Die mit rund 19.400 Mark nicht eben belanglos billige Workstation ist wie die baugleiche SGI 230 optisch ein echtes Schmuckstück. Ein forschender Blick unter die - ohne Werkzeug abnehmbare - Haube bringt das sauber verarbeitete Innenleben zur Ansicht. Die beiden 800 MHz Pentium-III-Prozessoren thronen vor einem 12cm-Lüfter. Daneben ragt das Herzstück der Grafik-Workstation aus dem AGP-Pro-Slot: die SGI VR3-Grafikkarte mit 64 Megabyte.
Alle andere Peripherie wie SCSI-Contoller, Netzwerkanschluss und Sound-Hardware sind auf dem Mainboard integriert. Darum stehen alle fünf PCI-Slots für Erweiterungen frei zur Verfügung.
Lästig ist hingegen, dass in allen drei DIMM-Slots Speicherriegel stecken; aufrüsten wird problematisch. Wie sich späterer herausstellen sollte, ist an der Stelle sowieso der Hund begraben.
Die PCI-Komponenten geben sich einsilbig
Das OEM-Mainboard lässt sich durch Software-technische Inaugenscheinnahme nicht näher spezifizieren: die PCI-Abfrage des Subsystems mittels lspci -vvv liefert, "Acer Incorporated" für alle Onboard-Komponenten, Audio und SCSI-Controller.
Einer der beiden Ultra 160 SCSI-Kanäle ist über eine etwas kompliziert anmutende Kabelführung an den Laufwerksschächten vorbei, knapp unterhalb des Netzteils nach außen geführt. Der andere Kanal wird exklusiv für die rund 18 Gigabyte große Festplatte genutzt. Diese haben die SGI-Entwickler rücklings in einen leicht zugänglichen 3 3/4 -Zoll-Schacht platziert - bei älteren Laufwerken würde diese Einbaulage zum Frühausfall der Platten- Lagermechanik führen. In die Kategorie gehört die verbaute Seagate-Platte offenbar nicht, da SGI auf das Gesamtsystem drei Jahre Garantie gewährt. Auf der recht cool aussehenden Tastatur prangen einige Windows-only Tasten, die jedoch bei Befolgung des Listing 1 einer sinnvollen Belegung in Linux-Konsolen zuführbar sind.
Aufgeräumtes Inneres: Dank Onboard-SCSI, -Ethernet und -Audio bleiben alle fünf PCI-Slots frei.
Nvidia-Treiber richtet Speicherhürden auf
Nach dem Einschalten der Maschine zeigt der Bildschirm ein ganzseitiges SGI-Logo; ein klarer Fall von Nicht- Standard-PC. Im Labor spielten die Tester zunächst eine ältere RedHat 6.2 in der Installations-Variante "KDE-Workstation" auf die jungfräuliche Platte. RedHat 7 zu verwenden verbietet sich im Moment, da die "SGI ProPack 1.3 Visual Workstation Edition" noch nicht für diese Version angepasst ist. Stattdessen kam ein in der Redaktion vorrätiges ProPack 1.3 VWE zum Einsatz. Nach install_vwe von der CD-ROM und einem Reboot, um den gepatchten Kernel zu aktivieren soll laut Readme der 3D-Freude nichts mehr im Wege stehen. Doch da hatten die Tester die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Das ansonsten gut durchdachte Installationsskript erzeugte einen falschen Eintrag in der lilo.conf, so dass zunächst ein Kernel ohne Nvidia-Treiber geladen wurde. Dieser verzeihliche Fehler dürfte mit SuSE und Turbolinux nicht auftreten.
Gravierender jedoch war der prompte und reproduzierbare Systemabsturz beim Start des X-Servers mit dem richtigen Kernel sgilinux-smp. Innerhalb der etwa vier Stunden Fehlersuche lieferte der Rechner immer das gleiche Bild. Unter anderem wurde eine Elsa Gladiac eingebaut und die passenden Nvidia-Treiber (Version 0.95) installiert.
Seinem Latein dem Ende bedrohlich nahe, erinnerte sich ein Testingenieur an eine Leserzuschrift, die zurecht beklagte, dass Nvidia-Treiber nicht mit mehr als 768 MByte Hauptspeicher umgehen können. Die Entfernung eines Speicherriegels erweckte dann endlich das Produkt aus dem Hause Elsa wunschgemäß zum Leben. Die Kernel-Boot-Option "mem=768M" wäre eine Software-seitige Alternative zum geschilderten Speicherausbauen. Aus praktischen Gründen wurde später der SGI-Bolide mit dem Geforce2 GTS-Chip vermessen. Danach kam wieder das install-vwa-Skript zum Einsatz, das den manuell installierten Kernel und XFree86-4.0.1 inklusive Nvidia-Treiber von der Platte putzte, zugunsten der VR3 mit der SGI-eigenen Software.
Von da an, mit nur 768 MB, verhielt sich das Gerät wie gewünscht: höllisch schnell. Doch die Freude im Testlabor hielt nicht übertrieben lang: Liefen auf dem Gerät mehrere Anwendungen parallel, und wechselt man dann wiederholt zwischen Text- und Grafikkonsole hin und her (CTRL+ALT+F1, CTRL+ALT+F7), lässt sich innerhalb kürzester Zeit ein Systemabsturz provozieren. Dies ungehörige Verhalten war bei der kleineren SGI 230 nicht anzutreffen. Es ist zu vermuten, dass dabei die in der Readme-Datei des ProPack angesprochenen Implikationen bei SMP-Systemen zum Tragen kommen. Die Redaktion suchte bei SGI und Nvidia um eine Stellungnahme nach. Bis zum Redaktionsschluss konnten sich beide Firmen nicht zu einem Statement durchringen. Wer den Systemabsturz nicht dulden mag, muss also die Möglichkeit, auf virtuelle Konsolen zu wechseln, mit Hilfe der entsprechenden Option in der XF86Config unterbinden - keine Lösung, aber eine Abhilfe.
Die Grafikkarte SGI VR3 ist das eigentlich Herz der SGI330 Grafik-Workstation