Die Auswahl ist größer, als selbst Linux-Kenner oft glauben. Buchhaltungssoftware, die Linux sowohl auf dem Client als auch auf dem Server unterstützt, wird von vielen kleineren und mittelständischen Firmen angeboten. Einen kleinen Teil davon stellen wir vor.
Das Text-Terminal lebt. Vor allem Hersteller von Unternehmenssoftware, die in den 80er Jahren auf Unix setzten und textbasierte Lösungen programmierten, hatten wenig Mühe, ihre Produkte auch für Linux anzubieten. Dass dabei noch nicht alle auf den GUI-Zug aufgesprungen sind und immer noch Konsolen-Basiertes anbieten, hat nicht nur Nachteile: Bei Fibus ist die Ergonomie ein Berurteilungskriterium, nicht die Schönheit.
Deshalb stellt dieser Artikel hauptsächlich textbasierte Systeme vor, die vor allem eins auszeichnet: die lange Existenz der Herstellerfirma. Verlässliche, langjährige Geschäftsbeziehungen sind bei dieser Art Software ein besonders wichtiger Punkt. Trotzdem stellen wir natürlich auch Programme mit grafischen Oberflächen und Java-GUIs vor, unser erster Kandidat hat beides.
Linux Financial Suite von CSS

Abbildung 1: Die Linux Financial Suite steckte als einziger Fibu-Testkandidat nicht in einer langweiligen Schachtel.
Die Linux Financial Suite vom Computer Software Studio (CSS) aus Fulda[1] ist eine betriebswirtschaftliche Komplettlösung bestehend aus Finanz- Anlage- und Lohnbuchhaltung, Kostenrechnung, Warenwirtschaft und Fakturierung sowie einem Produktionsplanungssystem.
Dabei ist nur der Buchhaltungsteil von CSS selbst entwickelt. Die Warenwirtschafts- und Produktionsplanungssysteme stammen von GSE, Knoll und Integris. Das Gesamtpaket kommt als Box in einer Upgrade-fähigen Evaluationsversion, die von uns betrachtete Version war schon etwas betagt, eine neue soll in Kürze erscheinen.
Ein sorgfältig zusammengestelltes, gedrucktes Handbuch von knapp 100 Seiten ist enthalten. Die wichtigsten Buchungsvorfälle sind dort ausgehend von einfachen Beispielen nachvollziehbar erklärt, eingehende Kenntnis der Finanzbuchhaltung setzt es nicht voraus. Es eignet sich also auf jeden Fall für den schnellen Einstieg.
Die Benutzerführung orientiert sich zwar nicht an üblichen GUI-Standards, trotzdem ist die Bedienung schnell zu erlernen. Ein Beispiel-Mandant mit umfangreichen Buchungsdaten erleichtert das Üben mit der Software. Die uns vorliegende Evalutionsversion rechnet noch in Mark, die Euro-Umstellung ist nur in der Vollversion möglich.
Etwas umständlich gestaltet sich die Auswahl der Konten bei Buchungsvorfällen. Hier ist bei nicht bekannter Kontonummer immer die komplette Liste aller vorhandenen Konten (Debitoren, Kreditoren, Sachkonten) durchzuscrollen. Als User-Schnittstellen sind sowohl textbasierte als auch Motif-basierte grafische Clients vorhanden. Aufbau und Benutzerführung sind bei beiden Varianten nahezu identisch.
Die einzelnen Programme liegen als RPM vor, sind derzeit aber sehr stark auf SuSE zugeschnitten und in der vorliegenden Version nur auf SuSE Linux 7.2 fehlerfrei gemäß Handbuch installierbar. Bei allen anderen Versionen war etwas Handarbeit nötig. Das sollte jedoch kein allzu großes Problem sein, da der Hersteller beim Kauf der Vollversion 60 Tage Installations-Support gewährt.
Die Linux Financial Suite von CCS stellt sehr bescheidene Anforderungen an die Hardware, nach Herstellerangaben läuft sie schon auf einem Pentium 100 mit 32 MByte RAM und 50 MByte freiem Plattenplatz.
Offene Posten einmal anders
Ein großer Schwachpunkt des Systems ist die Sicherheit. Um den grafischen Client auch auf dem lokalen Rechner starten zu können, muss der »rexecd«-Daemon benutzt werden, das heißt, der gesamte Buchungsverkehr geht unverschlüsselt übers Firmennetz. Das Handbuch empfiehlt zudem den Eintrag »in.rexecd:ALL:ALLOW« in »/etc/hosts.allow« und »xhost +« auf den Client-Rechnern. Für den Betrieb in einem Firmennetzwerk sind also einige Anpassungen nötig. Minimal hätten die Entwickler die Unterstützung von SSH und die Benutzung von ».Xauthority« auf dem Client einbauen müssen. Gefährlich ist auch, dass die Software bei der Installation Shell-Accounts mit vorgegebenen Passwörtern vergibt.
Laut Herstellerauskunft gibt es jedoch schon seit einem halben Jahr einen Java-Client, der allerdings in unserer Box nicht enthalten war, da die Update-Zyklen relativ lang sind. Ein auf Qt basierender nativer Linux-Client ist in Entwicklung. Solche Probleme sollen dort nicht auftreten.
Eine Vollversion der CSS-Fibu als eigenständiges Produkt schlägt mit knapp 3500 Euro für einen Nutzer zu Buche, wobei für weitere Nutzer (Concurrend User) noch einmal je 770 Euro hinzukommen, die Sonderpreise für die Linux Financial Suite sind nach Informationen des Herstellers mittlerweile wieder abgeschafft. Hinzu kommt die Lizenz für eine Oracle- oder Informix-Datenbank.
Damit gehört CSS nicht gerade zu den preisgünstigen Kandidaten. Im produktiven Einsatz ist die Software auch meist in größeren Unternehmen. Zu den Referenzkunden von CSS – nicht notwendigerweise auch der Linux Financial Suite – zählen unter anderem die Sixt Autovermietung und die Textil-Einzelhandelskette NKD-Markt.
Geteco
Die Finanzbuchhaltung der Geteco GmbH[2] – früher DS-Finanzbuchhaltung – ist grundsätzlich branchenneutral, der Hersteller hat seine Kunden traditionell im verarbeitenden Gewerbe, im Gesundheitswesen und bei karitativen Einrichtungen. Kosten der Fibu: etwa 1100 Euro für einen Nutzer, eine relationale Datenbank ist enthalten. Bei mehreren Nutzern gibt es individuell zu vereinbarende Rabatte. Auf einen grafischen Client für Linux müssen die Kunden zwar bislang verzichten, jedoch sind die Textmasken sehr intuitiv und gut zu bedienen. Auch die Installation der Software verlief weitgehend problemlos.
Schattenseiten der Modularität
Das Buchhaltungsprogramm ist Teil einer modularen Komplettlösung, die zum Beispiel auch Rechnungswesen, OLAP-Controlling-Werkzeuge und sogar eine Mitgliederverwaltung für große Vereine und Verbände enthält. Die Modularität hat aber ihre Schattenseiten: Im Grundpreis sind weder Mahnwesen noch der Zahlungsverkehr für Kreditoren oder Debitoren enthalten, die gibt’s nur separat, pro Modul sind dann noch einmal ab 464 Euro fällig. Auf der Ausstattungsseite hat das Geteco-Produkt alles, was Firmen nahezu jeder Größenordnung brauchen: Mehrmandantenfähigkeit für bis zu 999 Mandanten, frei wählbare Kontenrahmen, alle erforderlichen Zertifikate und so weiter.
Geteco selbst existiert erst seit 1998, die erste Version der Buchhaltung entstand jedoch bereits 1989, damals bei der Firma D-Software. Geteco ging aus drei Herstellern von Unternehmenssoftware hervor und bietet unter dem Label Kommu Com Warenwirtschaftsysteme sowie unter D-Software Programme zum Personal- und Zeitmanagement an. So erhält man bei Geteco seine Komplettlösung für das Unternehmen – wenn schon nicht ganz aus einem Guss, dann doch wenigstens aus einer Hand.
Nium: Warenwirtschaft mit Offene-Posten-Verwaltung
Der eigentliche Schwerpunkt des mit weitem Abstand preiswertesten hier vorgestellten Programmpakets Nium[3] ist die Warenwirtschaft. Jedoch ist auch eine Buchhaltung mit Offene-Posten-Verwaltung integriert. Der Leistungsumfang ist allerdings begrenzt. Es können Monatsabschlüsse erstellt werden, auch ein einfaches Mahnwesen und eine Gewinn-Verlust-Rechnung sind vorhanden.
Die Oberfläche des Programms ist textbasiert (Curses), der Zugang erfolgt über SSH. Das hat den Vorteil großer Geschwindigkeit und Plattformunahängigkeit – das Programm ist sowohl für FreeBSD und Linux als auch für Windows verfügbar – jedoch wirkt die Bedienung antiquiert.
Ein Plus von Nium ist der niedrige Preis von 400 Euro. Wer das Programm testen möchte, kann über SSH auf eine Demo zugreifen und nach Herzenslust herumbuchen, um so vielleicht herauszufinden, ob die Billig-Fibu den gestellten Anforderungen entspricht. Auf der Website von Nium ist dafür ein direkter Link zur Demo zu finden.
Adata
Die Finanzbuchhaltung von Adata[4] richtet sich genau wie die übrigen betriebswirtschaftlichen Produkte dieses norddeutschen Unternehmens vorwiegend an den Mittelstand, Branchenpreferenzen gibt es nicht.
Adata kann auf eine etwa 20-jährige Geschichte auf der AS/400-Plattform und unter Unix zurückblicken. Noch älter ist die zugrunde liegenden Technologie, nämlich Cobol und ISAM-Datenbanken. Der Funktionsumfang lässt kaum Wünsche offen. Kontenrahmen sind frei wählbar, Offene-Posten-Verwaltung und mehrstufiges Mahnwesen sind bereits Teile des Basispakets.
Zahlreiche Zusatzmodule wie automatisches Zahlungswesen oder zusätzliche Auswertungs- und Berichtsmodule erweitern das Programm bei Bedarf. Adata-Software hat dokumentierte, Ascii-basierte Schnittstellen zu anderen Programmen, so dass Import und Export von Daten mit entsprechenden Filtern möglich ist. (siehe auch Artikel “DOSen raus” in dieser Titel-Strecke).
Die Fibu kann als Teil einer Komplettlösung aus Finanz- und Anlagenbuchhaltung, Rechnungs- und Bestellwesen, Lohn- und Gehaltsrechung und Arbeitsvorbereitung eingesetzt werden, alle Module lassen sich aber auch getrennt voneinander betreiben.
Trotz der Orientierung auf Kunden vom Mittelstand aufwärts – die Firma hat Referenzkunden wie Bahlsen, Aldi oder die Steigenberger-Hotels – ist die Adata-Fibu wegen der relativ moderaten Preise ab etwa 1510 Euro unter Umständen auch für kleinere Unternehmen attraktiv, wenn man beim angebotenen Funktionsumfang auf der sicheren Seite sein möchte und nur eine Finanzbuchhaltung braucht.
ISF Finanzbuchhaltung
Die S+S Softwarepartner GmbH[5] existiert noch länger, nämlich fast 30 Jahre, und hat mit der ISF Finanzbuchhaltung ein Programm im Portfolio, das auf diversen Unix-Varianten inklusive Linux, aber auch auf der AS/400 (jetzt iSeries) und IBM-Mainframe-Betriebssystemen läuft. Besondere Stärken zeigt die Software beim Konzernmanagement, also der Verwaltung mehrerer Firmen innerhalb einer Firmengruppe. Als Datenbanken kommen das althergebrachte C-ISAM oder Oracle in Frage. Aktuelle Preise und nähere technische Details sind beim Hersteller zu erfahren.
Ventas
Seit die Unternehmenssoftware von Ventas[6] nicht mehr wie früher den SuSE-Distributionen als Evaluationsversion beiliegt, ist es um den Hersteller etwas stiller geworden. Ventas ist aber nach wie vor aktiv und bringt in Kürze eine neue Release dieser Software heraus. Sie wird unter anderem dann auch das automatische Einlesen von Bankbuchungen unterstützen.
Ventas hat zwei branchenneutrale Komplettlösungen für kleinere Unternehmen im Angebot: Ventas Complete enthält Finanzbuchhaltung und eine einfache Warenwirtschaft, bei Ventas Deluxe sind auch umfangreichere Funktionen wie Angebotserfassung, Auftragsbearbeitung und Lagerhaltung enthalten. Diese Version ist außerdem durch weitere Module gezielt erweiterbar.
Der Hersteller bietet eine sehr breite, stärker branchenspezifische Produktpalette an und hat sich vor allem auf Lösungen für Handel und Dienstleistungen spezialisiert. Als Datenbanken kam früher vor allem Informix zum Einsatz, inzwischen ist man aber auf Adabas umgeschwenkt.
Größter Schwachpunkt bei Ventas ist die Installation, die auf vielen Systemen zu Problemen führt. Beim Kauf ist jedoch 30 Tage Installations-Support enthalten. Ventas Deluxe kostet für einen Nutzer knapp unter 2000 Euro.
Fazit
Die Wahl einer Buchhaltungssoftware unter Linux ist eine komplexe Sache. Der Markt ist fragmentiert und klein, eindeutige Orientierungsmarken für Risikoscheue – wie Sage KHK oder Navision in der mittleren Liga, oder Lexware und PC Kaufmann für Kleinunternehmen – gibt es unter Linux noch nicht. Dieser Artikel (wie auch die folgenden dieser Rubrik) kann daher nur Anregungen zur Systemauswahl geben.
Das GoB-Testat |
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Was ordnungsgemäße Buchhaltung ist – das definiert in Deutschland das Handelsgesetzbuch. Die Buchhaltungsprogramme sollten deshalb immer ein Testat besitzen, das der Software bestätigt, nach den “Grundsätzen ordnungsgemäßer Buchung” laut HGB zu arbeiten. Genau wie es jeder menschliche Buchhalter auch tun muss (GoB-Testat). Das Testat wird von vereidigten Wirtschaftsprüfern vergeben. Nicht nur die Daten, sondern auch das Programm dazu, müssen zehn Jahre aufbewahrt werden. Das Programm sollte auf der dann aktuellen Hardware noch ausführbar sein. |
Infos |
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[1] Linux Finacial Suite von CSS: [www.css.de] [2] Geteco Finanzbuchhaltung: [www.geteco.de] [3] Nium Warentwirtschaft: [www.nium.eushop.net] [4] Adata Finanzbuchhaltung: [www.adata.de] [5] IFS Finanzbuchhaltung: [www.softwarepartner.de] [6] Ventas: [www.ventas.de] |








