Aus Linux-Magazin 08/2008

Asterisk-Tag 2008

Sil, Fotolia

Wenn die greise Telefonanlage krächzt und stolpert, steht eine Neuanschaffung auf dem Plan. Auf dem Asterisk-Tag am 26. und 27. Mai 2008 in Berlin war zu lernen, dass die freie VoIP-Software reif für solche telekommunikativen Nachfolgeregelungen ist.

VoIP-Admins und Berater für VoIP-Telefonie bildeten die rund 120 Besucher des zweiten Asterisk-Tages [1]. Als Redner gaben Anwender und Entwickler Einblick in die Welt der GPL-Anlage Asterisk. Die Veranstaltung mutete etwas hemdsärmelig an: Das VoIP-Business ist noch eher dynamisch und bastelfreudig als gereift und gesetzt. Fallstudien beeindruckten offensichtlich die Skeptischen, und Asterisk-Erfinder Mark Spencer rief auf zum Sturm auf das Frontend im Namen der Usability. Schwungvoll rundete PGP-Erfinder Philip Zimmermann, der natürlich nichts als Verschlüsselung auf der Agenda hatte, das Themenspektrum ab.

Online

Auf Linux-Magazin Online wartet ein Video-Interview mit Mark Spencer, das am Rande des Asterisk-Tages entstand. Das Stichwort »Asterisk-Tag« im Suchfeld der Seite [https://www.linux-magazin.de] führt zum Ziel.

Im Einsatz

Referent Siegfried Langauf vollzog im Mai 2005 binnen sechs Stunden eine Pilotinstallation von Asterisk bei der Stuttgarter Versicherung. Die hatte auf einer Veranstaltung erfahren, Asterisk sei reif für den Produktiveinsatz. Grund für den Umstellungswunsch war “Leidensdruck”, wie Langauf es nannte. Die Telefonanlage der Firma war veraltet und fehleranfällig. Die Versicherungsgruppe hatte diverse proprietäre Angebote eingeholt, wollte dann aber zugunsten der Unabhängigkeit doch lieber mit offenen Schnittstellen zu Software und Telefonen arbeiten.

Besser als zuvor

Die Stuttgarter Hauptverwaltung ist inzwischen komplett mit Asterisk ausgestattet, erzählt der damalige Student, den die Stuttgarter inzwischen an Bord geholt haben. Kleinere Filialen plant Langauf dieses und nächstes Jahr nachzurüsten. Das gesamte Szenario umfasst ungefähr 1000 Arbeitsplätze inklusive der rund 60 Heimarbeitsplätze.

Drei Dinge bleiben haften von Langaufs Ausführungen. Erstens: Alles ist implementierbar. Es habe noch keine Anfrage gegeben, die nicht realisierbar war, sagt der Deployment-Verantwortliche. Zweitens: Alles laufe stabil. Das habe den einen oder anderen seiner Kollegen überrascht, sagt Langauf und bekennt: “Mich überrascht es auch immer mal wieder.” Drittens: Die neue Lösung sei leistungsfähiger als die vorherige. Beispielsweise seien die neuen Callcenter-Funktionen wie CDR (Call Detail Record) vielseitiger, der Export der Daten in ein Statistikmodul sei einfacher, überhaupt könne man jetzt neue Funktionen nutzen, etwa Zeiterfassung der Anrufe.

Probleme auf dem Dorf

Wird mit Asterisk also alles gut? Nicht ganz, auch das verrät Langauf in seinem Erfahrungsbericht. Erstens habe die VoIP-Lösung das wesensbedingte Problem, das ländliche Heimarbeitsplätze bei lückenhafter DSL-Versorgung nicht oder nicht störungsfrei in das VoIP-Netz einzubinden sind. Ein anderes Problem sind Faxgeräte. Als Lösungsansatz nennt Langauf, T38-fähige Gateways anzulegen. Alternativ hat er bei den Stuttgartern für die Faxgeräte innerhalb des IP-Netzes durchgehende ISDN-Leitungen gebaut.

Außerdem sei es bisher nicht möglich gewesen, beispielsweise eine Rufnummernanzeige des Anrufers auch bei manueller Weiterleitung des Gesprächs zu realisieren. Insgesamt sei eine Hürde, dass Systemadministratoren sich Know-how über Telefonietechnik aneignen müssen, sagte Langauf.

Zur Weiterentwicklung der Usability hat Asterisk-Erfinder Mark Spencer (Abbildung 1) in seiner Keynote höchstpersönlich aufgerufen. Er habe die Software im Jahr 1999 aus einem pragmatischen Bedürfnis heraus geschrieben, sie sei eine Core-Technologie. Derzeit beobachte er, dass Firmen die Technologie in Produkte einbinden, die die Handhabung vereinfachen. Genau dies sei nach Spencers Einschätzung die Zukunft von Asterisk – auch um der VoIP-Konkurrenz durch Microsoft zu begegnen, bekennt er.

Abbildung 1: Asterisk-Erfinder Mark Spencer ortet die Zukunft der Asterisk-Entwicklung in vereinfachter Installation und Anwendung.

Abbildung 1: Asterisk-Erfinder Mark Spencer ortet die Zukunft der Asterisk-Entwicklung in vereinfachter Installation und Anwendung.

Ein Patch des PGP-Erfinders

Am Ende des ersten Tages – am zweiten fanden vor allem Workshops statt – sorgte, per Video zugeschaltet, der gutgelaunte PGP-Erfinder Philip Zimmermann für Unterhaltung. Bei ihm in Kalifornien ist es neun Uhr morgens, als er auf der Bildfläche erscheint, bei den Zuhörern unter dem Berliner Funkturm 18 Uhr abends. Veranstalter Stefan Wintermeyer hat den Talk mit einem Macbook und einem I-Chat-Client realisiert. Ein Beamer überträgt das Bild auf die Leinwand, Zimmermann sieht seinerseits über die Webcam den Vortragssaal.

Die Leinwand zeigt, wie Zimmermann mit der Hand auf einen Monitoring-Screen weist, über den Penetrationsversuche aus dem Netz flimmern. “Wir brauchen Schutz davor, wir haben keine Wahl”, insistiert er. Denn die organisierte Kriminalität im Netz sei heute die größte Bedrohung.

Während des Videovortrags erläutert Zimmermann seine Zfone-Software. Sie implementiert das ZRTP (Zimmermann Realtime Transport Protocol) als Plugin für den Protokollstack von Kommunikationsclients. Das Protokoll handelt Session Keys aus und detektiert Man-in-the-Middle-Attacken. Nach Zimmermanns Meinung macht erst ZRTP das SRTP-Protokoll sicher. Auf der Zfone-Seite [2] gibt es auch ein Patch für Asterisk, das es erlaubt, das ZRTP auf SIP/RTP-Verbindungen anzuwenden.

Infos

[1] Asterisk-Tag: [http://www.asterisk-tag.org]

[2] ZRTP-Protokoll: [http://zfoneproject.com]

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