Aus Linux-Magazin 08/2009

Da ist Musik drin

In den letzten Tagen sollte ich einige Diplomarbeiten zu lesen. Eine davon war als empirischen Studie aufgezogen, die nach ökonomischen Ursachen und Innovationshemmnissen suchte, warum sich das freie Ogg-Vorbis-Format im Vergleich zu MP3 im Markt so schwer tut, obwohl es technisch ebenbürtig, patent- und damit kostenfrei ist. Die methodisch gut aufgezogenen Arbeit legt wenig überraschend nahe, dass MP3 durch seine Bekanntheit und Verbreitung eine Lock-in-Situation erzeugt hat. Musikanbieter wie Hersteller der (bezeichnenderweise MP3-Player genannten) Abspielgeräte haben trotz Lizenzkostenfreiheit kaum Interesse, Vorbis alternativ anzubieten.

Ein zweiter Punkt war neu für mich: Vorbis zu dekodieren ist rechenaufwändiger als MP3. Das war den Erfindern des Formats egal, da moderne PCs mehr als genug CPU-Leistung besitzen. Für die in den mobilen MP3-Playern verbauten Chips jedoch ist der Vorbis-Algorithmus zu heftig. Klar, die Hersteller könnten bessere Controller verbauen. Doch die sind teurer und brauchen mehr Strom. Die Ogg-Vorbis-Leute haben beim Design offensichtlich nicht an die Generation I-Pod gedacht und verschenken so Popularität.

 

Beim Lesen der Magisterarbeit begann ich unwillkürlich Parallelen zur Usability von Linux-Distributionen zu ziehen. Grund ist folgendes Erlebnis: Auch als Privatmensch versuche ich gelegentlich Linux zur verdienten Geltung in der Welt zu verhelfen. So bei einer IT-technisch eher uninteressierten Verwandten, der ich zu Weihnachten ihren PC per DVD mit Kubuntu bestückte. Schon das Erst-Setup gestaltete sich aufwändiger als vermutet, weil der Internetzugang per Analogmodem nicht klappen wollte. Bis ich festgestellt hatte, dass ich für PPP ein extra Paket nachinstallieren muss, war eine Stunde meiner kurzen Besuchszeit weg.

 

Dieser Tage wollte ich zu einem erneuten Verwandtenbesuch aufbrechen, auch um den PC zu updaten. Zuvor wollte ich eine DVD mit den seit Weihnachten erschienenen Kubuntu-DEBs brennen und dort einspielen. Ganz einfach, oder? Als ich mich auf einem FTP-Mirror von (K)Ubuntu umsah, wurde mir klar, dass die Updatepakete nicht separat liegen, sondern lustig vermischt mit der eigentlich Distribution. Zugriff auf den Verwandten-Rechner hatte ich nicht, dem ich vielleicht eine Paketliste entlocken hätte können.

 

Eine kurze Recherche förderte die Empfehlung zu Tage, einen lokalen Mirror anzulegen. Da der nicht mal annähernd auf eine DVD passt, setzte ich eine externe Festplatte in Gang. Dann tippt etwas in der Art wie:

 

 

debmirror --nosource -m --passive --host=FTP-Server --method=ftp --root=os/linux/dists/ubuntu --progress --dist=intrepid --section=main,multiverse,universe --arch=i386 Lokales_Mirror-Verzeichnis --ignore-release-gpg 

Am Morgen meiner Abreise sah ich mich einer Timeout-Meldung und faktisch 3,5 GByte Datenmüll gegenüber. Der Kubuntu-Rechner ist auch jetzt noch auf dem Revisionsstand von Weihnachten 2008. Ubuntu-Spezialisten werden wissen, was ich falsch gemacht habe. Ich finde aber, wer einer Erfindung viele Anwender wünscht, muss die Folgen absehen: Bei Vorbis, dass Leute wenig Geld für einen Musikplayer ausgeben wollen. Bei Linux, dass Leute mit Distributionen zurecht kommen müssen, die nur schreiben und surfen wollen. Stets eilige und mäßig motivierte Freizeit-Admins wie ich helfen beim Modemanschließen und beim Updaten.

 

Vielleicht eilt aber Hilfe von ungeahnter Seite herbei: Heute hat ein US-Gericht eine illegale Filesharing-Nutzerin wegen Urheberrechtsverletzung mit 24 Musikdateien zu einer Strafe von 1,9 Millionen Dollar verurteilt. Armes MP3: Von dir gibt es ab morgen Millionen Artgenossen weniger im Netz.

 

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