
Mit anschaulichen Beispielen lasse sich viel erreichen: Hier zeigt Kamphuis, wie die Kontrolle des Software-Kunden ...
Auf dem Linuxtag 2008 sprach Arjen Kamphuis über seine Lobby-Arbeit für Open-Source-Software (OSS) in den Niederlanden. Kamphuis begleitete die holländische Öffnung für offene Standards als Consultant.
In seinem Vortrag erklärte der Mittdreißiger anhand der letzten acht Jahre, wie er in den Niederlanden die Aufmerksamkeit von Parlament und Regierung auf offene Standards und freie Software lenkte und wo die Grenzen lagen. Strategisch sinnvoll sei es demnach, bestimmte Stichworte in bestimmten politischen Lagern zu gebrauchen. Eher linksgerichtete Parteien interessieren sich für “Transparenz” und “Soziale Integration”, während Politiker der Mitte und Liberale besser auf “Kostensenkung”, “Stärkung lokaler Wirtschaft” und “Offene Märkte” reagieren. Ganz ohne Einsicht der Handelnden geht es weiterhin nicht: Kamphuis erzählte, dass im Jahr 2004 die niederländische Regierung als Problem wahrnahm, von prorietärer Software abhängig zu sein.
Außerdem muss es nicht gleich die oberste Instanz sein, an der sich etwas verändern lässt: In Kamphuis’ Referat spielte auch die kleine Provinz Groningen am nördlichen Rand des Windmühlenlandes eine entscheidende Rolle. Sie entschied nämlich für sich, dass sie den Lizenzvertrag ihrer Software eigentlich nicht verlängern wolle. Denn außer Kosten habe man nichts davon, neue Funktionen würden nicht hinzukommen.
Budgetiert waren für die neuen Lizenzen 1,5 Mio Euro, referierte Kamphuis. Im Ergebnis, so Kamphuis, verwendete die Provinz die Hälfte des Budgets, um ein Migrationsszenario zu entwerfen, die andere Hälfte konnte sie auf der Bank lassen. “Das ist etwas, was man politisch gut verkaufen kann”, betonte Kamphuis: Geld sparen und neue Jobs. Als Beispiel der Beratertätigkeit hätten vier Leute jeweils vier Minuten zu jedem der Gemeinderäte gesprochen und “die richtigen Buzz-Words” wie Transparenz und offene Standards benutzt, stellte er pointiert den entscheidenden Prozess dar. Durch offene Standards begnet Kamphuis zum Beispiel dem Einwand, dass es für Open-Source-Software keinen Support gäbe. Außerdem argumentiert er mit der Wiederverwendbarkeit und Flexibilität. Nicht mit offenen Standards zu arbeiten, verurache demnach überflüssige Ausgaben
Ein anderes Argument für die Attraktivität offener Standards und Software sei die Förderung nationaler Wirtschaft. In den Niederlanden beispielsweise flössen jährlich 5,2 Mill Euro allein in Lizenzkosten. Dieses Geld sei für die nationale Wirtschaft verloren, erläuterte Kamphuis, denn es flösse direkt nach Amerika. Offene Standards und Software kann hingegen auch in der nationalen Wirtschaft durch lokale Entwicklung oder Support angesiedelt sein.
Aufpassen müsse man, dass man nicht gleich zuviel an den Mann bringen will. So sei es erfolgsversprechend, offene Standards und freie Software als zwei Paar Schuhe zu behandeln. Das öffne eine Tür, wo sonst vielleicht beide verschlossen blieben, veranschaulichte er. In gespräche mit Politikern solle man außerdem sehr gut vorbereitet gehen. Es lohne sich, jede Sekunde auszunutzen. Außerdem sei nie viel Zeit. Die Botschaft und die wichtigsten Fakten sollte der Lobbyist oder Berater daher gleich am Anfang kommunizieren, denn die Meetings werden manchmal verkürzt, weil etwas dazwischen gekommen ist.

Mit anschaulichen Beispielen lasse sich viel erreichen: Hier zeigt Kamphuis, wie die Kontrolle des Software-Kunden …

… in Zukunft womöglich immer mehr abgegeben wird. Denn Anbieter optimieren ihr Produkt auf bestimmte Hardware und legen bestimmte Strategien zwingend nahe. Abbildungen von Gendo, Lizenz: CC by-nc-sa
Nützlich seien Veranschaulichungen, wie die der verschiedenen Schichten des IT-Bereiches. Dabei handelt es sich nicht etwa um die OSI-Schichten, sondern um Handlungsbereiche wie Hardware, Anwendungen und IT-Strategie. So kann Kamphuis seinen Kunden beispielsweise vorführen, wie sie die Kontrolle über Plattformen und Software abgeben. In Zukunft könne es sogar vermehrt passieren, dass auch die Hardware und die IT-Strategie nicht mehr in den eigenen Händen liegen, da proprietäre Entwicklungen immer umfassender würden. Diese und andere Beispiele sind den Vortragsfolien zu entnehmen (PDF, etwa sieben MByte), die Kamphuis unter eienr CC-Lizenz zur Verfügung stellt.
Der Politik- und Naturwissenschaftler Arjen Kamphuis hat mehrere Jahre bei IBM unter anderem als Techniker für Unix-Server gearbeitet. Seit Ende 2001 ist er selbständiger Consultant und CTO der holländischen IT-Beratungsfirma Gendo. Er führt einen englischsprachigen Blog über sein Engagement und OSS-News, in dem er sich als “Futurist” bezeichnet. Über die holländischen Bestrebungen, offene Standards einzuführen, hatte Linux-Magazin Online berichtet.



