Open Source im professionellen Einsatz

Vollgas zurück: Freiburg will im Eilverfahren zurück zu MS Office

13.11.2012

Gerade mal eine Woche gibt die Stadt Freiburg ihrem Gemeinderat und der Öffentlichkeit, um sich ein Bild über die Studie zu machen, die den Einsatz der Office-Migration in der Breisgau-Metropole beschreibt und dazu rät, aus Kompatibilitätsgründen doch wieder Microsofts Officeprodukte einzusetzen. Dafür wird ein Gemeinderatsbeschluss aus 2007 über den Haufen geworfen.

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Warum die Eile geboten ist, steht nicht in der Beschlussvorlage, die dem Linux-Magazin vorliegt (2012-11-12_hauptausschuss-2.pdf), und die am 12. November in der Hauptausschußsitzung des Gemeinderats diskutiert wurde. Doch eines ist klar: Die Öffnung zu freier Software, die der Gemeinderat 2007 beschlossen hatte und in deren Folge Open Office auf den Desktops installiert wurde, soll jetzt kassiert werden - mit Hilfe eines Gutachtens (das Linux-Magazin berichtete):

"Aus Sicht der Verwaltung kommt nur die Ein-Produkt-Strategie mit Microsoft Office 2010 in Frage. (...) Im konkreten Fall des Einsatzes von OpenOffice haben sich die Hoffnungen und Erwartungen des Jahres 2007 nicht erfüllen lassen. Mit einem Fortführen von OpenOffice kann die IT die zu recht bestehenden Anforderungen der Verwaltung nicht erfüllen. Dies führt zu Beeinträchtigungen der Leistungserbringung, Verärgerung und Frust bei den Beschäftigten und den davon betroffenen Externen. Eine Neulizenzierung von Microsoft Office ist daher für ein effektives Arbeiten unabdingbar.

Der Gemeinderatsbeschluss vom Juni 2007 kann aus den genannten Gründen in der bestehenden Form nicht umgesetzt werden."

schreibt das Bürgermeisteramt der Stadt Freiburg (Oberbürgermeister ist Dr. Dieter Salomon, Bündnis 90/Die Grünen) in der Beschlussvorlage.

Microsoft billiger und kompatibler?

Schon am 20. November soll der Gemeinderat darüber abstimmen, welche Office-Strategie die Stadt demnächst fahren soll. Die Drucksache G-12/223, die in der Anlage auch die Ergebnisse einer vom Beratungsunternehmen Excientes durchgeführten Studie beinhaltet, umfasst gut hundert Seiten und überrascht nicht nur mit der globalen Empfehlung, Microsofts Office wieder einzuführen, denn das sei kompatibler und billiger.

So kommen die Gutachter - ganz anders als etwa das Limux-Projekt in München - zu dem Schluß, das freie Office verursache Mehrkosten in Millionenhöhe (2,5 Millionen Euro über vier Jahre), sei inkompatibel mit Microsofts Office-Formaten und werde von der Entwicklergemeinschaft nicht ausreichend unterstützt. Allzu aktuell scheinen die Daten, die die Studie dafür nutzte, jedoch nicht:

Vernichtendes Urteil über Office-Entwicklergemeinschaft

"Das Auseinanderdriften der Entwickler-Gemeinschaft (LibreOffice einerseits; ApacheOffice andererseits) im Bereich OpenOffice ist für die Fortentwicklung von OpenOffice lähmend.(...) Aus Gutachtersicht ist eine vollumfängliche Kompatibilität auch in diesem Jahrzehnt nicht mehr wahrscheinlich. (...) Welche der beiden Weiterentwicklungen [Libre Office oder Apache Office, d. Red.] sich besser in die bestehende Infrastruktur der Stadt Freiburg einbinden ließe und was dies an Aufwänden möglicherweise mit sich brächte, ist derzeit nicht einschätzbar."

In den Ämtern, die offenbar eine veraltete, nicht mehr unterstützte Open-Office-Variante einsetzen, seien Abstürze häufig und der Austausch von Dokumenten nur mit großen Aufwänden (die Studie spricht von 500.000 Euro Personalkosten) möglich. Auch der Parallel-Einsatz von freien und Microsoft-Office-Produkten sei keine Lösung, daher empfiehlt der Gutachter:

"Unter Ressourcengesichtspunkten, der gesicherten Qualität und Weiterentwicklung durch den Hersteller, Flexibilität durch Einsatz des Common-Practice-Standards, Nutzerakzeptanz und deutlicher Reduktion der Schnittstellenkomplexität empfiehlt der Gutachter die Ein-Produkt-Strategie mit Microsoft Office."

Selbstkritik? Fehlanzeige...

Interessant an diesem Rat ist auch, dass die Excientes Management Consulting GmbH zwar als Handlungsalternativen ausführlich die Lösungen mit MS Office analysiert, andererseits jedoch die "Ein-Produkt-Strategie mit OOo" offenbar gleich ausschließt und angesichts der Ist-Analyse (auf den Seiten vorher) für ohnehin gescheitert erklärt. Ob vielleicht Fehler in der Organisation oder den gewählten Ansätzen gemacht wurden, ist offenbar nicht Thema der Analyse.

 

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