Open Source im professionellen Einsatz

Logan CIJ Symposium 2016: Technik, die entgeistert

14.03.2016

Nur sehr vorsichtig nährten sich die (investigativen) Journalisten und IT-Experten auf dem Logan CIJ Symposium 2016 in Berlin einander an.

567

Mit einem Live-Interview von Edward Snowden endete das Logan CIJ Symposium 2016, einem Treffen von Whistleblowern, Journalisten und Tech-Experten in Berlin. Snowden wiederholte jene Sätze, die er auch sonst sagt und rannte beim Publikum vor Ort offene Türen ein. Hängen blieb, dass Technologie allein das Problem der massenhaften Überwachung nicht lösen könne. Und das machte auch das Symposium deutlich.

Eine Idee der Veranstalter war offenbar, im Schatten der zunehmenden Überwachung, Technologien wie Tails, Qubes OS und das neue Subgraph OS an die (investigativen) Journalisten zu bringen. Das allerdings klappte, trotz eines freundlichen Cryptobar-Beratungsteam, nur in Teilen - was nicht allein an den beiden beteiligten Seiten liegt.

Journalisten setzen sich, wenn sie nicht gerade über IT berichten, mit dem Innenleben ihrer Rechner häufig herzlich wenig auseinander. Letztlich interessiert es sie nicht, ob unter der Haube Open- oder Closed-Source-Software läuft, so lange sie damit reibungslos arbeiten können. Sie erwarten, dass ihre Rechner so funktionieren wie ihre Autos und beschäftigen sich nur im Pannenfall und oft zähneknirschend mit dem Gerät und seinem Innenleben. Die Überwachung ist so ein Pannenfall.

Einer der investigativen Journalisten vor Ort erzählte im persönlichen Gespräch, dass er im Endeffekt drei Mal im Jahr eine verschlüsselte E-Mail verschicke. Ansonsten treffe er sich persönlich mit seinen Kontakten, das klappe nach wie vor ganz gut. Zumindest in Deutschland ließe sich so nach wie vor arbeiten, ohne die Quellen zu gefährden, in Russland sehe das ganz anders aus. Dennoch nutzte er die Gelegenheit und testete auf der Veranstaltung auch Tails auf seinem Rechner.

Den Entwicklern der Open-Source-Projekte Tails, Subgraph OS und Qubes räumten die Veranstalter eine eigene Diskussionsrunde ein. Sie arbeiten meist ohne gesicherte Finanzierung und aus reinem Interesse an der Technologie. Joanna Rutkowska forderte im Hinblick auf die Unterschiede der Systeme, dass sich Journalisten mehr mit der Technologie auseinandersetzen. Die Maschinen seien mittlerweile ein ausgelagerter Teil ihres Körpers, es müsse also in ihrem Eigeninteresse liegen. Mehr noch: Nur wenn sie die Unterschiede von Tails, Qubes und Subgraph verstehen, könnten sie die Systeme sinnvoll nutzen.

Doch: Viele Journalisten dürften schon das Gespräch zwischen den Entwicklern von Tails, Qubes und Subgraph zum großen Teil nicht verstanden haben, trotz der Versuche von Moderator Jacob Applebaum, das Gehörte für sie zu übersetzen. Gerade Qubes ist aufgrund der komplexen Sicherheitsproblematik selbst auch sehr kompliziert aufgebaut und läuft nur auf bestimmter Hardware. Selbst ein Journalist, der das simpler gestrickte Subgraph OS verstehen möchte, müsste nach Rutkowskas Auffassung lernen, was hinter Begriffen wie Grsecurity, Seccomp, App Armor steckt. Was trotz Verbesserungen noch immer fehlt, so der Eindruck der Konferenz, ist eine Schicht, die zwischen den Projekten und ihrer gedachten Zielgruppe vermittelt und an der Usability der eingesetzten Werkzeuge arbeitet.

Dass Tor, Tails und Co. aber nicht ganz umsonst sind, zeigte Jesselyn Radack, eine amerikanische Anwältin für Menschenrechte, die unter anderem Whistleblower vertritt. Sie verwende Air-Gap-Computer und tue sich nach eigener Aussage auch noch zahlreiche weitere absurd anmutende Restriktionen an, um unbelauscht mit ihren Klienten zu arbeiten. Technisch funktionieren die Systeme also offenbar, doch scheinen Teile der Zielgruppe sie aktuell nur einzusetzen, wenn der Leidensdruck entsprechend hoch ist. Doch wer weiß: Womöglich treffen sich Journalisten und Techies auf einer der nächsten Konferenzen ja auf halbem Wege, mit Systemen, die zugleich sicher und benutzerfreundlich sind.

Ähnliche Artikel

  • Logan CIJ Symposium 2016: Hacker meets Whistleblower

    Neben Edward Snowden und Julian Assange sind auf dem Logan CIJ Symposium bekannte NSA-Whistleblower zu Gast. Die Veranstaltung bringt Berlin zurzeit Whistleblower, investigative Journalisten, Aktivisten und Hacker zusammen - und Tor, Tails, Qubes und PGP.

comments powered by Disqus

Ausgabe 01/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.