Neues bei Debian
Debianopolis
Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.
Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.
Vielen innerhalb der Community ist Debian fast schon eine Lebensaufgabe, wie die immer wieder aufkeimenden und leidenschaftlich geführten Diskussionen zeigen - egal ob technischer oder organisatorischer Natur. Nicht umsonst wählen die Debian-Entwickler sorgfältig aus, wer Mitglied im Projekt wird. Der so genannte New Maintainer\'s Process behandelt zwar vorwiegend technische Fragen [1], fällt aber ein Kandidat durch unsoziales oder als unpassend empfundenes Verhalten auf, muss er damit rechnen, dass ihn dies einholt.
Abbildung 1: Mark Shuttleworth bietet Geld, damit Debian schneller releast. Aber das Projekt lehnt Kommerzialisierung ab.
Vielleicht liegt es an dieser emotionalen Bindung, dass manche Debian-Entwickler Ubuntu von Anfang an als Schmuddelkind sahen. Ubuntu hat ein kommerzielles Ziel, dem vieles andere untergeordnet ist: In regelmäßigen Zyklen soll eine Linux-Distribution auf den Markt kommen, die den Ansprüchen von Benutzern und Admins gerecht wird, aktuelle Software mitbringt und komfortabel zu bedienen ist. Debian hingegen ist vor allem darauf aus, ein stabiles System zu sein, dessen Release-Zyklen zwar lang sind - im Tausch dafür erhalten Benutzer aber Software, die zumeist so funktioniert, wie es vorgesehen ist.
Ubuntu ist in technischer Hinsicht ein Derivat, das Debian zum Leben braucht wie ein Fisch das Wasser. Der Vorwurf der Debianer an Ubuntu ist seit jeher, dass zu wenig von den Ubuntu-Entwicklungen zurück in das Debian-Projekt fließt. Der Streit ist eigentlich paradox. Je besser das Verhältnis zwischen Debian und Ubuntu ist, desto mehr Unterstützung könnten die Ubuntu-Entwickler vom Debian-Projekt erwarten.
Das ist auch Mark Shuttleworth (Abbildung 1) nicht entgangen, der sich an Debians Project-Mailingliste wandte [2]. Sein Ideal ist eine übergreifende Kooperation aller Distributionen, angefangen mit Debian und Ubuntu. Er bot Debian Geld und Ressourcen, damit es dem Projekt gelingt, den Release-Termin für Debian 6.0 alias Squeeze einzuhalten.
Die Idee ist nicht neu. Auch vor der Etch-Release gab es den Versuch, durch gezielte Zahlungen an einzelne Entwickler die Release voranzutreiben. Dunc Tank hieß die Stiftung, von der das Geld kam. Viele Debian-Entwickler wandten sich schockiert ab. Sie fürchteten, dies sei der Beginn einer Kommerzialisierung Debians und damit der Anfang vom Ende.
Entsprechende Horrorvisionen ruft das Angebot des einstigen Weltraumtouristen Shuttleworth hervor. Es anzunehmen würde Debian abhängig von Ubuntu machen. Dass Shuttleworth Debian ans Fell will, gilt zwar als unwahrscheinlich. Aber der Bugreport Nummer 1 in Ubuntus Bug Tracking System [3] lässt keinen Zweifel an den Zielen des Projekts: "Microsoft ist Marktführer." Shuttleworths Angebot kommt nicht zufällig gerade jetzt. Noch wirkt die Diskussion rund um die neue Release-Politik des Projekts [4] nach. Kaum jemand würde von einem festgezurrten Release-Plan bei Debian so stark profitieren wie Ubuntu. So darf der Vorschlag von Mark Shuttleworth auch als Fingerzeig gelten: "Tut, was mir nützt, und ich helfe euch."
Eine Dauerlösung ist der Ubuntu-Debian-Disput sicher nicht. Ubuntu wird weiter wachsen und groß genug werden, um auf eigenen Beinen zu stehen. Zwar wird Mark Shuttleworth nicht müde, die Bedeutung Debians für Ubuntu hervorzuheben. Sollte er aber mit Debian an eine Wachstumsgrenze stoßen, hätte er genug Geld und Ressourcen zur Verfügung, um das Problem anders zu lösen - und Debian schaute in die Röhre. Insofern wäre das Projekt wohl gut damit beraten, zumindest über Shuttleworths Offerte nachzudenken. Die eigenen Benutzer würde eine baldige Veröffentlichung von Squeeze jedenfalls freuen. (ake)
| Infos |
|---|
| [1] New Maintainer\'s Process: [http://www.debian.org/devel/join/newmaint] [2] E-Mail von Mark Shuttleworth:[http://lists.debian.org/debian-project/2009/08/msg00092.html] [3] Ubuntus wichtigster Bug: [https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+bug/1] [4] Martin Loschwitz, "Debianopolis": Linux-Magazin 10/09, S. 97 |
Umfang: 1 Heftseiten
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