Open Source im professionellen Einsatz

OSBA, BIKT, FSFE und Document Foundation kritisieren Freiburger Office-Gutachten

16.11.2012

In einem offenen Brief, der der Redaktion des Linux-Magazins vorliegt, kritisieren vier Verbände das Gutachten und die Beschlussvorlage, über die der Gemeinderat der Stadt Freiburg nächste Woche abstimmen soll. Inhalt der Beschlussvorlage ist, die Migration zu einem freien Office-Produkt rückgängig zu machen und sich von freien Office-Formaten abzuwenden. Das dürfe nicht sein, schreiben die Verbände - und warnen vor Klagen bei anstehenden Ausschreibungen.

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Die Beschlussvorlage (das Linux-Magazin berichtete) umfasst drei Punkte und einen stattlichen Anhang mit Teilen des Gutachtens, das eine Beratungsfirma für die Gemeinderäte erstellt hatte. Obwohl es den Entscheidern nach Informationen des Linux-Magazins bereits mehrere Monate vorlag, wurde es erst kurzfristig, aus Datenschutzgründen (mit Verweis auf die Namen und Aufgabenbereiche der beteiligten IT-Mitarbeiter) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht - und auch das nur in Teilen.

Harte Kritik auf vier Seiten

Die jedoch haben es in sich, meinen OSBA, FSFE, BIKT (der Bundesverband Informations- und Kommunikationstechnologie), die Document Foundation TDF und der Verein Freies Office Deutschland in ihrem vierseitigen Schreiben, das die Verbände heute an den Gemeinderat schicken. Neben einer langen Liste an Fehlern, die die Gutachter gemacht hätten, fänden sich da auch unerklärliche Fehleinschätzungen bezüglich der Situation auf dem Markt der freien Office-Varianten - und Auslassungen, etwa bei den Handlungsalternativen, die einen reinen Einsatz von freier Office-Software gar nicht mehr in Betracht ziehen, sondern als gescheitert ablehnen. Dass dabei nur veraltete Software und offensichtlich ungeeignete Organisationsformen die Migration hemmten, findet sich ebensowenig in dem Gutachten wie die zahlreichen positiven Beispiele, auf die etwa das Libre-Office-Projekt verweisen kann.

Abkehr von freien Standards?

Auch die Entscheidung, das Commitment zu einem freien Standard (ODF), das die Stadt bereits 2007 gefällt hat, jetzt zugunsten einer proprietären Lösung aus dem Hause Microsoft rückgängig zu machen, kritisieren die Unterzeichner scharf und warnen davor, dass dieser Weg zwangsläufig zu Klagen bei Beschaffungs- und Ausschreibungsverfahren führen würde, lege sich die Stadt damit doch vorzeitig auf ein Produkt fest. ODF dagegen sei ein Standard, an dem selbst Microsoft nicht mehr vorbeikomme -- siehe Office 2013.

Alles in allem bieten die Verbände trotz lauter Kritik und der Empfehlung, der Beschlussvorlage nicht zuzustimmen, ihre Hilfe an. Solche Angebote habe die Stadt Freiburg bisher offenbar nicht wahrgenommen, heißt es in dem Schreiben.

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