm von Ekiga zeigt eine Liste der Kontakte. Rechts erscheint bei angeschlossener Kamera das eigene oder (während eines Videochats) das Bild des Gegenübers.

Beim ersten Start bietet der Konfigurationsassistent an, ein kostenloses Konto bei Ekiga.net anzulegen. Falls kein Bedarf nach einem solchen Account besteht, setzt der Anwender ein Häkchen in die entsprechende Checkbox. Der folgende Dialog legt auf Wunsch ein Konto an, um ins herkömmliche Telefonnetz anzurufen. Leider bietet der Ekiga-Assistent nicht an, ein Konto eines anderen Anbieters einzutragen; das holt der Anwender zu einem späteren Zeitpunkt über den »Bearbeiten«-Dialog nach.

Ekiga unterstützt den Anwender auch bei der Konfiguration der Übertragungsraten sowie der verwendeten Audio- und Video-Hardware. Apropos Hardware: Ekiga bietet für aktive Kameras an, die Helligkeit, den Kontrast und den Weißabgleich einzustellen. Damit entlockte der Client der relativ preiswerten Test-Webcam auch bei schlechteren Beleuchtungsverhältnissen ein brauchbares Bild.

Die Konfigurationsdialoge des Programms sehen ähnlich wie in früheren Versionen aus, allerdings muss der Benutzer für einige Einstellungen, etwa die SIP- und RTP-Ports oder die eigene IP-Adresse, auf den externen Gnome-Konfigurationseditor ausweichen. Ganz weggefallen ist die Log-Funktion, die früher viele hilfreiche Informationen zur Fehlersuche aufzeichnete und zum Beispiel die Registrierung beim Anbieter und den Gesprächsaufbau einschließlich verwendeter Codecs protokollierte.

Das neue Ekiga zeigte leider noch ein paar Macken mehr im Test: Arbeitete die 2er Version mit allen Anrufvarianten auch hinter einem NAT-Router einwandfrei, kam im Test der Version 3.2.0 bei empfangenen Anrufen der Ton des Gegenübers nicht an. Zudem kam es mitunter zu Phantom-Verbindungen: Hier teilte Ekiga bei einem ausgehenden Anruf zwar unverzüglich mit, dass die Verbindung aufgebaut sei, beim Angerufenen kam allerdings noch nicht einmal ein Rufsignal an. Bei Telefonaten mit dem programmeigenen Echodienst, betrug die Latenz zwischen Sprechen und Hören mehr als eine Sekunde. Zugegeben: Das könnte auch am Echodienst selbst liegen, die lange Latenz trat allerdings bei den anderen SIP-Clients nicht auf.

Unschön ist vor allem, dass Ekiga während der Registrierung beim Provider die IP-Adresse aus dem privaten Netz verwendete, obwohl es die öffentliche Adresse hätte sein sollen. Das führte dazu, dass die SIP-Provider 1&1 und GMX schon die Registrierung ablehnten [11] und mit »403 Forbidden« antworteten.

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