Open Source im professionellen Einsatz

Ubuntu Developer Summit: Projekt Diffamation

12.05.2010

Auf dem Ubuntu Developer Summit (10. bis 14. Mai in Brüssel) hat die französische Informatikerin Fanny Chevalier am Dienstag ihr Forschungsprojekt vorgestellt, das unter anderem aus Wikipedias Edit-Wars großes Kino macht.

445

Die 29-Jährige hielt ihren Vortrag als eine Art Keynote im großen Saal des Veranstaltungsortes, an dem derzeit das Come Together der Canonical- und Community-Entwickler für Ubuntu 10.10 "Maverick Meerkat" stattfindet. Fast alle Sessions des Summits sind Gesprächskreise. Die Differenz-Animation des französischen Forscherteams war den Veranstaltern jedoch einen zentrale Vortrag wert.

Fanny Chevalier visualisiert darin anhand eines Demo-Videos die in einem Text im Laufe der Zeit ergänzten und gestrichenen Passagen. Sie zeigte zudem eine grafische Oberfläche, mit der sich innerhalb eines Textdokuments sowohl örtlich (seitenweise) als auch zeitlich navigieren lässt (versionsweise). Diese Art der Differenz-Animation - so kam der Projektname "Diffamation" zu Stande - macht den Unterschied zweier Versionen sinnlich nachvollziehbar und beschleunigt damit das Erfassen und Verstehen eines Textes.

Dieser Screenshot ist aus dem Demo-Video. Die gequetscht erscheinende roten Flächen schieben sich gerade aus dem Hintergrund hervor. Links wird im Dokument navigiert, oben über die Dokument-Versionen hinweg.

Neben Chevalier gehören drei weitere Forscher zu dem Projekt des französischen Forschungsinstitut INRIA (Institut National de Recherche en Informatique et en Automatique). Die Französin ist inzwischen seit einigen Wochen in Ontario, Kanada ansässig, wo sie am College für Art und Design an Datenvisualisierung arbeitet. Das Paper zum Diffamation-Projekt gibt es erst seit dem April. Eine Canonical-Mitarbeiterin hörte den dazugehörigen Vortrag auf einer wissenschaftlichen Konferenz und bat die Jungwissenschaftlerin nach Brüssel zum Summit: Das könnte für Ubuntu interessant sein, so der Gedanke. Der Vortrag führte den UDS-Teilnehmern beispielsweise einen Kampf um bestimmte Begriffe in einem Wikipedia-Eintrag vor: Ein einziges Wort erscheint und verschwindet im Lauf der Zeit und über etliche Seitenversionen hinweg immer wieder. Was wie ein Schwertkampf anmutet, veranschaulicht die trotzige Beharrlichkeit der 'Edit Warriors' aufs Vergnüglichste.

Fanny Chevalier zeigte sich überrascht von Code-Anfragen, die Bazaar-Entwickler unmittelbar nach ihrem Vortrag an sie richteten. Bei Bazaar handelt es sich um Ubuntus bevorzugte Versionsverwaltung. Der Redaktion sagte sie später, sie würde sich sehr über Implementierungen der Diffamation-Technologie freuen, allerdings sei das Demo-Programm derzeit nicht im Quellcode verfügbar.

Die Französin Fanny Chevalier stellte auf dem Summit ihr Forschungsprojekt Diffamation vor, das eine Canonical-Mitarbeiterin für Ubuntu interessant fand und Fanny darum eingeladen hatte.

Das liege aber, so gab Chevalier uns gegenüber später zu, weniger daran, dass die Gruppe den Java-Code nicht herausrücken will. Vielmehr sei dieser in einem kaum vorzeigbarem Zustand. Interessenten könnten sich aber gern an sie wenden, die E-Mail-Adressen der Forschergruppe stehen auf der Projektseite. Hier gibt es zudem ein Demo-Video, das die Differenz-Animation in ihrer ganzen Pracht zeigt: Mit Worten ist diese nur schwer zu vermitteln.

Ähnliche Artikel

comments powered by Disqus

Ausgabe 09/2016

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.