Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 12/2013
© Aenbde, photocase.com

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Webcam protokolliert auf Tumblr

Zimmer mit Aussicht

Ist Perlmeister Schilli unterwegs, weiß er gern, was daheim abgeht. Mit zwei Skripten bekommt er es hin, dass die angeschaffte Billigkamera über das Tumblr-API zyklisch Schnappschüsse auf der Micro-Blogplattform ablegt. Tierisch schick, diese Überwachung.

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Wenn ich auf Reisen bin, trägt es sehr zu meiner Beruhigung bei, zu wissen, dass meine Wohnung weder durch eine Feuersbrunst noch durch eine anrückende Diebesbande bedroht ist. Um mein Sicherheitsbedürfnis nicht zum telefonischen Problem für meine Nachbarschaft zu machen, äugt seit einiger Zeit eine schwenkbare Kamera durch mein Wohnzimmerfenster hinaus auf die Skyline San Franciscos (Abbildung 1). Das gerade mal 60 US-Dollar teure Modell Foscam FI 8910W mit Wifi-Anschluss kann ich übers Internet fernsteuern und den Videostream aufs Handy holen – egal wo ich gerade bin.

Abbildung 1: Die schwenkbare Foscam-Kamera im Wohnzimmer des Perlmeisters blickt auf Downtown San Francisco.

Eine Menge Macken

Vor euphorischen Impulskäufen sei jedoch gewarnt, denn der billigen Foscam-Kamera haften einige nervige Macken an. Die erste: In der Dunkelheit schaltet sie jedes Mal ihren Infrarot-LED-Ring ein, wenn sie sich aufhängt und frisch bootet, was hin und wieder aus unerfindlichen Gründen vorkommt. Das Einschaltverhalten klingt im ersten Moment wie ein sinnvolles Feature, erweist sich bei der Platzierung unmittelbar vor einem spiegelnden Fenster aber als Fiasko, denn die Kamera blendet sich selbst so lange, bis jemand den Fehler bemerkt und den Infrarot-Ring ausschaltet.

Auf ein Firmware-Update, das sie von diesem "Feature" erlöst, warten Kunden bislang vergebens. "You get what you pay for", so sagt man lakonisch in Amerika. Hinzu kommt, dass das Webinterface der Kamera wie ein Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert ausschaut: Der User bekommt einen ruckligen Videostream zu sehen und darf mit den Steuerknöpfen links oben den Kamerakopf etwa 180 Grad zu den Seiten und 90 Grad nach oben schwenken (Abbildung 2).

Dass der eingebaute Foscam-Server sein Passwort im Klartext per HTTP statt per HTTPS entgegennehmen will, ist ein weiterer Fauxpas, dem vernunftbegabte User bei übers Internet übertragenen Bildern mit einem VPN begegnen.

Steht die Kamera daheim und möchte man von außen darauf zugreifen, muss die Firewall des Routers mittels Portforwarding eingehende Requests weiterleiten. Da die Kamera mit einem dynamischen DNS-Dienst zusammenarbeitet, bleibt das Webinterface unabhängig von der dynamisch vergebenen WAN-IP stets unter der gleichen URL erreichbar, etwa »http://XXX.myfoscam.org:5148« .

Abbildung 2: Das funktionsarme und optisch altbackene Webinterface der Foscam-Kamera.

Online PLUS

In einem Screencast demonstriert Michael Schilli das Beispiel: http://www.linux-magazin.de/plus/2013/12

Der Plan: Bloggen auf Kommando

Da ich aber nun mal die Kamera besitze, versuche ich das Beste draus zu machen. In erster Linie erscheint es mir sinnvoll, statt mich hin und wieder übers Internet in die Kamera einzuwählen und nach dem Rechten zu sehen, dass ich regelmäßig Schnappschüsse von der Kamera ziehe und ins Internet stelle. Die Standbilder kann ein Skript dann auf einer Webseite aufreihen – und ein Blick genügt, um den Tagesablauf zu kontrollieren. Genau das ist mein Plan für diesen Perl-Snapshot.

Passend dazu fiel mir neulich auf, dass die Micro-Blogplattform Tumblr, die mein Arbeitgeber Yahoo vor etwa einem halben Jahr geschluckt hat, ein programmierbares API anbietet. Ein Blick ins CPAN offenbarte, dass ein eifriger Open-Source-Programmierer mit WWW::Tumblr bereits ein entsprechendes Perl-Modul veröffentlicht hat. Der Rest war Formsache: Ein Cronjob ruft das später in Listing 2 vorgestellte Skript mehrmals am Tag auf und holt einen aktuellen Schnappschuss von der Kamera ab.

Das Bild schickt das Skript dann per API an das Tumblr-Blog, das die Meldungen chronologisch darstellt und allerhand sozialen Plattformschnickschnack wie Like-Knöpfe oder eine Reblog-Funktion anbietet (Abbildung 3). Da die meisten Tumblr-User mehrere Blogs verfolgen, bietet es sich an, den heimisch produzierten Bilderreigen in die Reihe interessierender Blogs aufzunehmen und neben anderen Postings zu konsumieren (Abbildung 4).

Abbildung 3: Bei jedem Aufruf des Skripts tumblr-post taucht im Tumblr-Blog ein Standbild der Kamera auf.
Abbildung 4: Nachdem das Blog in die Folgeliste aufgenommen ist, platzieren sich seine Postings zwischen andere Publikationen.

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