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Vierte Chemnitzer Linuxtage

Karl-Tux-Stadt

von Ulrich Wolf
Erschienen im Linux-Magazin 2002/05

Viele Vorträge für jeden Geschmack, die sehr gute Organisation und außerdem genug Besucher, um die Hörsäle aus allen Nähten platzen zu lassen - der Chemnitzer Linuxtag hat sich zu einer festen Größe im Veranstaltungs- kalender gemausert.

Schön ist Chemnitz nicht. Der Industriestadt, schon zu DDR-Zeiten nicht gerade ein Schmuckstück, ist inzwischen auch noch die Industrie abhanden gekommen. Die Technische Universität kämpft mit sinkenden Studentenzahlen und energischen Kürzungsplänen des sächsischen Hochschulministers, speziell die Informatik in Chemnitz genießt aber weiterhin einen guten Ruf.

In diesem Umfeld fanden am 9. und 10. März schon zum vierten Mal die Chemnitzer Linuxtage statt, organisiert von einem engagierten Team, kräftig unterstützt von der Uni und mit einem Programm, das sich sehen lassen konnte.


Abbildung 1: Vom Einsteiger bis zum Security-Experten -- der Chemnitzer Linuxtag konnte mit seinem breiten Vortragsprogramm für alle etwas bieten.

Thematischer Rundumschlag

52 Vorträge in zwei Tagen, dazu Workshops, BOFs und Volksbelustigungen wie Roboter-Wettkämpfe, das muss man erst einmal unterkriegen. Der Enthusiasmus der Veranstalter hat wohl auch Jörg Tauss beeindruckt, den informationspolitischen Sprecher der SPD. Er reiste extra an, um die Keynote zu präsentieren (siehe Kasten).

Im Gegensatz zu den vielen anderen ähnlichen Veranstaltungen kosten die Chemnitzer Linuxtage Eintritt: fünf Euro. Das Geld sollte aber für jeden Anwender, ob Einsteiger, Fortgeschrittener oder Entwickler, gut angelegt sein. Das Themenspektrum reichte von "Was ist Linux" und einer betreuten Anfängersession über KDE 3.0 bis zum verteilten Dateisystem ASF oder Linux auf Großrechnern.

Da alles in einem Gebäude stattfand und die Organisatoren penibel auf das Einhalten des Zeitplans achteten, war das Aufnahmevermögen des Besuchers das einzige Limit beim Stillen des Wissensdursts. Allein acht Vorträge widmeten sich unterschiedlichen Aspekten von "Linux in Schulen", einem Thema, dessen Wichtigkeit auch Jörg Tauss in seiner Keynote betonte.

Auch alle anderen Vorträge, etwa über Distributionen (Debian, Knoppix und das Mini-Linux HAL 91), Networking, Dateisysteme oder Programmierung, waren zu thematischen Threads zusammengefasst. Das machte es dem Besucher einfacher, sich zu konzentrieren. Es war aber auch kein Problem, zwischen den Threads zu wechseln, weil alles in einem Gebäude stattfand. Ebenso erfreulich: Die Uni hatte nichts dagegen, also standen die Ressourcen der exzellent ausgestatteten Informatik-Sektion bereit. Das technische Ausstattungsniveau für eine Veranstaltung dieser Größe war daher enorm, für Workshops standen vernetzte Rechner in Hülle und Fülle zur Verfügung und eine Videowand im Foyer zeigte die gerade laufenden Vorträge.

Dass die Veranstalter auch gegen den Trend schwimmen und keine Angst vor kontroversen Themen haben, zeigten vor allem zwei Vorträge von Aktivisten des Chaos Computer Clubs.


Abbildung 2: Roboter -- vielleicht auf Arbeitssuche?

Zwischen minimalisierter Software und TCP-Hijacking

Felix von Leitner wetterte in seinem Vortrag "Wie man kleine und schnelle Software schreibt" über die Unsitten moderner Software-Entwicklung und zeigte, wie man es besser, also in diesem Fall kleiner und schneller machen kann. Besonders angetan hatten es ihm die versteckte Überfrachtung von einfachsten Programmen durch große Bibliotheken, das mehrlagige Wrappen um schlechten Code (Klopapierprinzip) und der Hang der Entwickler, Programme möglichst generisch zu schreiben, auch wenn in 99 Prozent der Fälle ein spezifischeres Programm ausreicht.

Wer Freude an schlanker, ergebnisorientierter Programmierung hat oder nur einfach die Ressourcenverschwendung in C++ erleben will, sollte sich die Vortragsfolien unter [www.tu-chemnitz.de /linux/tag/lt4/vortraege] anschauen. In einem zweiten Vortrag stellte Felix von Leitner die praktischen Konsequenzen aus diesen Überlegungen vor, seine komplett neu geschriebene, schlanke Systembibliothek »dietlibc« als Ersatz für die »glibc«.

Stefan Krecher führte in einem vollkommen überfüllten Seminarraum in die fortgeschrittenen Aspekte des TCP-Hijacking in, und zwar - wie er bemerkte - durchaus aus der Sicht des Angreifers. Das auch geswitchte Netze genügend Angriffspunkte bieten, wurde dem Publikum genauso demonstriert wie das Übernehmen einer verschlüsselten Verbindung über HTTPS.


Abbildung 3: Roboter-Freaks beim Basteln. Im Foyer des Hörsalgebäudes fuhren ständig Roboter herum. An denen, die nicht fuhren, wurde geschraubt.

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