Ist irgendwer der medialen Erinnerungsmaschine zum 40. Jahrestag der Mondladungen entkommen? Wohl kaum. Sie wissen schon: Die Sache mit Apollo 11 und dem kleinen Schritt und dem riesigen Sprung .
Googles Beitrag zum Jahrestag umfasst neue Panoramafotos und Videos vom Mond sowie einen interaktiven 3D-Atlas des Himmelskörpers für Google Earth. Ob der Internetkonzern auch ein “Krater View” hinterherschiebt, dafür Mondautos das Gelände fotografieren lässt und sich Unterlassungsklagen vom Mann im Mond einhandelt, ist nicht bekannt.
Erinnerungkultur wie die um Armstrong, Aldrin und Collins lässt uns aktuelle Dinge besser verstehen. Im günstigsten Fall lehrt Geschichte, manche Sachen nicht zu tun oder zu sagen. So ist der theatralische Satz “Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort” bei Politikern aus der Mode gekommen. Denn seit Uwe Barschel wissen sie: So ein Satz endet schnell in einer Genfer Hotel-Badewanne und als Foto im “Stern”.
Walter Ulbricht, der frühere DDR-Staatsratsvorsitzende, liefert eine ähnliche Vorlage. Dessen meistzitierter Satz datiert auf den 15. Juni 1961 und lautet: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!” Am 13. August begannen die ihm unterstellten DDR-Streitkräfte Sperranlagen zu errichten. Der spitzbärtige, sächselnde Ulbricht fundierte mit der dreisten Äußerung seinen Mythos als Witzfigur der Geschichte und als Vaterfigur für alle mitteleuropäischen Sanitärkeramik-Barschels.
Googles Vizepräsidentin Marissa Mayer weiß vermutlich nichts über die Barschelaffäre und kennt sich auch mit dem DDR-Regierungsapparat nicht aus. Mit dieser Unkenntnis ausgestattet äußerte sie in einem Interview im Februar 2009: “Ein Betriebssystem von Google wird es nicht geben!” Anfang Juli und damit keine fünf Monate nach Mayer kündigt Sundar Pichai, Vizepräsident fürs Google-Produktmanagement, auf dem Firmenblog “Google Chrome OS” für internetfähige Netbooks an. Später könne eine große Desktopversion folgen. Das Open-Source-System Chrome OS soll auf Linux fußen, seine Oberfläche aber nicht auf X11.
Alle Kommentatoren werten den Schritt als Generalangriff auf Microsofts Cashcow Windows. Das sieht die Attackierte wohl ähnlich: Microsofts Windows-Chef Bill Veghte giftet prompt, dass Chrom OS nicht mehr sei als ein Blogeintrag. Durch den Verzicht auf X.org und damit auf unendlich viele Linux-Tools wird die erste Version vermutlich auch kaum mehr sein als ein Browser und ein bisschen Earth auf Linux-Breitreifen.
Zurück zu Marissa Mayer und ihrem taktischen Verhältnis zur Wahrheit: Wird die 34-Jährige mit dem legendären Lächeln nun zu Googles Ulbricht? Schon möglich. Andererseits hat niemand auf ihr Geheiß hin eine Mauer mit Selbstschuss-Anlagen errichtet. Erst recht wird ihr irdisches Wirken bei Google nicht in einem Genfer Hotel enden. Die oft als “Scarlett Johansson des Internet” betitelte Blondine kann man sich zwar gut in einer Badewanne vorstellen, aber mit viel Schaum, in lasziver Pose und mit Champagnerglas am Rand.
Gleichwohl überschattet ihr Geflunkere den Chrome-OS-Produktstart. Mit mehr Sinn für Spitzbärte, Geschichte und Apollo-Jahrestage hätte es im Februar auf die Frage nach einem Betriebssystem der Satz: “Der Adler ist nicht gelandet” auch getan.






