Aus Linux-Magazin 12/2008

Drei Videoschnittprogramme im Test

© Prod. Numérik, Fotolia.com

Camcorder und digitaler Videoschnitt haben die Technik der Filmprofis für Privatanwender zugänglich gemacht. Manches kleine Kunstwerk, das auf Youtube aus der Masse herausragt, zeugt davon. Doch die Schnittprogramme Kdenlive, Openmovieeditor und Avidemux haben es bis zur Oscarverleihung noch weit.

Ein Foto ist schnell geschossen. Zur Qualitätsoptimierung ist es naheliegend, ein Motiv mehrfach abzulichten. Bei Videos sieht das anders aus: Niemand dreht eine viertelstündige Produktpräsentation so oft in voller Länge, bis alle Details gefallen. Professionelle Videos entstehen daher wie Fernsehfilme stets durch das Zusammenfügen von Einzelszenen und mit Hilfe gezielter Schnitte.

Diese Bitparade vergleicht die Schnittprogramme Kdenlive [1], Openmovieeditor [2] und Avidemux [3]. Cinelerra [4] sprengt den Rahmen der reinen Schnittprogramme (vergleiche Kasten “Außer Konkurrenz: Cinelerra”) und eignet sich wegen seiner Komplexität nur für Anwender mit viel Durchhaltevermögen.

Kdenlive

Abbildung 1: Gutes Konzept: Mit der Oberfläche von Kdenlive geht das Schneiden zügig von der Hand. Die Software enthält – abgesehen von ausgefallenen Spezialeffekten – alle wirklich benötigten Features.

Abbildung 1: Gutes Konzept: Mit der Oberfläche von Kdenlive geht das Schneiden zügig von der Hand. Die Software enthält – abgesehen von ausgefallenen Spezialeffekten – alle wirklich benötigten Features.

Kdenlive ([1], Abbildung 1) gibt es für Ubuntu 8.04 und Open Suse 11.0 in Version 0.6.0 über die Repositories unter [5]. Das Kompilieren der SVN-Version automatisiert ein nützliches GUI-basiertes Kommander-Skript [6]. Die Oberfläche dieser Version ist etwas übersichtlicher und fußt auf QT 4. Zumindest mit der QT-4-Version von Ubuntu ist sie jedoch wegen dauernder Abstürze nicht sinnvoll zu gebrauchen.

Leider ist die Liste der im Test zutage getretenen Probleme damit nicht zu Ende: Kdenlive erzeugte unter Suse 11.0 sowohl in der bei Packman [7] verfügbaren Version 0.6.0 als auch bei der selbst kompilierten 0.7.1 Beta nur leere Dateien. Das Rendern des endgültigen Films überlässt Kdenlive dem Multimedia-Framework MLT [8], das wiederum Ffmpeg [9] benutzt. Auch des Kompilieren dieser Komponenten mit der aktuellen SVN-Version sorgte nicht für Abhilfe.

Die Oberfläche der Software lehnt sich an das kommerzielle Programm Adobe Premiere [10] an und erinnert an einen analogen Schneidetisch: Links oben befindet sich das Materiallager, das in vier Karteikartenreitern eingebundene Videodateien, Übergangs- und andere optische Effekte sowie im Reiter »Effektmagazin« alle bereits auf den aktiven Videoclip angewandten Effekte zum Feintunen enthält. Ein Vorschaufenster zeigt entweder das aus den Videospuren der Zeitleiste entstandene Ergebnis, den aktiven Clip oder das Ergebnis des Firewire-Grab mit Ffply oder Dvgrab an.

Schneiden-Werkzeug

Der virtuelle Schneidetisch in Kdenlive funktioniert intuitiv: Der Benutzer lädt im Reiter »Projektliste« zunächst einen oder mehrere Filmdateien von einem Dateityp, den Ffmpeg versteht. Dann zieht er ihn auf eine der Videospuren im unteren Fensterdrittel. Mit dem Schneiden-Werkzeug stutzt er den Clip zurecht. Die Teilclips lassen sich auf den Videospuren frei verschieben. Bewegt der Benutzer dieses Werkzeug über eine Videospur, dann zeigt die Vorschau den Frame an dieser Stelle, was das Schneiden erheblich erleichtert.

Mehrere Spuren braucht der Benutzer erst für das Überlagern mehrerer Clips, zum Beispiel bei Übergangseffekten. Dazu legt er den Videoschnipsel, zu dem Kdenlive überblenden soll, mit Überlappung auf die Spur unter dem zuvor angezeigten Video. Ein Rechtsklick auf das obere Video fügt den Effekt über den Kontextmenüpunkt »Übergang« hinzu.

Kdenlive beherrscht vier Typen von Übergängen: Crossfade, Schieben, Klappen und Wischen. Für Wischeffekte (»Wipe«) stehen viele Formen wie Spiralen oder rotierende Zeiger zur Verfügung. Wer nicht gerade effektbetonte Musikvideos erstellt, ist mit diesem Repertoire gut bedient. Neben Übergängen kennt Kdenlive noch über 20 weitere Effekte. Die Palette reicht von einer Helligkeits- und Gamma-Anpassung über Unschärfe- und Rausch-Effekte bis hin zu Verfremdungen wie einem Negativ- oder Schwarzweiß-Effekt. Auch knapp 20 Audiofilter gibt es, darunter Equalizer, Hall, Reverb und Flanger, Tonhöheverschiebung und Lautstärken-Normalisierung.

Kein Effekte im eigentlich Sinn ist Kdenlives Bluescreen-Filter. Er stellt ein vor einem einfarbigen Hintergrund gefilmtes Objekt frei, ersetzt also den Hintergrund durch einen transparenten Bereich, in dem ein anderes Video, ein Standbild oder ein farbiger Hintergrund durchscheint. Wenige freie Programme beherrschen diese Technik.

Alles in allem präsentiert sich Kdenlive, wenn es denn funktioniert, als angenehm zu bedienende Software mit einem sinnvoll gewählten Funktionsumfang.

Openmovieeditor

Abbildung 2: Leistungsfähig, aber kompliziert zu bedienen: Der grafische Node-Editor in Openmovieeditor lässt dem Anwender bei den Effekten alle erdenklichen Freiheiten, fordert aber viel Know-how und Zeit zum Probieren.

Abbildung 2: Leistungsfähig, aber kompliziert zu bedienen: Der grafische Node-Editor in Openmovieeditor lässt dem Anwender bei den Effekten alle erdenklichen Freiheiten, fordert aber viel Know-how und Zeit zum Probieren.

Die Oberfläche von Openmovieeditor ([2], Abbildung 2) unterscheidet sich letztlich von der in Kdenlive nur in kleinen, für zügiges Arbeiten aber nicht ganz unwesentlichen Details: So zeigt der Schneiden-Cursor beim Bewegen über die Videospur keine Vorschau. Für gezielte Cuts bleibt dem Anwender nichts anderes übrig, als genau auf die Stelle zu klicken, an der der Wiedergabe-Cursor steht. Statt bequem mit dem Mausrad durch das Video zu navigieren muss er den etwas hakelig reagierenden Wiedergabe-Cursor an die gewünschte Stelle ziehen.

Anders als für Kdenlive gibt es für Openmovieeditor jedoch sowohl für Open Suse 11.0 (Packman, [7]) als auch für Ubuntu 8.04 aktuelle Pakete. Einige Programmabstürze gab es im Test, jedoch nicht mehr, als für Software mit einer Versionsnummer unter 1.0 zu erwarten. Openmovieeditor unterstützt out of the Box nur Crossfade als Übergangseffekt. Dafür lässt sich der Effekt bequem aktivieren: Überlappen sich Teilclips in einer Spur, so überblendet sie die Software für die Dauer der Überschneidung.

Kettenreaktion

Bei Openmovieeditor ist besonders das Node-Compositing-Fenster (Abbildung 2) hervorzuheben, mit dem sich Effekte grafisch zu einer Processing-Pipeline zusammenstellen lassen. Die für Ubuntu und Open Suse erhältlichen Versionen bieten hier zunächst lediglich einen einzigen Effekt an. Abhilfe schafft die Installation des Pakets »frei0r-plugins«, das im Kdenlive-Paket weder als Abhängigkeit noch als Empfehlung genannt ist.

Wer sich mit dem leistungsfähigen, allerdings nicht sehr einsteigerfreundlichen Prinzip der Node-Pipeline auseinandersetzt, darf zwischen sehr vielen Effekten wählen, die er vielfältig kombinieren kann. Allerdings lässt schon eine Pipeline mit nur wenigen Nodes die zum Rendern, also zum Erzeugen der fertigen Videodatei, benötigte Zeit auf ein Mehrfaches der Videodauer anwachsen.

Wer den Node-Editor ignoriert, findet in Openmovieeditor ein Werkzeug, das Funktionen für Schnitt und Crossfade-Übergänge beim Zusammensetzen der Szenen bietet. Für Projekte, bei denen nicht artistische Ambitionen im Zentrum stehen, reicht dies aus.

Avidemux

Abbildung 3: Die Stärke von Avidemux liegt bei der Konvertierung und Neukomprimierung von Videos. Schnitt erledigt die Software zuverlässig, bietet aber wenig Komfort.

Abbildung 3: Die Stärke von Avidemux liegt bei der Konvertierung und Neukomprimierung von Videos. Schnitt erledigt die Software zuverlässig, bietet aber wenig Komfort.

Die beiden bisher vorgestellten Programme arbeiten nach dem Prinzip des nicht-linearen Editierens. Dabei verändert die Software das Ausgangs-Videomaterial nicht, während der Benutzer mit der Software arbeitet. Erst der letzte Schritt, das Rendern, fasst alle vorgenommen Veränderungen in einem Arbeitsschritt zusammen. Diese Arbeit dauert naturgemäß lange, erfordert aber keine Benutzerinteraktion mehr. Bei der Vorschau findet dieser Prozess live, jedoch in geringerer Auflösung statt.

Avidemux [3] arbeitet dagegen linear. Eine mehrspurige Zeitleiste, auf der der Anwender das Videomaterial schneiden und verschieben kann, ohne einen zeitaufwändigen Rechenprozess auszulösen, gibt es daher nicht (Abbildung 3). Avidemux lädt immer nur ein Video. Der Benutzer kann einen Teil davon auswählen und als neue Datei speichern.

Da Avidemux Teilvideos mit gleicher Auflösung und Framerate auch wieder zusammensetzt, lässt sich die Software auch zum Zusammenfügen von Filmen aus Einzelszenen benutzen. Auf die Schneidetisch-Metapher muss der Anwender dabei allerdings ebenso verzichten wie auf Übergangseffekte zwischen den Szenen. Leistungsstarke Filter gibt es jedoch, etwa mehrere Deinterlacing-Filter zum Reduzieren der Kammartefakte bei Fernsehaufnahmen, Rausch- und Schärfefilter sowie Farb- und Kontrastfilter.

Eindimensional

Für das Schneiden und Komponieren großer Projekte eignet sich Avidemux wegen der fehlenden Multi-Track-Fähigkeiten nicht. Da es jedoch als einziger der drei Testkandidaten in einer stabilen Version 2.4.3 vorliegt und sich auch im Test keine Abstürze leistet, ist der eingeschränkte Funktionsumfang im Vergleich zu den Stabilitätsproblemen bei den anderen Schnittprogrammen für Filmprojekte aus wenigen Szenen eventuell das geringere Übel.

Wer die Windows-Software Virtual Dub [11] kennt, dem kommt Avidemux auf Anhieb bekannt vor. Es ähnelt dieser sowohl in der Oberfläche als auch in der Zielsetzung (Abbildung 3). Letztlich bleibt Avidemux im Kern eine leistungsfähige Software zum Recodieren, nicht zum Schneiden von Videodateien. In diesem Anwendungsgebiet zeichnet es sich durch die Unterstützung vieler Videoformate und Container sowie einer Batchprocessing-Queue aus.

Die Software besteht aus einem Kommandozeilen-Kern, für den es eine GTK- und eine QT-Oberfläche gibt. Lediglich die GTK-Oberfläche enthält ein so genanntes Jogwheel, bei dem die Software – abhängig davon, wie weit es der Benutzer mit der Maus nach rechts oder links bewegt – unterschiedlich schnell vor- und zurückspult.

Außer Konkurrenz:
Cinelerra

Die auf Profis oder erfahrene Hobbyanwender abzielende Software Cinelerra (Abbildung 4) arbeitet mit virtuellen Projektoren. Der Cutter legt damit die Videos nicht nur statisch übereinander. Die Überblendung lässt sich vielmehr mit aufgezeichneten Projektorschwenks animieren. Projektoren schwenken jedoch nicht nur, blenden ein und aus und skalieren, sondern sie verzerren auch perspektivisch. So sind zum Beispiel Effekte realisierbar, die wie das Aufblättern einer Magazinseite wirken.

Cinelerra nutzt außerdem das Keyframe-Prinzip. Damit sind nicht die Keyframes aus der Videokompression gemeint. In diesem Kontext bedeutet der Begriff, dass Cinelerra Einstellungen, die der Benutzer an bestimmten Videoframes vornimmt, um kontinuierliche Werte anwachsende oder sinkende Werte für die dazwischenliegenden Einzelbilder ergänzt. So ergeben sich glatte Übergänge für im zeitlichen Verlauf wechselnde Einstellungen und Schwenks.

Abbildung 4: Animierte Projektoren: Die roten, grünen und blauen Kurven im markierten Videotrack steuern Bewegung und Skalierung der Projektion des Movietrack auf den virtuellen Schirm.

Abbildung 4: Animierte Projektoren: Die roten, grünen und blauen Kurven im markierten Videotrack steuern Bewegung und Skalierung der Projektion des Movietrack auf den virtuellen Schirm.

Showdown

Kdenlive ist eine intuitiv zu bedienende Software, die beim Funktionsumfang mit einem sinnvoll gewählten Kompromiss zwischen einer einfachen, linear arbeitenden Software wie Avidemux, das sich kaum für größere Projekte eignet, und einem umfangreichen Programm wie Cinelerra bietet – wenn das MLT-Framework, auf das es sich beim Rendern stützt, nicht nur 0 Byte große oder vollständig schwarze Dateien ausspuckt.

Openmovieeditor präsentiert sich janusköpfig: Der Benutzer, der den Node-Editor links liegen lässt, findet mit der Anwendung eine schlanke Software, die sich auf Schneiden und Zusammenfügen mit schlichten Überblendungen konzentriert. Die im Node-Fenster editierbare Effekt-Pipeline ist dagegen etwas für Tüftler mit Zeit zum Experimentieren.

Infos

[1] Kdenlive: [http://kdenlive.org]

[2] Openmovieeditor: [http://www.openmovieeditor.org]

[3] Avidemux: [http://avidemux.sourceforge.net]

[4] Cinelerra: [http://sourceforge.net/projects/heroines/]

[5] Kdenlive-Repositories: [http://en.wikibooks.org/wiki/Kdenlive/Getting_and_installing]

[6] Kdenlive-Kompiler-Wizard: [http://www.kde-apps.org/content/show.php?content=85826]

[7] Packman: [http://packman.links2linux.de]

[8] MLT-Framework: [http://www.mltframework.org]

[9] Ffmpeg: [http://ffmpeg.mplayerhq.hu]

[10] Adobe Premiere: [http://www.adobe.com/de/products/premiere]

[11] Virtual Dub: [http://www.virtualdub.org]

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