Warum engagieren sich so wenige Programmiererinnen in der Open-Source-Szene? Eine Diskussion in der Ruby-Community liefert ungewollt eine mögliche Ursache. Daneben feiert der Download-Manager Uget sein Comeback. Zu essen gibt es leichte und bekömmliche Kost: einen Kuskus-Salat .
“Gedankenlosigkeit und Open Source” betitelte Luis Villa, seines Zeichens ehemaliger Mitarbeiter von Ximian und Novell, seinen Blog-Eintrag zum so genannten Gogaruco-Vorfall ([1], Abbildung 1). Dieser ereignete sich während der Golden Gate Ruby Conference (Gogaruco, [2]) im April. Stein des Anstoßes war ein Vortrag des Entwicklers Matt Aimonetti, der seiner Präsentation über CouchDB [3] die Trockenheit nehmen wollte, indem er sie in einen metaphorischen Kontext einbettete. Der Titel lautete “CouchDB: Perform like a prOn star”, und tatsächlich rückten pornographische Bilder das eigentliche Thema in den Hintergrund (Abbildung 2).

Abbildung 1: Hier ist Schluss – Luis Villa ruft mit diesem Bild dazu auf, niemanden aufgrund physischer Charakteristika auszugrenzen. Bei der diesjährigen Ruby-Konferenz in San Francisco ließ ein Vortrag einige Zuhörer an der allgemeinen Gültigkeit dieses Grundsatzes in der Ruby-Community zweifeln.
![Abbildung 2: Stein des Anstoßes: Der Vortrag von Matt Aimonetti [4]. Viele Frauen fühlten sich zwar nicht persönlich angegriffen, aber doch aus der Community ausgeschlossen.](https://www.linux-magazin.de/wp-content/uploads/2009/06/abb2.jpg-11-300x188.jpg)
Abbildung 2: Stein des Anstoßes: Der Vortrag von Matt Aimonetti [4]. Viele Frauen fühlten sich zwar nicht persönlich angegriffen, aber doch aus der Community ausgeschlossen.
Ein Bild in Aimonettis CouchDB-Präsentation zeigt mehrere Frauen, die sich weitgehend unbekleidet in eindeutigen Posen einem Mann andienen, es illustriert die “Public Interfaces” von CouchDB. Das Medikament Viagra muss seinen Namen als Synonym für die Zuverlässigkeit des Datenbanksystems hergeben und die Titelfolie erinnert eher an eine Werbung für Frauenunterwäsche.
Die weiteren Folien sind gespickt mit ähnlichen Einlagen, deren Niveau wohl selbst Freunden pubertären Klamauks à la Mario Barth kaum mehr als ein Lächeln entlocken dürfte. Zwischen den einzelnen Sheets sollten pornographische Bilder – ganz ohne metaphorischen Zusammenhang – dafür sorgen, dass das Publikum aufmerksam bleibt. Wer sich von dem Fiasko selbst überzeugen möchte, findet die Präsentation unter [4]. Die eingestreuten Pornobilder bleiben dem Betrachter freilich dort erspart.
Gleichberechtigung?
Schon länger bemühen sich diverse Open-Source-Aktivisten darum, Frauen den Zugang zur Community und den Alltag in der Technikszene zu erleichtern. Die Railsconf im Mai beispielsweise organisierte eigens eine Diskussionsveranstaltung, um Mittel gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung zu finden [5]. Weitgehende Einigkeit besteht jedenfalls darüber, dass Vorfälle wie Aimonettis CouchDB-Präsentation diesem Ziel eindeutig im Wege stehen.
Der von Luis Villa als Gedankenlosigkeit bemängelte Präsentationsstil Aimonettis blendet die Realität aus, in der sich bei der Golden Gate Ruby Conference unter die etwa 200 Besucher nur sechs Besucherinnen wagten. Um zu erkennen, dass dieser Anteil signifikant von der allgemeinen Geschlechterverteilung abweicht, braucht man kein Soziologiestudium absolviert zu haben.
Die Web- und Ruby-Pionierin Sarah Mei wohnte dem umstrittenen Vortrag bei und brachte die Wirkung der verwendeten Bilder in ihrem Weblog auf den Punkt: Obwohl es sich nicht um einen direkten Angriff handele, riefen derartige Illustrationen in einer Frau, die alleine in einem Saal voller Männer sitzt, das Gefühl hervor, dort nicht hinzugehören. “Für die meisten Männer um mich herum bin ich bestenfalls eine Kuriosität und schlimmstenfalls ein Sexualobjekt”, beschreibt sie das Unbehagen [6]. Die resultierende Unsicherheit reiche aus, um manche Betroffene ein für alle Mal aus der Community zu vergraulen.
Ignoranz
Der Aufholbedarf in Sachen Geschlechtergleichheit offenbart sich jedoch nicht nur in der fraglichen Präsentation selbst. Die wäre wahrscheinlich schnell in Vergessenheit geraten, wenn die anschließende Diskussion nicht völliges Unverständnis einiger Gesprächsteilnehmer für die Problematik bloßgelegt hätte.
Matt Aimonetti verkündete zwar per Twitter Bedauern darüber, dass Anwesende seine Präsentation als Angriff empfunden hätten, betonte aber zugleich, dass er auch im Nachhinein nichts daran ändern würde. Auch der “furchtlose Anführer” der Ruby-on-Rails-Community (Sarah Mei über David Heinemeier Hansson) twitterte ähnlich gedankenlos, dass schöne Frauen schließlich auch in der Werbung funktionierten und dass man lieber Kung-Fu-Kätzchen aus Präsentationen verbannen sollte.
Heinemeier Hansson scheint nicht zu verstehen, dass sich die wenigsten in einer Gemeinschaft wohlfühlen, wenn sie dort lediglich einen Zweck als menschliches Werbemittel erfüllen sollen. Die Ignoranz, mit der sowohl die Ruby-Prominenz als auch zahlreiche anonyme Kommentare in diversen Weblogs dem Problem gegenübertreten, legt jedenfalls einen Hauptgrund für den marginalen Frauenanteil bei den meisten Zusammenkünften der Open-Source-Community offen.
Ein prinzipbedingter Bann nackter Haut aus dem öffentlichen Leben wäre sicherlich nicht die richtige Antwort für eine aufgeklärte, gleichberechtigte Gemeinschaft. Doch müsste an die Stelle starrer Konventionen selbstständige Reflexion des eigenen Handelns treten. Wer dazu auch nach sachlicher Kritik nicht in der Lage ist, sollte sich im Zweifelsfall doch lieber an erprobten sozialen Vorgaben orientieren. Aimonettis öffentlich geäußerte Verachtung für professionelle Konventionen hat ihren rebellischen Charme angesichts der praktischen Umsetzung jedenfalls verloren.
Konsequenzen
Mit der Zeit kühlten sich die Gemüter etwas ab und in einem Kommentar auf Sarah Meis persönlichem Weblog [6] ließ Matt Aimonetti immerhin erkennen, dass er zum Kern des Problems durchgedrungen ist. Einen Verzicht auf sexualisierte Illustrationen stellte er zwar nicht in Aussicht, aber rückblickend hätte er doch lieber eine Darstellung gewählt, die sich nicht ausschließlich an männlichen Sexualfantasien orientiert – auf die Gefahr hin, dann andere Leute zu schockieren. Die Zaghaftigkeit seines Einsehens liefert nachträglich den Beweis für die Notwendigkeit dieser Diskussion. Neben Aimonetti hat sie vielleicht auch andere dazu gebracht, über die Ursachen für die nicht eben vielfältige Sozialstruktur der Technikszene – überwiegend weiße, männliche Mittelschicht – nachzudenken.
Das Unbehagen von Minderheiten um des lieben Friedens Willen stillschweigend zu übergehen, wie es manche Kommentare anregten, hätte hingegen wohl eher weiteren ähnlichen Vorfällen Vorschub geleistet. Die Spirale aus der männlichen Dominanz und “Umkleidekabinen-Verhalten”, wie es Julia Evans in einem Kommentar zu Sarah Meis Beitrag “Gender and Sex at Gogaruco” bezeichnet [7], hört nicht von selbst damit auf, sich weiterzudrehen.
Um konkret etwas gegen gesellschaftliche Missstände zu unternehmen, hat Aaron Quint, ebenfalls langjähriger Ruby-Entwickler, seinen Blog-Eintrag zu der Debatte mit einem Spendenaufruf abgeschlossen [8]. Das gesammelte Geld will er einer oder mehreren Organisationen spenden, die in Schulen Ruby-Kurse anbieten oder gezielt Programmiererinnen unterstützen. Näheres stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, die Details hängen wohl vor allem von der zusammengetragenen Summe ab.
Aaron Quint selbst beweist mit seinem eigenen Beitrag von stolzen 500 US-Dollar, dass er das Problem ernst nimmt. Doch auch er weiß, dass die Community noch einen langen Weg vor sich hat, der nicht mit Geld allein zu bewältigen ist, schon gar nicht mit über solche Aktionen aufzubringenden Beträgen. Also hofft er augenzwinkernd auf eine “großartige Go-garuco 2025.”
Wichtig ist allen kritischen Stimmen, dass sie sich im Großen und Ganzen in der Ruby-Community wohlfühlen und unschöne Vorfälle wie bei der Gogaruco 2009 und der Diskussion danach auf das Konto weniger Einzelpersonen gehen. Auch Sarah Mei schreibt, dass sie ihre Angehörigkeit zu einer Minderheit im Allgemeinen ignorieren kann. Immerhin zeigt die Aufmerksamkeit, auf die die aktuelle Diskussion auch bei nicht direkt Betroffenen stößt, dass Problembewusstsein existiert.
Uget is back
Nach all den Streitigkeiten geht es nun zurück zu dem, was die Freie-Software-Szene hauptsächlich beschäftigt: freie Software. Im Laufe der Jahre entstehen Open-Source-Projekte und verschwinden wieder von der Bildfläche. Das Projekt Uget [9] feiert nun ein Comeback, nachdem die Entwicklung über zwei Jahre pausiert hat (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Download-Manager Uget erlaubt die Kategorisierung von Downloads. Damit lassen sich verschiedene Dringlichkeitsstufen und andere Eigenschaften festlegen.
Der Download-Manager hieß in seiner fünf Jahre währenden Lebenszeit schon Urlget und Urlgfe. Die teilweise recht langen Pausen von bis zu mehreren Monaten begründet Entwickler Raymond Huang vor allem mit den Zwängen seiner bezahlten Arbeit. Seit vergangenem Dezember aber geht es munter weiter und die Entwicklung schreitet unter neuem Namen voran.
Einmal gestartet lauert Uget im Hintergrund auf URLs in der Zwischenablage, die Hinweise auf herunterzuladende Dateien geben. Dann öffnet das Programm den Dialog »New Download« der die Definition der Eigenschaften ermöglicht (Abbildung 4). Natürlich kann der Benutzer den »Clipboard Monitor« auch deaktivieren und Downloads von Hand anstoßen.

Abbildung 4: Uget startet neue Downloads automatisch, wenn es eine nutzbare URL im Zwischenspeicher ausmacht.
Stapelweise
Die Besonderheit von Uget liegt in der Möglichkeit, Downloads zu klassifizieren und das Zielverzeichnis, gegebenenfalls den Benutzernamen und Passwörter sowie die Proxy-Konfigurationen, festzulegen. Auch die Zahl gleichzeitiger Downloads definiert der Anwender in Abhängigkeit von der gewählten Klasse.
Ein Programm wie Uget eignet sich naturgemäß vor allem für besonders eifrige Downloader. So stellt es den praktischen »Batch Mode« bereit. Darin definiert der User herunterzuladende Dateien mit Wildcards, also etwa »ftp://www.linux-magazin.de/pub/listings/magazin/2009/05/Fileserver-Howto/Listing*.txt«. Uget interpretiert dabei das Sternchen anders als die meisten Programmiersprachen als ein frei zu definierendes Intervall bestimmter Zeichen. Das können beispielsweise alle zweistelligen Zahlen oder auch die Buchstaben von A bis G sein.
Ein einfacher HTML-Parser ist ebenfalls mit von der Partie. Er dient nicht dazu, Webseiten anzuzeigen, sondern lediglich die darin aufgeführte Download-Links zu extrahieren. Dank dieser Funktion braucht der Benutzer nur die URL einer Übersichtsseite in den »Import«-Dialog zu kopieren und in der anschließend präsentierten Liste die gewünschten Dateien auszuwählen.
Ähnlich funktioniert das Ganze übrigens auch in der anderen Richtung: Aus einer selbst zusammengestellten Sammlung von Downloads erzeugt Uget im »Export«-Modus entsprechenden HTML-Code, den der Anwender direkt in die eigene Homepage einbinden kann.
Die jeweils aktuelle Version von Uget ist auf der Homepage zu finden. Hier steht neben der stabilen auch immer die Entwicklerversion zur Verfügung. Einen Blick in den neusten Code stellt das Subversion-Repository unter [10] zur Verfügung. Für die grafische Oberfläche setzt Uget-Entwickler Huang auf die GTK-Bibliothek.
Seit diese auch für Windows zur Verfügung steht, bedeutet dies keine zwingende Abkehr vom allgemeinen Trend zur Plattformunabhängigkeit mehr. Folgerichtig kompiliert Uget nicht nur unter Linux und anderen Unix-Derivaten, sondern auch unter 32-Bit-Windows-Systemen, wenn die entsprechenden Bibliotheken auf dem System zur Verfügung stehen.
Kuskus-Salat
Das Rezept dieser Magazin-Ausgabe ist leicht und bunt wie der Frühling. Die Zutaten: 500 g Kuskus, 250 g Petersilie, ein Bund Frühlingszwiebeln, vier Limetten, vier Tomaten, ein halber Kopfsalat, drei Esslöffel Essig, fünf Esslöffel Paprikamark, ein halber Teelöffel Salz und eine Salatgurke.
Das Kuskus mit einem Liter Wasser in einen Topf geben und das Wasser zum Kochen bringen. Den Topf vom Herd nehmen und das Kuskus fünf bis zehn Minuten quellen lassen. Die Frühlingszwiebeln, Tomaten, Gurke und Petersilie klein schneiden und die Limetten auspressen. Alles zum Kuskus geben und unterrühren. Essig, Salz und Gewürze nach Geschmack hinzugeben und gut umrühren.
Den Kopfsalat waschen und abtropfen lassen. Abschließend das Kuskus auf die Salatblätter geben und servieren. Guten Appetit! (hej)
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Infos |
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[1] Luis Villa, “Thoughtlessness in Open Source”: [http://tieguy.org/blog/2009/04/30/thoughtlessness-in-open-source] [2] Golden Gate Ruby Conference: [http://gogaruco.com] [3] CouchDB: [http://couchdb.apache.org] [4] Matt Aimonetti, “CouchDB: perform like a prOn star”: [http://www.slideshare.net/mattetti/couchdb-perform-like-a-pr0n-star] [5] Railsconf 2009, “Women in Rails”:[http://en.oreilly.com/rails2009/public/schedule/detail/8772] [6] Sarah Mei, “Why Rails is Still a Ghetto”: [http://www.sarahmei.com/blog?p=46] [7] Sarah Mei, “Gender and Sex at Gogaruco”: [http://www.ultrasaurus.com/sarahblog/2009/04/gender-and-sex-at-gogaruco] [8] Aaron Quint, “The ghetto of the mind”: [http://www.quirkey.com/blog/2009/04/27/the-ghetto-of-the-mind] [9] Uget: [http://urlget.sourceforge.net] [10] Uget Subversion-Repository: [https://svn.sourceforge.net/svnroot/urlget] |





