Wenn gewichtige internationale Gremien mit Sitz in Genf nach scheinbar endlos langen Konferenzen endlich Beschlüsse absondern, geht es meist um ebenso gewichtige Probleme. Und manchmal um welche, von denen wir noch gar nicht ahnten, dass es sie überhaupt gibt.
Festplattenhersteller behaupten schon lange, dass ein Megabyte eine Million Byte sei, also 10^6. In der Informatik wurde jedoch noch nie zur Basis 10 gezählt, schließlich ist die große Errungenschaft der Digitaltechnik ja das Binäre, also die Basis 2. So wird seit Jahrzehnten 2^10 = 1024 Byte wegen der Ähnlichkeit zum SI-Präfix “kilo” Kilobyte genannt, weil man sich’s gut merken kann. Analog 2^20 = 1024 x 1024 Byte = 1 Megabyte und so weiter. Und weil’s so schön einfach war, haben sich alle dran gehalten – bis auf die Festplattenhersteller und ein paar Netzwerktechniker, weil sie so mit größeren Zahlen protzen können. Dass Disketten mit 1000 x 1024 Byte gerechnet werden, ist eigentlich niemandem störend aufgefallen.
Bei der International Electrotechnical Commission in Genf sieht man so etwas gar nicht gern. Weil Computer heute von Hinz und Kunz gekauft werden, könnte es normale Menschen verwirren, wenn “kilo” plötzlich mehr als 1000 hieße. Der Kunde bekommt damit zwar mehr, als er vielleicht glaubt, aber “kilo” bleibt Kilo. Ordnung muss sein, und so machte man sich ans Normieren und schaffte das alte Kilobyte einfach ab.
In welches Chaos stürzt uns die IEC damit? Festplatten, die eben noch 93 GByte hatten, haben plötzlich wieder stolze 100 GByte – und die Plattenhersteller werden sagen: “Haben wir euch doch schon immer gesagt!” Bei Hauptspeichern geht’s rund. 128 MByte? Was für eine seltsame Größe. Die binäre Technik verlangt Riegel mit 134,217728 MB! Alles andere wäre ja eine krumme Anzahl Bytes! Und die Betriebssysteme lagern beim Swappen (Paging) nicht mehr 4 KByte aus, sondern ab jetzt 4,1 KB – oder 4,0 kibibyte.
Denn jetzt gibt’s offiziell kibibyte (und -bit), mebibyte, gibibyte, tebibyte, pebibyte und exbibyte. Und das schon seit 1998 – keiner hat’s gemerkt, denn es kam praktisch nicht an die Öffentlichkeit, von kleinen Meldungen hie und da abgesehen. Erst Community-Leser Markus Walser lenkte unsere Aufmerksamkeit darauf.
Nieder mit dem Kilobyte!
Muss das Linux-Magazin jetzt alles auf kibibyte umstellen? Ja, aber nicht unsere Schwesterzeitschrift “LinuxUser”, die muss auf KB zur Basis 10^3 umstellen. Das zweite Normungsinstitut, Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), meint zu den kibibyte: “The use of these prefixes should be restricted to audiences that are familiar with mathematical notations such as 2^10 and (2^10)^n. They should not ordinarily appear in the descriptive literature […] sold to the general public”.
Die haben wohl geahnt, was sie anrichten. Obwohl offizielle Norm, erinnert sich der Pressesprecher der IEC nur noch: “Da war mal was …”. Die SI äußert sich nicht. Wozu gibt es eine Norm, die keiner verlangt hat, die keiner kennt, die ein Problem löst, das wir nicht haben – alles für eine Öffentlichkeit, die nicht mal informiert wird.
Wer’s nicht glaubt, kann für 110 Schweizer Franken die Originalschrift der Norm bestellen [www.iec.ch], IEC 60027-2, 2. Auflage 2000-11, Seite 66. Auch ein Papier des IEEE [www.ieee.org] zeigt, in welchen Welten die Standardisierer unserer IT schweben: “The common 90-mm diskette as formatted for PC use, is usually advertised as containing 1.44 megabytes. It is actually formatted for 1440 kibibytes, and the `mega’ in this application is neither a proper decimal nor a binary prefix. The resulting hybrid `megabyte’ is equal to 1000 kibibytes. In communication with the general public the capacity of the diskette should be listed as 1.47 MB”.
Stellen Sie sich vor, um wie viel alles einfacher wird, dank IEC und IEEE: Sie gehen in der Schillerstraße (Münchens Porno- und Computermeile) in den Laden und verlangen einen 134,217728-MB-DDR-Riegel und eine Packung der gewöhnlichen 90-mm-Disketten mit 1,47 MB. “Was denn, 134,22 MB haben Sie nicht? 128 MB sind meinem PC zu wenig! Aber sicher haben Sie die mit 128 mebibyte!” Alles wird gut.






