Er wird mir fehlen. Nicht jeden Tag, aber ein, zwei mal im Jahr schon. Ich mochte ihn so, wie man einen Hagelschauer im Juni mag, der regelwidrig die grünen Blätter von den Büschen fegt und auf dem Rasen kleine Häufchen von Eismurmeln und panische Insekten hinterlässt. Klar, der um seine Salatköpfe bangende Kleingärtner teilt solche Sympathien nicht. Doch Hagelschlag hat etwas, was dem täglichen Einerlei aus Sonne und Wolken abgeht: Unterhaltungswert! Das laute Prasseln am Fenster, der ins Haus flüchtende Nachbar und – nach dem Schauer – die Autobesitzer bei der Suche nach Dellen… Hagel entreißt uns dem trägen Monster, das da Langeweile heißt.
Er wird mir fehlen, dieser Darl McBride. Oft dann, wenn ich ein Editorial schreibe und darin jemanden brauche, um ordentlich drauf rumzuhacken. Dafür eignete sich dieser McBride wie kaum ein anderer – er war mein dickstes Hagelkorn, mein Eisregen, meine Schneekatastrophe im August.
Er wird mir fehlen. Klar, wer ein Linux-Business betreibt, findet McBride und die Firma SCO ganz furchtbar, die mit der hirnrissigen Behauptung, Linux enthalte Unmengen geklauten Unix-Codes, über Jahre abstruse Prozesse führten. Mir aber lieferte er Stoff zum Schreiben. So sagte Darling Darl auf einer Messe: “Linux arbeitet nach dem Prinzip der freiwilligen Feuerwehr. Freiwillige Feuerwehren sind großartig, weil sie nichts kosten. Aber manchmal sind sie einfach nicht da.” Ein herrlich schiefes Bild, dass nicht nur Linuxer entrüstet zurückweisen, sondern auch jedem freiwilligen Feuerwehrmann die Zornesröte unter seinen Helm zaubert.
“… Aber manchmal sind sie einfach nicht da.” – Nun ist Darl McBride einfach nicht mehr da. SCOs Konkursverwalter hat ihn entlassen. Wie\’s aussieht braucht die Firma mangels Geschäft auch keinen Geschäftsführer mehr. Um Anwälte zu besolden, reicht ein Buchhalter.
Ein guter Nachruf sollte Trost spenden, so auch dieser. Die frohe Botschaft: Unproduktive Firmen mit grenzdebilen Chefs wachsen genügend nach. Mein derzeitiger Favorit heißt Michael David Doyle und schreibt Sätze auf wie: “Geistiges Eigentum ist das Lebenselixier der US-Wirtschaft. Der Hauptgrund dafür ist der Erfolg des US-Systems, das es Unternehmen erlaubt, Innovationen zu entwickeln und zu vermarkten, ohne dass Wettbewerber in unfairer Weise von der harten Arbeit innovativer Firmen profitieren.”
Seine Firma Eolas besitzt das Patent 5,838,906, das folgende “harte Arbeit einer innovativen Firma” schützt: Der Benutzer einer Webseite ruft Anwendungen via Mausklick auf. Punkt. WWW-Erfinder Tim Berners-Lee warnt schon lange vor dem Patent-Troll. Drei Mal hat das US-Patent- und Trademark-Office das Eolas-Patent überprüft: Gültig! Eolas konnte bereits 2005 ein Mausklick-Urteil gegen Microsoft erwirken – mit 565 Millionen Dollar Schadensersatz. Microsoft verzichtete auf ein Berufungsverfahren, weil es als aussichtslos galt, und “einigte” sich 2007 außergerichtlich.
Gerade hat Michael Doyle vor einem texanischen Gericht gegen 24 Konzerne Klage eingereicht, darunter Pepsi, JP Morgan, Google, Adobe und Yahoo. Medien haben errechnet, dass der Erfolgsfall zwölf Milliarden Dollar in die Kassen der Software-Klitsche spülten würde. Website-Betreiber mögen das pervers finden, aber ich mag diesen Michael Doyle. Und auch er wird mir eines Tages fehlen, so wie McBride heute. Darl & Mike, mein Hagelschauer, mein Blitzgewitter.






