Aus Linux-Magazin 06/2002

Crossover Office - Microsoft Office unter Linux

Crossover Office macht Microsofts Office-Anwendungen für Linux verfügbar. Das kommerzielle, Wine-basierte Produkt ist größtenteils praxistauglich und unterm Strich deutlich preisgünstiger als VMware.

Der Erfolg von Linux auf Servern ist zwar unbestreitbar, aber auf den Desktop schlägt er noch nicht recht durch. Ein Grund dafür: Kaum ein Unternehmen und nur wenige Privatanwender wollen auf Microsoft Office verzichten. Star Office ist zwar eine durchaus ebenbürtige Alternative, aber die Dominanz des Microsoft-eigenen Dateiformats zementiert die herrschenden Zustände. In Firmenumgebungen sind viele Nutzer zudem auf den Lotus-Notes-Client von IBM angewiesen.

Diesem Bedarf versucht die Firma Codeweavers gerecht zu werden[1]. Ihr Produkt heißt Crossover Office und bringt Microsoft Office 97 und 2000 sowie Lotus Notes auf den Linux-Desktop. Zwar ist Office XP derzeit mit Codeweavers Produkt leider genauso wenig lauffähig wie der Internet Explorer, aber die Unterstützung von Office XP steht ganz oben auf der Prioritätenliste der Entwickler. Die Fertigstellung wird in den nächsten Monaten erwartet.

Ein weiteres Codeweavers-Produkt ist Crossover Plugin, das die Verwendung vieler nativer Plugins der Windows-Welt in den unter Linux üblichen Web-Browsern ermöglicht. Sowohl Crossover Office als auch das Plugin greifen dafür auf die Wine-Bibliothek zurück, mit der sich die Funktionsaufrufe der Windows-DLLs auf die entsprechenden nativen Varianten des X-Window-Systems und auf Linux umsetzen lassen.

Codeweavers Beziehungen zur Wine-Community könnten enger nicht sein. Der Chefentwickler des Unternehmens ist Alexandre Julliard, Weinliebhaber und seit 1994 der Maintainer des Wine-Projekts. In echter Open-Source-Manier macht Codeweavers seine Änderungen an Wine auch nach einiger Zeit frei verfügbar. Der moderate Preis von 55 US-Dollar ist aber wohl ebenfalls kein allzu großes Hindernis für den Erwerb der Software.

Abbildung 1: Alexandre Julliard ist Weinliebhaber, Maintainer des Wine-Projekts und gleichzeitig Hauptentwickler bei Codeweavers.

Abbildung 1: Alexandre Julliard ist Weinliebhaber, Maintainer des Wine-Projekts und gleichzeitig Hauptentwickler bei Codeweavers.

Wine mit Komfort

Da Codeweavers Änderungen an der Wine-Bibliothek wieder an die Wine-Entwickler zurückfließen, liegt der Mehrwert bei der Verwendung von Crossover Office vor allem in der deutlich erleichterten Installation und Konfiguration. Wer die Schwierigkeiten bei der konventionellen Wine-Konfiguration nicht scheut, wird also in absehbarer Zeit MS Office auch ohne Codeweavers-Software betreiben können.

Jedoch ist die Wine-Konfiguration nur etwas für Unerschrockene, das Codeweavers-Produkt macht sie hingegen zum Kinderspiel. Bei Redaktionsschluss konnte Crossover Office nur über das Internet direkt bei Codeweavers[1] erworben werden.

Nach dem Bezahlen des Produkts erhält der Kunde einen Registrierungscode, der es ihm erlaubt, eine etwa 7 MByte große Datei herunterzuladen, die alle notwendigen Programme (mit Ausnahme der Windows-Produkte) enthält. Beim Erscheinen dieses Heftes wird bei Linuxland[2] auch eine Box-Version zu haben sein. Man startet die Installation einfach durch das Ausführen dieser Datei in einer Shell:

./install-crossover-office-1.0.0.sh

Da die erworbene Lizenz nur die Benutzung durch eine Person gestattet, ist der normale Installationsort das eigene Home Directory. Root-Privilegien auf dem verwendeten Rechner sind deshalb höchstens für den Zugriff auf eine vorhandene Windows-Partition erforderlich. Normalerweise ist aber auch diese bereits ohne weiteres als normaler Benutzer ansprechbar. Das Archiv entpackt sich innerhalb nur weniger Sekunden in das Verzeichnis »~/cxoffice«. Danach erhält der Anwender die Möglichkeit zur Installation eines der beiden unterstützten Office-Pakete oder von Lotus Notes. Hier genügt das Einlegen der CD ins Laufwerk, alternativ kann der Pfad zu einem Installationsprogramm, etwa »setup.exe«, der entsprechenden Software angegeben werden.

Der Rest der Installation erfolgt wieder weitgehend automatisch unter Verwendung der herstellereigenen Windows-Installationstools, die im Wine-Desktop ablaufen. Lediglich ein simulierter Reboot kann unter Umständen nötig sein, um den Office-Installer zufrieden zu stellen. Hierbei beantwortet man die entsprechende Frage von Microsofts Installer mit Ja und startet die Installation mit Codeweavers Installer erneut – Windows lässt grüßen.

Codeweavers Installer ist leider noch nicht in der Lage, eine bereits auf einer Windows-Partition installierte Kopie von MS Office für die Verwendung in der Codeweavers-Umgebung anzupassen. Die Installation muss stets mit Hilfe der Office-Installations-CD stattfinden.

Abbildung 2: Während der Installation von Crossover Office lassen sich Truetype-Fonts und Anwendungen installieren.

Abbildung 2: Während der Installation von Crossover Office lassen sich Truetype-Fonts und Anwendungen installieren.

Schriften aus dem Netz

Mit Hilfe des Installers lassen sich passende Truetype-Fonts aus dem Internet herunterladen und für die Verwendung mit Microsoft Office konfigurieren, aber auch die Truetype-Fonts einer vorhandenen und gemounteten Windows-Partition sind verwendbar. Bei der Konfiguration lässt sich daher der Pfad zu diesen Fonts manuell eingeben, beispielsweise »/mnt/win/Windows/Fonts«.

Codeweavers Installer legt im Verzeichnis »/home/ Benutzer/cxoffice/bin« eine Reihe von Links mit den Namen der installierten Programme an. So zeigt etwa der Link »winword« auf ein Perl-Skript mit dem Namen »wine«. Es empfiehlt sich, dieses Verzeichnis mit in den Pfad aufzunehmen.

Das Verzeichnis enthält noch ein paar andere nützliche Tools: Mit »cxoffice_reset« etwa lassen sich alle bestehenden Wine-Instanzen sauber beenden, falls es Probleme gibt. Das Programm »officesetup« kann aufgerufen werden, um zusätzliche Software und Fonts zu installieren oder die Konfiguration zu ändern, der »uninstaller« entfernt installierte Programme wieder.

Die fertig installierten Programme kann man nun unter ihrem gewöhnlichen (also dem Microsoft-Namen wie »winword«, »excel« und so weiter) von der Kommandozeile aus starten oder ein entsprechendes Icon auf dem KDE- oder Gnome-Desktop anlegen.

Auf Wunsch verknüpft Crossover Office die MIME-Types von MS-Office-Dateien in KDE, Gnome oder Netscape mit den Anwendungen, so dass sich beispielsweise eine mit KMail empfangene Powerpoint-Präsentation per Mausklick öffnet. Die installierten Anwendungen werden aber noch nicht automatisch in die KDE-Menüs eingebunden, obwohl die Dokumentation das verspricht.

Diese liegt im HTML-Format im Unterverzeichnis »doc« des »cxoffice«-Verzeichnisses, die eigentlichen Windows-Dateien der Applikationen schaufelt das Programm in ein simuliertes Windows-Verzeichnis unter »~/cxoffice/support /dotwine/fake_windows«. Die Windows-Applikationen halten dieses Verzeichnis für das Laufwerk »C«.

Standard-Applikationen arbeiten zuverlässig

Nicht alle Funktionen von Microsoft Office sind mit Hilfe von Crossover Office fehlerfrei benutzbar. Die Firma Codeweavers selber listet einige Einschränkungen auf[3]. Insbesondere Winword, Powerpoint und Excel arbeiten jedoch recht zuverlässig. Sie stellen eine Alternative zu dem recht langsamen und nicht immer perfekten Import der Dokumente in Star Office dar. Der Start von Excel wird zwar gelegentlich mit einer Fehlermeldung quittiert, die jedoch keine weiteren Auswirkungen zu haben scheint. Das Programm startet und funktioniert trotzdem.

Das Öffnen entsprechender, auch umfangreicherer Dateien funktioniert in Word und Excel problemlos und flüssig. Das eigene Linux-Heimatverzeichnis wird als Laufwerk »Y« (Home) angezeigt. Auf entsprechende Weise erhält man auch Zugriff auf eine gemountete Windows-Partition.

Ein Crash der Office-2000-Applikationen trat während des Tests nicht auf. Auch das Laden einer mit Star Office erzeugten Excel-Datei klappte problemlos. Das unter Linux übliche Cut & Paste mittels linker und mittlerer Maustaste funktionierte aus Winword heraus. Texte konnten mit [Ctrl]+[C] beziehungsweise [Ctrl]+[V] zwischen zwei Instanzen von Microsoft Word hin und her kopiert werden, inklusive Formatierungen und eingebundener Bilder. Auffällig waren bei großen Dateien allerdings einige Darstellungsfehler beim schnellen Scrollen, die durch erneutes Markieren aber verschwanden.

Größere Probleme gab es hingegen mit Office 97. Auf einer SuSE-7.3-Standardinstallation funktionierte Copy & Paste zwischen verschiedenen Winword-Instanzen gar nicht. Es kam sogar zu Abstürzen einer Instanz bei dem Versuch, den Inhalt der Zwischenablage – wenige Buchstaben – einzufügen.

Abbildung 3: Die Office-Programme werden mit dem Microsoft-eigenen Instal- lationsprogramm auf die Festplatte gebracht.

Abbildung 3: Die Office-Programme werden mit dem Microsoft-eigenen Instal- lationsprogramm auf die Festplatte gebracht.

Noch kein Ersatz für natives Office

Das Drucken aus Powerpoint und Winword heraus funktionierte auf Anhieb. Hier ist nur darauf zu achten, in den Druckereigenschaften die Papiergröße »A4« statt »US Letter« einzustellen. Gräbt man etwas tiefer, kommen jedoch gelegentlich weitere Probleme zum Vorschein. Drückt man zum Beispiel [F1] für die Hilfe-Funktion in der Word-Version von Office 2000, erfolgt in schneller Abfolge der ergebnislose Versuch, ein Fenster zu öffnen.

Amüsant ist es, den berüchtigten Office-Assistenten Karl Klammer auf dem Linux-Desktop herumschwirren zu sehen. Jedenfalls solange man nicht versucht, ihn wieder los zu werden. Hier hilft unter Umständen nur ein komplettes Beenden von Wine mit »cxoffice_reset«.

Codeweavers vs. VMware

Wer darauf angewiesen ist, Windows Applikationen auf dem Linux-Desktop zu verwenden, hat neben Crossover Office auch die Wahl, VMware einzusetzen. Dieses hat den Vorteil, dass ein komplettes Windows gebootet wird, Einschränkungen bezüglich der Funktionalität bestehen damit nicht, auch Programmabstürze sind seltener.

Von Nachteil ist aber der hohe Ressourcenverbrauch. Crossover Office ist hier wesentlich genügsamer. Auch auf der Kostenseite kann Crossover Office punkten. VMware Workstation 3 kostet bei SuSE beispielsweise für Privatkunden etwa 160 Euro als Download-Version. Hinzu kommen die Kosten einer MS-Windows-Lizenz, die bei Wine-basierten Lösungen entfallen.

Unter dem Aspekt “Linux als Desktop-Betriebssystem” erwähnenswert ist auch die kanadische Firma Transgaming. Sie versucht, ebenfalls auf der Basis von Wine, eine Kompatibilität zur Windows-Spiele-API Direct-X herzustellen[5]. Gelingt dies, dürfte es auch Linux als Spieleplattform neuen Auftrieb geben.

Abbildung 4: Die Systeminformation von Microsoft Word: Den Office-Programmen gaukeln die Wine-Bibliotheken ein vorhandenes Windows 95 vor.

Abbildung 4: Die Systeminformation von Microsoft Word: Den Office-Programmen gaukeln die Wine-Bibliotheken ein vorhandenes Windows 95 vor.

Falle für Applikationsentwickler?

Die Verfügbarkeit von Applikationen wie Crossover Office und VMware wirft aber einige Fragen auf. Kurzfristig ergibt sich aus ihrer Existenz sicherlich ein Nutzen für Linux-Anwender. Langfristig verringert sich jedoch der Druck auf Firmen, eine native Variante ihrer Produkte für Linux bereitzustellen. Wenn die Windows-API unter Linux problemlos anzusprechen ist, besteht einfach kein Bedarf mehr, Zeit und Geld in eine Portierung zu stecken.

Im Falle von OS/2 erwies sich eine ähnliche Situation als fatal. Doch ist diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Linux unterscheidet sich zudem von OS/2 dadurch, dass es sich um Open Source handelt. Die Mechanismen, die zur Entstehung neuer Programme führen, sind zumindest im nicht-kommerziellen Bereich andere als unter OS/2 oder Windows. Die Situation mag sich deshalb bei Linux durchaus anders darstellen.

Fazit

Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Duo Crossover Office/MS Office (noch) nicht als Ersatz für Star Office & Co. ausreicht, besonders in einer Business-Umgebung. Das soll aber niemanden davon abhalten, es nicht wenigstens auszuprobieren. Wer etwa häufig Word- oder Powerpoint-Dokumente via E-Mail erhält, wird es schätzen, diese Dokumente direkt in MS Office auf dem Linux-Desktop öffnen zu können.

Auch verspricht die Firma Codeweavers Bugfixes für die auf ihrer Webseite veröffentlichten Probleme. Wer jetzt eine Kopie von Crossover Office erwirbt, erhält kostenlose Updates innerhalb der Version 1.0.x, so dass bekannte Probleme bald der Vergangenheit angehören sollten. Besitzer einer Lizenz von MS Office 97 oder 2000 sollten also die zusätzliche Ausgabe für Crossover Office zumindest in Betracht ziehen. Unzufriedenen Kunden verspricht Codeweavers zudem die Rückerstattung des Kaufpreises.

Bei Problemen steht dem Benutzer die Möglichkeit offen, sich über E-Mail an Codeweavers zu wenden. Support-Anfragen sind auf der Webseite öffentlich einsehbar[4]. Neugierige können sich also vorab einen umfassenden Überblick über bekannte Probleme verschaffen und einen Eindruck von der Qualität des Supports erhalten. (uwo)

Infos

[1] Codeweavers Crossover Office: [http://www.codeweavers.com]

[2] Linuxland: [http://www.linuxland.de]

[3] Crossover-Office-Produktbeschreibung: [http://www.codeweavers.com/products/office/the_real_dirt.php]

[4] Support: [http://support.codeweavers.com]

[5] Transgaming: [http://www.transgaming.com]

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