Sich für einen Anbieter proprietärer Software zu entscheiden, kann im Nachhinein teurer als gedacht werden. Schlimmer noch: Nach der Trennung ist das Geld ganz futsch.
“Wesentliche Teile der IT-Infrastruktur eines Unternehmens auf proprietäre Software zu begründen ist ungefähr so, als würde ich ein Haus bauen lassen und müsste mich auf alle Zeit dazu verpflichten, jede Pflege, Reparatur oder Erweiterung des Gebäudes nur von dem ursprünglichen Bauunternehmen ausführen zu lassen.” Peter Ganten (Abbildung 1), Geschäftsführer der Bremer Linux-Firma Univention [1], beschreibt so die gängige IT-Praxis. “Als Bauherr würde ich mich wenn überhaupt nur dann auf so einen Vertrag einlassen, wenn er alle Details und Kosten bis zum Ende der Nutzungszeit des Hauses festschriebe. Das Risiko geht eine Softwarefirma nicht ein.”

Abbildung 1: Peter H. Ganten, Chef der 2002 gegründeten Univention GmbH, hat Kunden, die frühere IT-Investionen komplett abschreiben mussten.
Die Folgen bekommt Ganten oft zu hören: Einer seiner Kunden setzte jahrelang Banyan Vines [2] ein, ein Server- und Directory-System, das Anfang der 90er Jahre Windows NT, OS/2 oder Netware überlegen war. Nicht vorher-sehbar nahm Banyan das Produkt kurz vor Einführung von Active Directory vom Markt. Gantens Kunde hatte erhebliche Schwierigkeiten, seine Infrastruktur zu erhalten und in eine neue zu überführen. Heute setzt die Firma an gleicher Stelle Linux ein und hat damit die Gewähr, dass selbst wenn Univention seine Produktpolitik ändern würde oder vom Markt verschwände, sie dank des Quelltextes und der Vielzahl der Linux-Anbieter die getätigten Investitionen nie einbüßen müsste.
Ein Katalog der Grausamkeiten
Nach Horrorstorys befragt, kommt Ganten fast ins Schwärmen: “Was haben wir nicht schon für Warenwirtschaftssysteme kommen und gehen gesehen?! Ich habe Kunden, die eigentlich von der Verfügbarkeit und Stabilität ihrer AS/400 restlos überzeugt waren. Andererseits tummeln sich in dem Umfeld ausschließlich proprietäre ERP-Programme weniger Hersteller, die sich kaum in die Quere kommen. In der Folge klettern und klettern die Preise. Die Kunden wechseln darum von der IBM-Plattform zu Standard-Intel-Servern, weil sie hier bessere Software zu niedrigeren Preisen bekommen.”
Beim Thema Zwang und Preise fallen dem Linux-Veteranen ohne Mühe weitere Beispiele ein, sei es SAP, die im letzten Herbst den teureren “Enterprise Support” verpflichtend machten, obwohl er nur wenigen Anwendern nutzt. Sei es Microsoft, wo mit Windows 2000 viele Kunden anfingen wartungsfreundliche Terminalserver-Farmen aufzubauen, um nach gusto Anwendungen teils zentral und teils dezentral auf den Windows-Clients laufen zu lassen – der Lizenzpreis war stets der gleiche. Mit Server 2003 und Windows XP enthielt der Client plötzlich keine Terminal-Lizenz mehr und die Unternehmen mussten sich überlegen, ob sie ihre fertig eingerichteten Terminalserverfarmen wieder einstampfen oder ob sie Microsoft nochmal rund 100 Euro pro User oder Client zahlen.
Ganten, der auch Schatzmeister beim Linux-Verband [3] ist, pflegt marktlibertäre Ansichten, wenn er resümiert: “Mit Open Source eröffnet im Softwaregeschäft wieder der Wettbewerb. Davon profitieren nicht nur die Anwender, sondern – getreu dem Sprichwort “Konkurrenz belebt das Geschäft” – auch die Bilanz der Anbieter. Außerdem sorgt es für gute Stimmung in der Firma.” – sagt er und lächelt.
|
Infos |
|---|
|
[1] Univention: [http://www.univention.de] [2] Banyan Vines: [http://de.wikipedia.org/wiki/Banyan_Vines] [3] Live e.V.: [http://www.linux-verband.de] |





