Aus Linux-Magazin 09/2008

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher Macher

Sweet Home 3D sorgt unter den meisten Betriebssystemen für eine schicke Innenarchitektur, die auch in der Realität nicht folgenlos bleibt. Wer sowohl I-Tunes als auch freie Software mag, findet mit A-Tunes einen Kompromiss. Der I-Pod bleibt dank Libgpod auch unter Linux nicht ganz auf der Strecke.

Manchmal hinkt die Computerwelt der Realität um Größenordnungen hinterher. Dass Software zum Beispiel meist bloß auf einem Betriebssystem läuft, überrascht manchen Linux-Einsteiger, wie gelegentliche Zuschriften an die Redaktion beweisen. Wie unkompliziert ist da doch die handfeste Realität: Wer sich ein Möbelstück kauft, muss nicht erst das Kleingedruckte entziffern, um zu erfahren, unter welchen Bedingungen es in welchen Gebäuden funktioniert. Sofa auspacken, hinstellen, draufsetzen, fertig – Usability par excellence.

Oder ist das doch wieder eine unzulässige Vereinfachung? Geht das neue Möbelstück überhaupt ins Zimmer? Wie passen Fernseher und Bücherregal zur neuen Sitzgarnitur? Maßband, Stift und Papier heißen die klassischen Helfer beim Innendesign, ein etwas modernerer ist wie in vielen anderen Bereichen der Computer. Mit Hilfe des Programms Sweet Home 3D ([1], Abbildung 1) ermöglicht er anschauliche Einrichtungsexperimente ganz ohne Möbelrücken.

Abbildung 1: Raumplanung per Drag&Drop: Ohne anstrengendes Möbelrücken demonstriert die Java-Software Sweet Home 3D, wie die Wohnung nach der Neugestaltung einmal aussehen könnte.

Abbildung 1: Raumplanung per Drag&Drop: Ohne anstrengendes Möbelrücken demonstriert die Java-Software Sweet Home 3D, wie die Wohnung nach der Neugestaltung einmal aussehen könnte.

Innendesign

Der französische Programmierer Emmanuel Puybaret verspürte offenbar das Bedürfnis, vor der Einrichtung seiner Wohnung erst einmal virtuell hindurchzuschlendern. Mit einem Bachelor-Abschluss in Informatik und einem Master in Industrie- und Produktdesign weist er die passende akademische Ausbildung auf. Puybarets unter der GPL lizenziertes Programm Sweet Home 3D gibt einen deutlichen Hinweis auf die beiden Kernqualifikationen seines Erfinders, indem es professionelle Utensilien mit Bedienkomfort kombiniert.

Schöne Oberfläche

Das Programmfenster besteht aus vier Bereichen. Im rechten oberen zeichnet der Benutzer zunächst die Wände der in Frage kommenden Behausung ein. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein einzelnes Zimmer, eine Lagerhalle oder eine verwinkelte Wohnung handelt. Der Menüpunkt »Plan | Wände editieren« ermöglicht genauere Definitionen, etwa der Höhe und der Wandtexturen. Wer einen eingescannten Grundriss hat, importiert ihn als Hintergrundbild und fährt dann die darauf sichtbaren Begrenzungen mit dem Wandwerkzeug nach.

Der linke obere Bereich des Hauptfensters liefert die Ausstattung für die Wohnung. In den Abschnitten »Badezimmer«, »Küche«, »Schlafzimmer« und »Wohnzimmer« finden sich klassische Einrichtungsgegenstände für die jeweiligen Räume. Dazu gehören nicht nur Möbel, sondern auch ein Kamin oder andere Dekorationsgegenstände. Was sich hinter »Türen und Fenster« verbirgt, lässt sich auch ohne Innendesigner-Kompetenz leicht ahnen. »Verschiedenes« schließlich stellt Treppengeländer, Heizkörper, Gardinen und weitere Accessoires bereit.

Die Möbelstücke schiebt der Benutzer nun per Drag&Drop aus der Liste an den gewünschten Ort im daneben abgebildeten Grundriss. Per Mausklick auf eine der vier Ecken passt er noch die Dimensionen und die Ausrichtung an. Im linken unteren Bereich des Programmfensters entsteht eine Liste aus den verwendeten Möbeln. Ein Doppelklick auf einen Eintrag öffnet den Dialog aus Abbildung 2, in dem man neben der Größe auch Farben und weitere Details spezifiziert.

Abbildung 2: Sweet Home 3D bringt viele virtuelle Möbel mit, die sich im Detail konfigurieren lassen. Wem das nicht reicht, dem liefert die Community weitere Einrichtungsgegenstände en masse.

Abbildung 2: Sweet Home 3D bringt viele virtuelle Möbel mit, die sich im Detail konfigurieren lassen. Wem das nicht reicht, dem liefert die Community weitere Einrichtungsgegenstände en masse.

Die drei Ds

Der eigentliche Clou an Sweet Home 3D ist jedoch die dreidimensionale Darstellung der Wohnung im rechten unteren Teil des Programmfensters. Dort lässt sich quasi live verfolgen, wie sich die Wohnung füllt, denn das Programm zeigt hier jedes neue Möbelstück an. Auch veränderte Parameter kommen in der 3D-Perspektive sofort zur Geltung.

Mit Hilfe der 3D-Luftansicht betrachtet der Bewohner seine potenzielle Behausung realitätsgetreu und von einem frei wählbaren Standpunkt. Noch tiefer in die Materie steigt der Innenarchitekt mit der Funktion »Virtuelles Begehen« im »3D-Ansicht«-Menü ein. Hier fügt das Programm skizzierte Personen hinzu, aus deren Sicht die Software nun die räumliche Ansicht darstellt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die 3D-Luftansicht verschafft zwar einen Überblick, doch mit dem virtuellen Rundgang lässt sich die neu gestaltete Wohnung aus allen Winkeln beinahe so betrachten, als wäre sie bereits Realität.

Abbildung 3: Die 3D-Luftansicht verschafft zwar einen Überblick, doch mit dem virtuellen Rundgang lässt sich die neu gestaltete Wohnung aus allen Winkeln beinahe so betrachten, als wäre sie bereits Realität.

Genau wie die Einrichtungselemente lässt sich auch der virtuelle Betrachter mit den Pfeiltasten oder mit der Maus per Drag&Drop durch die Wohnung schieben. Auch der Betrachtungswinkel ist individuell einstellbar. Der »Oberteil Winkel« definiert die horizontale, der »Unterteil Winkel« die vertikale Neigung. Die Änderung der jeweiligen Parameter bewirkt also eine Drehung zur Seite oder nach oben beziehungsweise unten. Der »Einstellungen«-Dialog im Menü »3D Ansicht« legt außerdem sowohl die Größe des Betrachters als auch den angezeigten Bildausschnitt über einen Winkelwert fest.

Ins Möbelhaus

Sweet Home 3D bringt eine Standardausstattung virtueller Möbel mit, die ausreicht, um eine Wohnung mit allen Alltagsgegenständen zu versorgen. Doch die Community will mehr: Die Programm-Website beherbergt unter dem Link »3d models« mehrere Sammlungen, die das Repertoire ergänzen. Die kürzlich fertiggestellte Bibliothek der Nutzergemeinde enthält 119 3D-Modelle, von denen das Programmpaket nur einen Teil mitliefert. Mit den neuen Gegenständen schmückt man seine virtuellen Gemächer mit liebevoll gestalteten Möbeln und anderen Accessoires in zahlreichen Varianten. Allein zehn verschiedene Tische, aber auch Lampen, Uhren, unterschiedliche Anschlussdosen und anderes Zubehör stehen zur Verfügung.

Neben der Sweet-Home-3D-Community stellen weitere Anbieter 3D-Modelle zur Verfügung. Die spanische Softwarefirma Scopia liefert eine ebenfalls frei verfügbare Sammlung von 60 Einrichtungsgegenständen [2], und die beiden Designer Andrew Kator und Jennifer Legaz [3] steuern weitere 75 bei.

Sweet Home 3D unterstützt gleich drei etablierte Formate für die 3D-Modellierung: 3DS von Autodesk [4], Obj von Wavefront [5], das inzwischen ebenfalls zu Autodesk gehört, und LWS von Lightwave [6]. Die ersten beiden Formate erzeugt auch der freie Blender [7].

Übergreifend

Mit Home Sweet 3D hat Hauptentwickler Puybaret seine Kompetenz als Softwaredesigner unter Beweis gestellt. Eine Analyse der von ihm eingesetzten Technologie führt zurück zur anfangs beklagten Schwierigkeit, Software für verschiedene Betriebssysteme zu entwickeln. Java verspricht hier Abhilfe, im vorliegenden Fall Home Sweet 3D mit Erfolg. Die Applikation ist unter Linux, Windows und Mac OS X getestet. Auf anderen Systemen mit Java-Laufzeitumgebung sollte sie aber ebenso gut funktionieren.

Im »Download«-Bereich der Sweet-Home-3D-Homepage stehen für die drei genannten Systeme fertige Pakete bereit, die Java in der Version 6 enthalten. Nach dem Entpacken des für Linux 40 MByte großen Pakets benötigt das Programm keine Installation mehr. Ist die Laufzeitumgebung bereits installiert, gibt es eine elegantere Methode: Per Java-Webstart ruft man einen plattformunabhängigen Installer auf, der direkt die passende Version des Programms herunterlädt und entpackt.

Um das inzwischen in Version 1.3 vorliegende Programm nicht nur mit Lorbeer zu überhäufen, seien die Bugs erwähnt, die zumindest in der Linux-Variante den Spaß ein wenig einschränken: Dass die 3D-Ansicht hin und wieder völlig verschwindet, lässt sich durchaus verkraften und geht wohl auf das Konto des Grafikkartentreibers. Schwerer wiegen die gelegentlichen Programmabstürze. Beim Einrichten der eigenen virtuellen Wohnung gilt daher: Wer nicht regelmäßig speichert, verliert.

Ein A für ein I

Es bleibt bei der Plattformproblematik: Inzwischen ist es fast sieben Jahre her, dass Apples I-Pod einen Boom auslöste. Trotzdem ließ sich das beliebte Gerät nur mit den Computern desselben Herstellers synchronisieren, weil die Software I-Tunes [8] nur für Mac OS existierte. Den Geräten der zweiten Generation lag noch eine eigene Windows-Software bei, bis Apple schließlich I-Tunes auf Windows portierte. Doch bis heute bleibt eine Plattform außen vor: Linux.

Dass es I-Tunes für das freie Betriebssystem nicht gibt, bedauern nicht nur Besitzer des I-Pod. Denn die Software synchronisiert nicht nur den tragbaren MP3-Player mit der lokalen Festplatte, sondern bietet darüber hinaus eine umfangreiche Multimedia-Jukebox. Das kostenlose, aber proprietäre Programm integriert Audio-CDs in die Sammlung und brennt eigene Kollektionen auf CD, lädt Video- und Audio-Podcasts aus dem Internet und verwaltet Wiedergabelisten, die man selbst oder andere I-Tunes-Nutzer zusammengestellt haben.

Alex Aranda wollte weder auf I-Tunes verzichten noch Kompromisse bei der freien Verfügbarkeit eingehen. Deshalb hat er das Projekt A-Tunes ([9], Abbildung 4) ins Leben gerufen, das nun in Version 1.9 vorliegt. Das Programm ahmt die Oberfläche von I-Tunes nach und läuft – anders als das Vorbild – sowohl unter Linux als auch unter Windows, Mac OS X und Sun Solaris. Auch hier führt der Weg zur Plattformvielfalt über die Programmiersprache Java.

Abbildung 4: A-Tunes gibt der I-Tunes-Oberfläche eine freie Softwarebasis. Look&Feel gleichen dem Vorbild, auch wenn die I-Pod-Unterstützung zu wünschen übrig lässt.

Abbildung 4: A-Tunes gibt der I-Tunes-Oberfläche eine freie Softwarebasis. Look&Feel gleichen dem Vorbild, auch wenn die I-Pod-Unterstützung zu wünschen übrig lässt.

Alter Bekannter

Wer I-Tunes kennt, findet sich auch im freien Klon schnell zurecht. In der Mitte liegt die Wiedergabeliste, links davon die Musikbibliothek. Videos sind bei A-Tunes noch nicht mit von der Partie. Auf der rechten Seite erscheinen Informationen über das aktuelle Stück. Dazu sucht A-Tunes im Internet automatisch den Text des derzeit gespielten Liedes und das Cover des entsprechenden Albums.

Damit niemand den Überblick verliert, verwaltet A-Tunes zahlreiche Wiedergabelisten parallel, zwischen denen der Anwender beliebig hin und her wechselt. Per Drag&Drop landen darin einzelne Lieder oder ganze Alben aus der Musikbibliothek. Seine besonderen Lieblingsstücke versieht der Musikfan mit der Auszeichnung »Favorit«. Markiert er mit Hilfe des Buttons mit dem roten Herzen ein Lied oder ein Album, erscheint es für den schnellen Zugriff im »Favoriten«-Tab des linken Fensterbereichs.

Auch beim Einlesen von CDs steht die A-Tunes-Software dem Original in nichts nach. Ein Klick auf »CD importieren« im »Werkzeuge«-Menü zum Beispiel bietet dem Benutzer eine Liste der auf der CD gefundenen Stücke an, aus der er die gewünschten zum Importieren auswählt. Über eine eigene Brennroutine verfügt A-Tunes allerdings nicht.

Vergessenes Kernfeature

Bei I-Tunes gerät mittlerweile schon beinahe in Vergessenheit, dass das Programm ursprünglich in erster Linie Dateien vom und auf den I-Pod kopieren sollte. Freier Software fällt es schwer, diese Kernfunktionalität nachzubilden, denn das Protokoll, mit dem I-Pod und Computer kommunizieren, ist nicht offen. Daher beschränkt sich die Funktionalität von A-Tunes diesbezüglich auf das Auslesen von Liedern vom mobilen Gerät auf die lokale Festplatte.

Weniger problematisch ist dafür der Umgang mit MP3-Playern anderer Hersteller, die das standardisierte USB-Storage-Protokoll verwenden. Sie lassen sich wie ein gewöhnlich Datenträger mounten, A-Tunes kommuniziert mit solchen Geräten reibungslos.

Kommunikation

Wer seinen I-Pod unter Linux verwenden möchte, erhält von A-Tunes also nur begrenzt Hilfe. In dieser Hinsicht bietet die Bibliothek Libgpod [10] etwas mehr. Sie unterstützt zahlreiche I-Pod-Typen, eine aktuelle Liste der funktionierenden Geräte steht unter [11].

Viele der beliebtesten Musikwiedergabeprogramme für Linux verwenden die Libgpod zumindest optional, darunter Amarok [12], Exaile [13] und Rhythmbox [14]. Das Referenzprojekt der Bibliothek ist Gtkpod ([15], Abbildung 5). Es eignet sich zwar zur Verwaltung eines I-Pod, als Musikplayer stößt die etwas umständliche Benutzerführung allerdings nicht auf allzu große Gegenliebe. Trotz aller Bemühungen der freien Software-Community kommt beim I-Pod also nach wie vor die eingangs angesprochene Problematik der Plattforminkompatibilität besonders zum Tragen. Der portable Mini-MP3-Player steht gemäß Eigenwerbung als Symbol für den flexiblen und unabhängigen modernen Menschen – doch dass ausgerechnet der I-Pod sich so fest an bestimmte Betriebssysteme bindet, straft diesen Anspruch Lügen.

Abbildung 5: Gtkpod verwendet wie zahlreiche andere Linux-Programme Libgpod, um auf I-Pods zuzugreifen.

Abbildung 5: Gtkpod verwendet wie zahlreiche andere Linux-Programme Libgpod, um auf I-Pods zuzugreifen.

Erbsen-Zwiebel-Spaghetti

Wer Möbel nicht nur auf dem Bildschirm verschoben, sondern ganz real durch die Wohnung geschleppt hat, braucht ein paar zusätzliche Kalorien. Für angenehme Sättigung ohne großen Portionieraufwand sorgen Nudelgerichte wie Erbsen-Zwiebel-Spaghetti. Die sind besonders schnell zubereitet und enthalten dank der zu jeder Jahreszeit erhältlichen Lauchzwiebeln immer einen Hauch frisches Grün.

Die Zutaten: 100g Spaghetti, 50g tiefgefrorene Erbsen, ein halbes Bund Lauchzwiebeln, eine Knoblauchzehe, 25g geräucherter Speck, zwei Esslöffel Sahne, zwei Esslöffel geriebener Parmesan und etwas weißer Pfeffer.

Zur Zubereitung die Spaghetti knapp 10 Minuten bissfest kochen. Die Lauchzwiebeln in Ringe, den Knoblauch in feine Würfel schneiden. Die in Deutschland leider verbreitete Presse ist übrigens das Schlimmste, was man dem auf flüchtigen ätherischen Ölen basierenden Knoblaucharoma antun kann. Daher beim Schneiden Augen zu und durch.

Der Rest ist dafür einfach: Den in Streifen geschnitten Speck kurz anrösten, Lauchzwiebeln und Knoblauch ganz kurz mitbraten, den Topf vom Herd nehmen, mit der Sahne ablöschen und mit Pfeffer würzen. Über die Spaghetti geben und mit Parmesan bestreuen. (pkr)

Infos

[1] Sweet Home 3D: [http://sweethome3d.sourceforge.net]

[2] 3D-Modelle von Scopia: [http://resources.blogscopia.com/modelos_en.htm]

[3] 3D-Modelle von Andrew Kator und Jennifer Legaz: [http://www.katorlegaz.com/3d_models]

[4] Autodesk: [http://www.autodesk.de]

[5] Wavefront: [http://de.wikipedia.org/wiki/Alias_(Unternehmen)]

[6] Lightwave: [http://www.newtek.com/lightwave]

[7] Blender: [http://www.blender.org]

[8] I-Tunes: [http://www.apple.com/de/itunes/]

[9] A-Tunes: [http://www.atunes.org]

[10] Libgpod: [http://www.gtkpod.org/libgpod.html]

[11] Unterstützte I-Pods: [http://gtkpod.wikispaces.com/Supported+iPods]

[12] Amarok: [http://amarok.kde.org]

[13] Exaile: [http://www.exaile.org]

[14] Rhythmbox: [http://www.gnome.org/projects/rhythmbox]

[15] Gtkpod: [http://www.gtkpod.org]

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