Aus Linux-Magazin 04/2007

Neues bei Debian

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

 

Sicher ist, dass Debian 4.0 alias Etch eingefroren ist und keine neuen Features Aufnahme finden. Aber dass die freie Distribution beim Erscheinen dieser Ausgabe des Linux-Magazins offiziell vorliegt, ist alles andere als sicher. Die Zeit ist dennoch reif, um einen Blick auf die Neuerungen der Version 4.0 zu werfen.

Installation

Schon die Installation bricht mit alten Traditionen: Das »base-config«-Skript, seit Urzeiten für die Initialkonfiguration des Systems zuständig, hat ausgedient. Stattdessen ist die Initialisierung in den Installer integriert, der sich damit als geschlossene Einheit präsentiert. Erstmals lassen sich so direkt bei der Installation verschlüsselte Partitionen anlegen.

Für die Desktop-Benutzer zeigt das Installer-Team mit einer grafischen Umsetzung ebenfalls freundliches Entgegenkommen. Der grafische Installationsprozess ist aber nur als sehr entfernter Verwandter von komfortablen Lösungen wie Yast anzusehen. Die eingesetzte Framebuffer-Methode ermöglicht dem weniger erfahrenen Benutzer aber wenigstens das Weiterkommen per Maus, ohne auf die Tastatur als Hauptwerkzeug angewiesen zu sein. Die Installationsroutine hat zudem die übliche Versionspflege und Wartung erfahren. Viele kleine Fehler, die nach der Sarge-Release aufgefallen sind, gelten als behoben.

Sicheres APT

Sehnsüchtig haben Benutzer und Administratoren darauf gewartet, dass Debians APT die Quelle eines Pakets überprüft. Die Möglichkeit, Pakete zu modifizieren und sie unerfahrenen Debian-Benutzern unterzujubeln, gab es schon immer, einschließlich Debian Sarge. Damit ist jetzt endlich Schluss: Die Secure APT getaufte Lösung prüft anhand einer Paketliste mit GPG-Signatur, ob das Paket, das es gerade herunterlädt, tatsächlich offiziellen Ursprungs ist. Schlägt die Überprüfung fehl, fängt APT gar nicht erst mit der Installation an.

Debian für Server

Debian genießt einen ausgezeichneten Ruf als Betriebssystem für Server, und den soll Etch weiterpflegen. Bei der Installation einer Datenbank wie etwa MySQL und PostgreSQL, greift das kleine Tool »dbconfig-common« hilfreich unter die Arme und stellt eine einheitliche Oberfläche zur Verfügung.

Darüber hinaus übernimmt es die nahtlose Integration von Paketen, die zum korrekten Funktionieren Zugriff auf die Datenbank benötigen. Der Administrator muss sich also nicht um jede Datenbank einzeln kümmern. Für Datenbanken wichtig: Der Standard-Zeichensatz bei neuen Installationen ändert sich mit der neuen Release in UTF-8. Außerdem kommt Udev in Verbindung mit dem Kernel 2.6 zum Einsatz.

Debian für Desktops

Gustavo Franco, der das Desktop-Projekt leitet, hat mit Superlativen nicht gespart und Etch zum bislang benutzerfreundlichsten Debian gekürt. Viel zu lange hat das Projekt den Desktop-Markt vernachlässigt, was als Grund dafür gilt, warum viele Benutzer zu Ubuntu abwanderten. Das Ubuntu-Team um Mark Shuttleworth hat die Distribution von Anfang an mit Fokus auf den Desktop entwickelt.

Benutzern den Umgang mit Debian zu erleichtern ist Aufgabe einer ganzen Reihe von Veränderungen. KDE- und Gnome-Oberfläche wurden aufgebohrt und auf Debian-Look getrimmt, ohne dass die beiden Desktops gleich aussehen. Im Gegensatz zu Sarge bietet Etch nun auch die Möglichkeit an, Gnome oder KDE direkt bei der Installation auszuwählen und zu starten. Die Benutzer landen dadurch direkt in X mit einem konfigurierten Desktop – die Konsole bleibt außen vor.

Auch sonst hat sich einiges getan: Etch informiert automatisch über Sicherheitsupdates, die sich anschließend per Mausklick installieren lassen. Zudem erkennt Etch Drucker und Scanner und konfiguriert sie. Den Part des Instant-Messaging-Clients hat Gaim übernommen, Kopete ist aber auch an Bord.

Paketsuche mit Debtags

Wer bisher ein Debian-Paket suchte, konnte entweder die Kurz- und die meist etwas längere Beschreibung aller Pakete benutzen. In Etch haben die Entwickler so genannte Debtags zur Vereinfachung der Suche eingeführt. Der Trick ist simpel: Viele Pakete haben in ihrer Kontrolldatei jetzt eine Debtags-Zeile, die via Keywords den Inhalt einer Kategorie zuordnet. Die Tags sind auch in der Lage, das verwendete Benutzerinterface (Konsole oder X11), den Zweck des Programms, die Eigenschaft (Kern-Applikation oder kleines Hilfstool) oder das Dateiformat zu bestimmen, mit dem das Programm umgehen kann.

Mit dem Kommandozeilen-Programm »debtags« lässt sich die Liste der vorhandenen Pakete anhand der Tags durchwühlen. Wer zum Beispiel jene Pakete sucht, die mit der Z-Shell zusammenhängen, erhält mit »debtags related zsh« schnell das gewünschte Resultat.

Anders als die frühere Einteilung in Sektionen oder die Suche per Paketbeschreibung ist die Debtags-Suche effizient. Noch tragen allerdings nicht alle Pakete entsprechende Tags, sodass möglicherweise doch noch das eine oder andere durch die Lappen geht.

Der Weg zu Etch

Auch hinter den Kulissen hat sich bei Debian während der Arbeit an Etch einiges getan. Einige Veränderungen sind nicht direkt erkennbar, andere sehr wohl: Seit Etch unterstützt Debian AMD 64 offiziell, Sarge bot dank der Arbeit einiger fleißiger Debian-Entwickler lediglich halboffizielle Unterstützung. Etch hält außerdem in Version 4.0 die Spezifikationen der LSB 3.1 ein.

Für Diskussionen sorgte der Mirror-Split, den das Projekt im letzten Jahr vollzog. Das FTP-Master-Team zeigt sich wegen des noch immer rapide anhaltenden Wachstums des Projekts besorgt darüber, ob der verfügbare Speicherplatz auf Mirror-Servern ausreicht. Um das Problem zu lösen, teilte das Projekt einfach Pakete für unterschiedliche Distributionen auf einzelne Mirror auf.

Nicht mehr jeder Mirror hält damit Etch-Pakete für das komplette Architekturangebot der Distribution bereit – eine nicht unumstrittene Entscheidung. Besonders die Benutzer älterer Architekturen befürchten, dass für ihre Systeme die Anzahl der verfügbaren Spiegelserver zu knapp sein könnte. Diese Befürchtung hat sich allerdings nicht bestätigt.

 

Rangeleien inbegriffen

Es sei auch an große und kleine Streitigkeiten erinnert, die Etch begleitet haben. Jörg Schilling etwa trieb das Spiel um die Cdrecord-Lizenz so weit, dass sich Debian am Ende entschloss eine alte Version von Schillings Brennprogramm zu forken und mit dem »cdrkit« in Etch eine eigene Anwendung zu liefern.

Auch der Disput mit dem Mozilla-Projekt ist zu nennen, das sich um seine Reputation sorgte, weil Distributoren (stark) modifizierte Versionen seiner Programme unter gleichem Namen verteilen. Wieder blieb eine gütliche Einigung aus, was daran erkennbar ist, dass Firefox in Etch jetzt Iceweasel, Mozilla Iceape und Thunderbird Icedove heißen.

Bis in die jüngste Vergangenheit reicht die Diskussion um Dunc-Tank. Project Leader Anthony Towns hatte das Projekt ins Leben gerufen, um den überlasteten Release-Managern Andreas Barth und Steve Langasek für zwei Monate Vollzeitarbeit 12000 US-Dollar zu zahlen. Ziel war es, den Releaseplan einhalten zu können. Geworden ist daraus aber nichts, sonst wäre Etch vielleicht noch 2006 erschienen. Am weiteren Vorankommen von Etch dürfte sich auch die Zukunft eines Projekts wie Dunc-Tank entscheiden. Es steht noch nicht fest, ob Debian einen erneuten Versuch mit kurzfristiger Vollbeschäftigung wagt.

Business as usual

Es ist klar, dass neue Releases bei Debian kein großes Überraschungsmoment mehr bieten. Schließlich dürfen Benutzer alles, was am Ende als Distribution auf einem Datenträger landet, von Beginn der Entwicklung an testen. Bei aller Schelte über lange Release-Zeiten hat es Debian in den letzten Jahren immer wieder geschafft, Benutzer und Admins zu begeistern. Es steht zu vermuten, dass Etch diese Serie fortsetzt. (uba)

Der Autor

Martin Loschwitz ist Debian-GNU/Linux-Entwickler und studiert zurzeit in Wien.

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