Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2014
© Dan Kuta, Photocase.com

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IP-Kameras verwalten

Kamera läuft

Viele IP-Kameras lassen sich heute über intelligente Interfaces verwalten. Wenn diese fehlen oder im Gebäude mehrere Kameras filmen, kommen unter Linux kommerzielle und freie Anwendungen zum Zuge.

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Systeme zur Kameraüberwachung über das Netzwerk existieren seit Mitte der 90er Jahre. Aktuelle Modelle, die auch im Privatbereich erschwinglich sind, vereinen dabei immer mehr Features aus dem Profibereich in sich, wozu etwa Nachtsicht per Infrarot oder Schwenk-, Neige- und Zoomfähigkeiten gehören. Eigentümer überwachen mit ihnen die Urlaubshäuser, Firmeninhaber behalten die Geschäftsräume und Katzenbesitzer ihre im Urlaub zurückgelassenen Lieblinge im Blick.

Meist richtet sich das Objektiv einer oder mehrerer Kameras tagein, tagaus auf einen leeren Gang, eine Bürotür oder einen Parkplatz. Der Artikel beleuchtet, wie Linux und freie Software den Umgang mit dem Kamerapark erleichtern.

Technik, die begeistert

Doch zunächst zur Technik. Neben den meist sehr schlichten Webcams und den winzigen Spionagekameras stehen dem Käufer meist Indoor- und Outdoor-Überwachungskameras zur Auswahl. Letztere müssen wesentlich robuster gegen schlechte Witterung geschützt sein und kosten im Highend-Bereich schon mal ein paar Tausend Euro pro Stück.

Doch auch an den preiswerteren Indoor-Kameras ist der technische Fortschritt nicht spurlos vorübergegangen. Sie kosten eine zwei- oder dreistellige Summe, integrieren sich meist drahtlos oder per Ethernet ins lokale Netzwerk und bringen zum Verwalten und Bedienen eine eigene Weboberfläche mit (Abbildung 1), die allerhand Nützliches kann. Die mitgelieferten Installations-CDs dürfen Linux-Anwender getrost in der Box lassen, denn offizieller Linux-Support ist selten. Tools wie »fping« verraten dennoch, welche IP-Adresse der Router einer Webcam zuweist.

Abbildung 1: IP-Kameras wie die von D-Link bringen häufig eigene Weboberflächen mit und können bei Bewegungen oder Geräuschen Aktionen starten.

Dank Infrarot erkennen viele aktuelle Kameras Objekte auch im Dunklen und leuchten den Raum teilweise bis zu 15 Meter weit aus. Alarm schlagen sie bei Bewegungen (Motion Detection) oder Geräuschen (Sound Detection). In diesem Fall schicken sie Bilder und Videos in wählbarer Auflösung an einen FTP-, SSH- oder Samba-Server, mitunter auch direkt in die Cloud. Einige IP-Kameras lassen sich zudem per Dyn-DNS ins Internet stellen – was nicht immer eine gute Idee ist (siehe Kasten "Security-Probleme").

Security-Probleme

Zwar lassen sich die meisten Webinterfaces durch Passwörter schützen, viele Benutzer machen sich aber nicht die Mühe, das Standardpasswort zu ändern. Ist die Oberfläche übers Internet erreichbar, stehen die Aufnahmen ungeschützt im Netz. Hinzu kommen Sicherheitslücken: Trendnet-Kameras erregten 2012 Aufsehen, weil Interessierte die Streams unter Umgehung des Passwortschutzes über eine spezielle URL erreichen konnten [1].

Empfohlen wird also, die Kameras nur im lokalen Netzwerk zu betreiben und die Daten am besten SSL-verschlüsselt zu verschicken.

Da die Konkurrenz nicht schläft, heben sich IP-Kameras zudem häufig durch ein bis zwei Alleinstellungsmerkmale ab: Sie lassen sich fernsteuern (auch als PTZ bezeichnet, was für "Pan, Tilt, Zoom" steht), erfüllen den internationalen Onvif-Standard des Open Network Video Interface Forum [2], legen Daten auf Micro-SD-Karten ab oder schicken Bilder mit Hilfe von Apps direkt auf Smartphones oder Tablets. Einige Kameras tanken Energie über das Netzwerkkabel (Power over Ethernet, PoE) und brauchen keine Steckdose.

Egal welche Art Kamera der Anwender einsetzt, er sollte auch die gesetzlichen Regelungen kennen. Eine umfangreiche Liste mit Links und Texten zur Videoüberwachung bietet das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein [3].

Powered by Motion

Wer nur sein Büro oder ein einziges Objekt überwachen möchte, dem genügt meist eine günstige Webcam ohne Webinterface: Linux kann sie mit Hilfe von Motion in eine Überwachungskamera verwandeln. Das Kommandozeilentool gehört zu den Veteranen im Motion-Detection-Bereich und erkennt Bewegungen im Sichtfeld (Abbildung 2) oder in dessen Bereichen.

Abbildung 2: Bewegung (hier mit einem Filter hervorgehoben) lässt sich unter Linux mit Motion erkennen, dafür ist keine spezielle Kamera nötig.

Eine Einschränkung der Software besteht darin, dass die Bildquelle im Jpeg- oder Motion-Jpeg-Format (Mjpeg) vorliegen muss – neumodischen Kram wie Mpeg 4 oder Divx mag Motion nicht. Zum Glück bringen viele aktuelle IP-Kameras Mjpeg-Support mit. Schön an Motion ist die ausführliche Dokumentation, die es recht schnell erlaubt, die Funktion der verschiedenen auskommentierten Optionen in »/etc/motion/motion.conf« zu verstehen, um die Software über die zentrale Konfigurationsdatei an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

Der Parameter »target_dir« legt ein lokales Zielverzeichnis für die entstandenen Bilder und Filme fest. Für die erste IP-Kamera muss in der Datei »motion.conf« eine Adresse neben »netcam_url« eingetragen sein, andernfalls will Motion standardmäßig auf »/dev/video0« zugreifen. Die Software kommt allerdings auch mit mehreren Kameras zurecht: In den »thread.conf« -Dateien im Verzeichnis »/etc/motion/« lassen sich jeweils Pfade zu weiteren Kamerastreams definieren und Orte für Aufnahmen festlegen.

Da sich Motion selbst nicht um den weiteren Verbleib des Materials kümmert, muss der Nutzer tätig werden und die Ergebnisdateien per Cronjob und über Bash- oder Perl-Skripte abgreifen und zum Beispiel auf einen entfernten Server verschieben. Oder Motion packt sie in ein Dropbox- oder Ubuntu-One-Verzeichnis, um sie so auf andere Geräte zu übertragen, etwa auf Smartphones.

Auch in Sachen Home-Automation sind mit Motion interessante Einsätze vorstellbar: So kann ein Skript die Textausgaben von Motion auswerten oder die Speicherorte überwachen und Ereignisse starten, sobald Motion Bewegung entdeckt. In Verbindung mit Fhem [4], einem Server für die Home-Automation, der eine ganze Reihe von Heim-Automatisierungsprotokollen kennt (etwa KNX, Home Easy, X 10), lassen sich Motion-Events an Haushaltsgeräte koppeln: Betritt der Bewohner ein Zimmer, geht das Licht an oder Ähnliches. Ein Bastelfreund [5] lässt sich zum Beispiel Menschen, die an seiner Haustür klingeln, zehn Sekunden lang in einem Fenster seiner XBMC-Installation auf seinem Flatscreen anzeigen.

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