Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 05/2015
© Bratila Andre, 123RF

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Perl spioniert einem Schnüffler nach

IM Zeitgeist an Zentrale

Viele Ubuntu-User wissen gar nicht, dass ihnen der Zeitgeist-Daemon heimlich über die Schulter schaut und ihre Desktop-Aktionen mitprotokolliert. Einige Perl-Skripte bereiten die Lauscherberichte auf und bringen interessante Tatsachen über die Usergewohnheiten ans Tageslicht.

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Woher weiß eigentlich der Nautilus-Browser, welche Dateien ein Ubuntu-User in letzter Zeit bearbeitet hat, um sie in der Sparte »Recent« anzuzeigen? In Abbildung 1 listet er zum Beispiel zwei Screenshots auf, die ich kurz vorher zu Kontrollzwecken mit dem Fotoviewer Eye Of Gnome (»eog« ) angesehen habe.

Abbildung 1: Kürzlich angesehene Dateien im Nautilus-Filebrowser.

Da Nautilus und Eye of Gnome zwei völlig getrennte Applikationen sind, die untereinander keine Daten austauschen, hilft auf dem Ubuntu-Desktop ein inoffizieller Mitarbeiter namens »zeitgeist« dabei, Spitzeldaten zu übermitteln. Interessierte können ihn mit

ps aux | grep zeitgeist

in der Prozessliste als unter ihrer User-ID laufend enttarnen. Gnome-Applikationen stehen über den Dbus mit dem Zeitgeist-Daemon in Verbindung, der relevante Vorgänge neugierig in eine Datenbank protokolliert und dort interessierten Anwendungen, zum Beispiel dem Nautilus-Browser, zur Verfügung stellt.

Als Format für die mitgeschnittenen Desktop-Events nutzt Zeitgeist eine SQlite-Datenbank, die jeder Perl-Schnüffler ebenfalls auslesen und auswerten kann. Wer dem Daemon dabei zuschauen möchte, wie er vom Desktop eintrudelnde Ereignisse aufschnappt, kann ihn mit

zeitgeist-daemon -r --log-level=DEBUG

im Debug-Modus starten, wobei der Aufruf wegen der Option »-r« auch gleich den bereits laufenden Daemon stoppt und ihn durch den im Vordergrund gestarteten ersetzt.

Unklare Zukunft

Das Zeitgeist-Projekt auf Launchpad [2] scheint allerdings seit 2013 im Dornröschenschlaf zu schlummern. Heute bringen Suchanfragen zum Thema Zeitgeist hauptsächlich kritische Stimmen von um ihren Datenschutz besorgten Usern zutage, die verzweifelt versuchen dem Daemon den Garaus zu machen, ohne dabei ihren Ubuntu-Desktop lahmzulegen. Auch wenn dem Projekt möglicherweise keine rosige Zukunft bevorsteht, lohnt es sich trotzdem, hinter die Kulissen zu schauen und die gesammelten Daten einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Respektiert Privates

Weil das ungefragte Mitprotokollieren aller Aktionen auf dem Desktop die Privatsphäre des Users verletzen könnte, erlaubt es der Unity-Desktop dem User, die Sammelwut einzuschränken, ganz abzustellen oder gar alle bislang gesammelten Daten zu verwerfen. In den »System Settings« unter dem Eintrag »Security und Privacy« kann der User den Daemon durch das Deaktivieren einiger Checkboxen in seine Schranken weisen. Dann bekommt Zeitgeist eine Blacklist zugespielt und ignoriert eintrudelnde Events geblockter Applikationen.

Abbildung 2 zeigt, dass Zeitgeist sich dazu überreden lässt, wahlweise keine Aktionen betreffs Musik, Videos, Fotos, Chatlogs oder Dokumente mitzuschneiden. Mit Drücken des Buttons »Clear Data« fordert der User den Daemon sogar dazu auf, bislang gesammelte Daten permanent zu löschen. Was der Zeitgeist-Daemon so alles sammelt, zeigt auch der »zeitgeist-explorer« aus dem gleichnamigen Ubuntu-Paket grafisch an (siehe Abbildung 3).

Abbildung 2: Dieser Dialog in den System Settings unter Security and Privacy bestimmt, welche Vorgänge der Zeitgeist-Daemon archiviert.
Abbildung 3: Die Utility zeitgeist-explorer zeigt eintrudelnde Ereignisse in Echtzeit.

Auf einer ganz frischen Ubuntu-Installation protokolliert Zeitgeist aber alles Erhältliche mit. Doch nicht alle Applikationen geben sich so geschwätzig wie Eye of Gnome. Wünscht sich der User etwa, dass mit Rhythmbox abgespielte Musikstücke in die Fänge des Zeitgeistes gelangen, muss er das Ubuntu-Paket »rhythmbox-plugin-zeitgeist« installieren. Für Chrome oder Firefox existieren weitere Plugins für User, die ihre Webaktivitäten mitverfolgen wollen.

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