Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2011
© nyul, 123RF.com

© nyul, 123RF.com

Kolab, Open-Xchange, Zarafa und Zimbra im Vergleich

Gruppendynamik 2011

Soll im Unternehmen eine neue Groupware die Zusammenarbeit verbessern, muss der Admin angesichts der Vielzahl an Features und Optionen schnell kapitulieren. Dieser Test nimmt ihm die Evaluierung der Groupware-Maschinen Kolab, Open-Xchange, Zarafa und Zimbra ab und hilft bei der Produktauswahl.

1469

Egal ob Exchange, Notes, Groupwise oder ein freies Produkt zum Einsatz kommen: Administratoren, IT-Manager und Entscheider stehen immer wieder vor ähnlichen Problemen: Die verwendete Groupware steht vor dem Ende des Produkt-Lebenszyklus, was eine Migration notwendig macht. Andere Anwender sind mit dem aktuellen Anbieter unzufrieden, die Ansprüche haben sich geändert (Stichwort: mobile Geräte) oder der neue Chef möchte einfach nur ein Feature haben, das er aus seiner alten Firma kennt.

Komplexe Zusammenarbeit

Einen kompletten Produkttest für Groupware-Suites durchzuführen erweist sich angesichts der vielen Funktionen für normal besetzte IT-Abteilungen als viel zu aufwändig. Der folgende Überblick macht sich dagegen die Mühe, erhebt aber keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern beschreibt Erfahrungen bei Installation, Test und dem Versuch, die vier für den Enterprise-Groupware-Markt wichtigsten freien Lösungen zu administrieren und mit ihnen in typischen Szenarien aus der Praxis zu arbeiten. In die Auswahl kamen aktuelle Linux-Groupwareprodukte mit Unterstützung von Outlook 2010, deren neueste Version nicht länger als sechs Monate zurückliegt und für die es Support auf Enterprise-Level gibt.

Weil sich die Definition von Groupware in der Praxis sehr dehnbar zeigt, beschränkten sich die Tester auf den Minimal-Ansatz von Mail und PIM-Daten (Kalender, Kontakte, Aufgaben), Zugriff auf freigegebene Ordner in anderen Mailboxen und gemeinsame Ablageordner (von den Herstellern öffentliche Ordner, gemeinsame Ressourcen, Shared oder Group Folders genannt). Ein weiteres Auswahlkriterium war, dass die getestete Software zumindest in Teilen einer freien Lizenz unterliegt, was bei der Konkurrenz wie Kerio [1] oder Axigen [2] nicht der Fall ist

Seit dem letzten Jahr betreut die neu gegründete Kolab Systems AG [3] die gleichnamige Groupware [4]. Die Firma bietet Kolab auch als "Certified Kolab" an. Dieses Produkt ist ebenfalls vollständig freie Software und – von kundenspezifischen Anpassungen abgesehen – ohne funktionale Unterschiede zu der freien Version. Für die Enterprise-Version erhalten Admins aber direkten Support, SLAs und Training.

Auch architektonisch bietet Kolab eine Besonderheit: Als einziges Produkt speichert es alle Groupwaredaten in (offen) standardisierten Formaten auf einem IMAP-Server und kommt so ohne extra Datenbank aus. Der Verzicht auf proprietäre Datenelemente sichert dem GPL-Projekt hohe Interoperabilität (Abbildung 1). Die aktuelle Version 2.3 haben die Entwickler am 15. April 2011 freigegeben, die letzte Bugfix-Release 2.3.2 stammt vom 3. Juni 2011.

Abbildung 1: Kolab setzt als einzige Groupware ausschließlich auf einen IMAP-Server als Datenquelle. Dazu kommen weitere Standard-Open-Source-Komponenten, was das GPL-Projekt sehr offen macht.

Open-Xchange [5] hat durch die bei namhaften Hosting-Anbietern integrierte Hosting Edition mittlerweile einen großen Kundenstamm. Das Unternehmen bietet aber auch zwei Versionen für die Installation im Unternehmen an, die auf der selben Codebasis fußen und auch erweiterte Features des Dokumentenmanagements bringen. Die "Open-Xchange Server Edition" ist ein flexibles Integrationsprodukt, das sich auf den gängigen Linux-Plattformen installieren lässt, obwohl die aktuelle Dokumentation von Debian 6 und RHEL 6 noch nichts weiß. Der ursprünglichen Appliance Edition folgte im Frühjahr diesen Jahres die "Open-Xchange Advanced Server Edition" (OXASE) auf der Basis von Univention Corporate Server (UCS). Open-Xchange speichert nur Maildaten auf einem IMAP-Server, alle PIM-Daten landen in einer SQL-Datenbank. Die aktuelle Version 6.20 stammt vom März 2011 (Abbildung 2).

Abbildung 2: Bei Hostern sehr beliebt, hat sich Open-Xchange einen großen Kundenstamm erworben. Der "OX" setzt auf IMAP, LDAP und eine SQL-Datenbank sowie zahlreiche APIs für den Zugriff auf die Daten.

Die aktuelle Zarafa-Version 7.0 [6] hat das holländisch-deutsche Entwicklerteam Ende Juni 2011 freigegeben. Das Produkt ist neben der kostenfreien Community-Edition in drei kommerziellen Versionen mit unterschiedlicher Funktionalität verfügbar. Deren Bezeichnung hat sich im Zuge der letzten Release geändert, zum Redaktionsschluss waren die Webseiten des Herstellers daher noch nicht konsistent aktualisiert. Zarafa orientiert sich am Datenmodell von Microsoft Exchange und speichert die Informationen in einer MySQL-Datenbank. In der einfachsten Installationsvariante legt Zarafa dort auch Informationen zu den existierenden Mailboxen und Verteilerlisten ab (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein eigenes MAPI und die Active-Sync-Implementierung deuten es an: Zarafa richtet sich in vielen Aspekten nach Microsofts Standards, setzt aber auf Open-Source-Komponenten.

Zarafa 7.0

+ Echte MAPI-Anbindung für Microsoft Outlook

+ Offene Architektur auf der Basis von Open-Source-Komponenten

+ ActiveSync (Z-Push) und Blackberry-Unterstützung

- Teilweise komplexe Installation

- IMAP für Groupwarefunktionen fehlt

- Grafisches Administrationsfrontend nur in Entwickler-Version verfügbar

Eine direkte Integration in existierende LDAP-basierende Verzeichnisdienste inklusive Active Directory ist aber möglich und wird so auch von den meisten Kunden betrieben. Zarafa ist für nahezu alle relevanten aktuellen Plattformen verfügbar. Neben den Paketen vom Hersteller gibt es noch direkte Builds aus den Communitys, die Zarafa zusätzlich für einen großen Anwenderkreis verfügbar machen. Aber auch bei funktionalen Erweiterungen des Systems haben die Zarafa-Anwender über die Community einen großen Anteil .

Nach der Übernahme von Zimbra [7] durch VMware im Januar 2011 war es kurze Zeit still um das Produkt. Doch seit einigen Monaten überraschen Updates in sehr schneller Folge, vermutlich hat VMware erhebliche Entwicklerressourcen für Zimbra aktiviert. Die Version 7.0 stammt vom Februar 2011, bereits im März folgte 7.1.0, Ende Mai die Aktualisierung auf 7.1.1. Wie bei Zarafa landen auch hier alle Groupwareinformationen in einer Datenbank. Sämtliche Client-Funktionalitäten bildet Zimbra über Java-Applikationen ab (Abbildung 4).

Abbildung 4: Zimbra überraschte als Erster mit einem Ajax-Webinterface mit den flexiblen Zimlets. Heute bindet die Groupware von VMware Blackberrys und Smartphones an und bringt einen eigenen Desktop-Client.

Der Zimbra Collaboration Server (ZCS) ist als kommerzielle Network Edition und als Appliance – selbstredend nur für die VMware-Plattformen – erhältlich. Die kostenfreie Open Source Edition gibt es momentan neben den zertifizierten Enterprise-Linuxen SLES und RHEL auch für Ubuntu LTS, Fedora 11 und Debian 5. Für RHEL6 und Debian 6 existiert Zimbra momentan nicht.

Dokumentation und Installation

Die mit Abstand beste Hersteller-Dokumentation stellt Zimbra bereit. Installationsanweisungen, Quickstart-Guides und Anwenderinformationen machen einen konsistenten Eindruck und sind leicht zu finden. Auch bei Open-Xchange lagern vielfältige Informationen an zentraler Stelle auf der Webseite.

Dies gilt zwar prinzipiell auch für Zarafa, doch fehlt hier allerdings eine Anleitung, die die Schritte zur Inbetriebnahme einer funktionierenden Lösung eindeutiger dokumentiert. Im Test des Linux-Magazins zeigte sich beispielsweise nach Abschluss der Installation noch kein lauffähiges System. Zarafa macht dem Einsteiger hier nicht ausreichend klar, dass es keinen eigenen Mailtransport mitliefert. Der größte Nachholbedarf bei der Dokumentation besteht jedoch bei Kolab. Firmen, die dafür Installationssupport anbieten, wissen offensichtlich, was zu tun ist.

Die verwendeten Versionen (Kasten "Kandidaten") unterscheiden sich bezüglich des Installationsaufwands deutlich. Nach Durchsicht der Dokumentation kam bei Open-Xchange die Advanced Server Edition zum Einsatz, da sie wesentlich weniger Vorbereitungen der Infrastruktur erfordert. Soweit möglich, installierten die Tester die Basis-Systeme in Minimal-Varianten.

Kandidaten

Für den Test kamen folgende Versionen und Betriebssysteme zum Einsatz:

  • Kolab 2.3.2 auf Debian 6,
  • Open-Xchange Advanced Server Edition 6.20 (OXASE auf Univention-Basis)
  • Zarafa Collaboration Platform 7.0.0 auf Debian 6 (Evaluierungslizenz, ZCP)
  • Zimbra Collaboration Server 7.1.1 Network Edition auf Ubuntu 10.04 LTS (Evaluierungslizenz, ZCO)

Obwohl sich bei Kolab die Installationsdokumentation noch auf die Version 2.2 bezieht, gestaltete sich der Installationsprozess problemlos, auch wenn zahlreiche Quellpakete fürs Kompilieren (nach-)installiert sein wollen. Bis zum Abschluss der Installation verging zwar noch einige Zeit, das nach der anschließenden Konfiguration vorgefundene System war dann aber sofort betriebsbereit.

Wer bereits Erfahrung mit Univentions Corporate Server hat, wird keine Probleme mit der Installation des Open-Xchange Advanced Servers erfahren. Die Bremer Distribution bildet dessen Basis und macht keine Probleme bei der Installation. Nach der Eingabe des Lizenzschlüssels war auch dieses System einsatzfähig, andere Varianten von OX sind Erfahrungsberichten aus den Foren zufolge mit Vorsicht zu genießen.

Bei Zarafa stießen die Tester dagegen auf die oben angedeuteten Schwierigkeiten. Wer sich schon länger mit Groupware-Produkten auseinandersetzt, weiß, dass diese eher Integrations- als "One-Klick-Install"-Lösungen sind. Zarafa ist da keine Ausnahme: Nach der reinen Installation der ZCP sind noch mehrere Schritte nötig, um den MTA zur Zusammenarbeit zu überreden und sichere Protokolle zu aktivieren. Das haben alle anderen Produkte besser gelöst.

Der Admin sollte sich auf jeden Fall vor der ersten Installation von Zarafa einen Überblick über das gesamte Administrator Manual verschaffen, auch um einen Eindruck vom Systems zu bekommen. Wer das scheut, greift zu Appliances wie die von Bitbone [8] oder Collax [9] oder dem Zarafa4ucs-Projekt von Linet [10], das eine zum OXASE vergleichbare Funktionalität erreicht, wiederum auf der Basis von Univention, die übrigens auch Kolab im Groupware-Portfolio haben.

Die Installationsprozedur von Zimbra stellt Linux-Techniker vor keine Probleme. Offenbar hat sich der Hersteller viel Gedanken über mögliche Schwierigkeiten gemacht. Zimbra prüft sogar die DNS-Einträge, was für einen Mailserver immer eine gute Idee, aber beileibe nicht gang und gäbe ist. Der einzige im Test bemerkte Fehler war ein nicht ganz korrekter Verweis auf die Syslogd-Konfiguration bei Ubuntu. Nach etwa einer Stunde Aufwand fanden die Tester ein sinnvoll konfiguriertes und betriebsbereites System vor.

Kolab 2.3.2

+ Offene Standards und Software

+ Kontact als Client

+ Vollständig GPL

- Outlook nur mit proprietäter Software von Drittherstellern

- Veraltetet wirkender Webclient

- Dokumentation

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Univention-Server bekommt Zarafa-Groupware integriert

    Der Bremer Linux-Distributor Univention wird in den nächsten Tagen auch die Groupware Zarafa in den Univention Groupware Server (UGS) integrieren.

  • The Dutch Mountains... Open-Source Groupware heute
  • Groupware

    Einen Open-LDAP-Server aufsetzen und sinnvoll strukturiert mit Daten füllen – das macht Arbeit. Die aber ist gut investiert, denn die User zentral verwalten, erspart dem Admin später ein Vielfaches an Zeit und Nerven. Los geht's mit der Integration gängiger Groupwareprodukte.

  • Groupware

    Der Groupwaremarkt ist ebenso groß wie schwierig: Microsoft Exchange und Lotus Notes halten die dicken Brocken fest, soziale Netzwerke und Google drängen nach. Freie Software kann gleichwohl auf schöne Erfolge verweisen, gerät aber immer wieder in die Opferrolle – meist wegen externer Finanzierung.

  • Übersicht Groupware-Server, Teil 1

    Fast jedes Unternehmen hat Bedarf an Groupware, und das Angebot ist nahezu unüberschaubar. Grund genug, die existierenden Software-Pakete zu sichten. Dieser erste Teil einer Groupware-Übersicht widmet sich den arrivierten Programmen mit Support durch Firmen.

comments powered by Disqus

Ausgabe 11/2016

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.