„Als ich an Bord des königlichen Schiffs “Beagle” als Naturforscher Südamerika erreichte, ward ich überrascht von der Wahrnehmung gewisser Tatsachen in der Verteilung der Bewohner…“
Wer jetzt sofort an „Charles Darwin“ und sein Buch „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“ denkt, hat gute Chancen im TV-Quiz die meisten 125 000-Euro-Fragen zu knacken. Dass es nicht für die Millionen-Frage reicht, liegt daran, dass 2009 Darwin-Jahr ist und der Naturforscher und sein 1859 veröffentliches Werk darum mehr ins öffentliche Blickfeld geraten.
100 Jahre vor der Entdeckung der Gene schuf der 1809 geborene Brite die bis heute gültige Evolutionstheorie. Ausschau nehmend nach anderen Anwendungsmöglichkeiten kann man sogar bei der Stammesgeschichte der Betriebssysteme fündig werden. Wer außer ein paar wirrer Kreationisten möchte bestreiten, dass sich Betriebssysteme durch Mutation und Vererbung weiterentwickeln?! Nachweislich gilt auch hier, dass der Starke weiterkommt und Schwache keine oder zu wenige Nachkommen haben. Und auch wenn manches Produktmarketing das Gegenteil behauptet: Die Evolution der Arten innerhalb der Gattung „Betriebssysteme“ strebt nicht auf ein vorausbestimmtes Ziel zu, sondern die Entwicklung an sich dient nur der Möglichkeit, sich an die sich verändernde Umwelt anzupassen.
Darwin veröffentlichte sein Werk damals erst nach großem Zögern – er ahnte wohl, dass seine Theorien auch philosophische und theologische Grundfesten erschüttern würden, so macht sie einen Schöpfer überflüssig und egalisiert die Stellung des Menschen in der Natur. Muss Linux sich darum damit abfinden, doch irgendwie mit Windows verwandt zu sein, so wie der Homo sapiens mit dem Brüllaffen? Ist Linux nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur eine Art unter vielen – zwar besonders erfolgreich und anpassungsfähig auch an schwierige Environments, aber eben nicht von Gottes Odem beseelt? Sigmund Freud bezeichnete die Evolutionstheorie später als eine Kränkung der Eigenliebe der Menschheit.
Ja, Linux muss diese Kränkung wohl hinnehmen – zumindest im Darwin-Jahr. Denn es gibt im Gegenzug auch Dinge zu gewinnen dabei. Erstens: Auf den ersten Blick wahnsinnig erfolgreiche und augenscheinlich nicht bezwingbare Arten wie die Dinosaurier können infolge eines etwas ungünstig gelandeten Meteoriten sang- und klanglos abtreten. Zweitens: Wer wie SCO eine winzige Gen- oder Codesequenz glaubt bei einem Anderen als identisch zu eigenen identifiziert zu haben, vermag daraus keine familiären Unterhaltsansprüche abzuleiten. Denn der letzte gemeinsame Vorfahre war wahrscheinlich kein Primat, sondern schwamm als Amöbe in einer Ursuppe. Oder drittens: Liebe Novells, liebe Microsofts, auch wenn das Kopulieren mechanisch funktioniert und sogar Spaß macht – verschiedene Arten können überkreuz keine Nachkommen zeugen, bestenfalls Maultiere.






