Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 10/2009
© Hans Snoek, Pixelio.de

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Perl-Skript zwitschert ins Log

Gackern für Geeks

Der oft belächelte Twitter-Service taugt nicht nur zur eitlen Selbstdarstellung, sondern lässt sich mit Hilfe des angebotenen API programmieren und damit zweckentfremden.

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Wozu bitte braucht man Twitter? Keine ganz einfach zu beantwortende Frage. Denn warum um Gottes willen sollte man der Welt per Handy mitteilen, dass man mit Freunden beim Pizzaessen weilt, im Fitnessstudio ochst oder gerade mit dem Flugzeug gelandet ist?

Die von Twitter oder in der freien Variante auch von Identi.ca angebotene Plattform fürs so genannte Microblogging hat aber ganz erstaunliche Nebeneffekte. Wer herausfinden will, was die Menschheit im Augenblick bewegt, dem helfen weder Googles Suchmaschine noch Wikipedia weiter, aber ein Blick auf die Startseite (Abbildung 1) des Twitter-Service.

Abbildung 1: Wozu bitte braucht man Twitter? Die Startseite des trotz dieser Ratlosigkeit beliebten Internetdienstes verrät es nicht direkt, hat zumindest aber brandaktuelle Äußerungen parat.

Dort zwitschern Leute, die vor Ort politische Unruhen, Naturphänomene, den neuesten Kinofilm oder Sportereignisse erleben - und das alles noch bevor die Redaktionen von Tageszeitungen oder Fernsehsender die Nachrichten auch nur erfassen können (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das typische Twitter-Geplapper, hier aus der Feder des Dauerbloggers Robert Scoble.

Dass Twitter überhaupt funktioniert, grenzt an ein Wunder. Der Service bietet nur minimale Funktionen und seine Infrastruktur ist so wackelig, dass Ausfälle zur Tagesordnung gehören. Und trotzdem füttern 6 Millionen Nutzer das zerbrechliche Geschöpf unermüdlich mit Nachrichten, lassen es mit brandaktuellen Informationen pulsieren und halten es seit 2006 am Leben. Das Twitter-Team fügt nur sehr zögerlich neue Funktionen hinzu, und zwar meist auch erst dann, wenn die treuen Twitter-Fanatiker dem simplen Riesen über abenteuerlich kreative Umwege neue Funktionen abgeluchst haben.

Twitter kann nämlich eigentlich sehr wenig: Nutzer mit einem Account dürfen 140 Zeichen lange Kurznachrichten an den Service schicken, die dieser dann veröffentlicht. Sie erscheinen sowohl in einer Public Time Line als auch unter dem Account des Users.

In Kombination mit mobilen Telefonen über SMS oder Web entsteht so eine zwar oberflächliche, aber brandaktuelle Kommunikation. Wen interessiert, was ein User so von sich gibt, der trägt sich als dessen Follower (Verfolger) ein, erhebt diesen damit zum "Freund" und bekommt dessen Nachrichtenstrom in den eigenen eingespielt. Typischerweise folgt jeder User einigen anderen Leuten und andere verfolgen umgekehrt ihn. Ein unausgeglichenes Verhältnis deutet auf ein Problem hin: So verfolgen Spammer sehr viele Nutzer, aber niemand himmelt sie an oder liest ihre Nachrichten.

Twitter kostet nichts, setzt aber vermutlich irgendwann doch die Daumenschrauben an, um dann Geld zu verdienen. Der freie Klon Identica.org (Abbildung 3) kommt optisch leicht unterschiedlich daher, bietet aber exakt die gleichen Funktionen, und zwar bis ins Detail und ins URL-Layout. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel das Perl-Modul Net::Twitter mittels eines einzigen Parameters auf das Konkurrenzprogramm Identi.ca umstellen kann, indem es einfach [http://twitter.com] durch [http://identi.ca] ersetzt.

Abbildung 3: Der freie Twitter-Klon Identi.ca ist zu Twitter weitestgehend kompatibel.

Zögerlich mit neuen Features

Twitter zögert wie gesagt mit neuen Features und lässt die User die 140 verfügbaren Zeichen pro Nachricht als eine Art Programmiersprache zweckentfremden, um neue Funktionen auszutesten. Re-tweets, also zitierwürdige Nachrichten, die Verfolger eines Twitterers wiederum an ihre Verfolger weiterleiten, sind so ein Beispiel. Da eine derartige Funktion im ursprünglichen Twitter nicht existierte, brachten findige User die Buchstabenfolge »RT@Username« in der Nachricht unter, bis sich Twitter endlich erbarmte und den so geschaffenen Quasi-Standard anerkannte.

Twitter bietet eben nur grobe Bauklötzchen, und dies spiegelt sich auch in dem schlanken API wieder. Um so erstaunlicher ist es daher, dass der O\'Reilly-Verlag gar ein knapp 400 Seiten starkes Buch zum Thema [2] herausgab, das nicht nur die Programmierschnittstelle erklärt, sondern auch ein knappes Tutorial zur Webprogrammierung und eine ganze Reihe erfolgreicher Twitter-Applikationen von Drittanbietern vorstellt.

Alles ausradiert

Wozu nun das API? Klarerweise könnte man damit recht einfach einen weiteren Client mit grafischer oder auch textbasiertem GUI schreiben, doch auch zur Behebung von Twitter-Fehlern ist es recht nützlich. Beim Anlegen des Test-Accounts »perlsnapshot« muss ich wohl die falsche Taste erwischt haben, denn auf einmal tauchten dort sage und schreibe 20 Freunde auf, von denen ich noch nie im Leben gehört hatte. Diese einzeln zu löschen wäre im Browser eine Tortur gewesen, aber zum Glück ratterte das in fünf Minuten zusammengeklopfte Skript in Listing 1 durch die Liste der falschen Freunde und warf sie samt und sonders wieder aus meinem Leben.

Listing 1:
»unfollow-all«

01 #!/usr/bin/perl
02 use strict;
03 use Net::Twitter;
04
05 my $nt = Net::Twitter->new(
06         traits   => [qw/API::REST/],
07         ssl      => 1,
08         username => "perlsnapshot",
09         password => "*******",
10 );
11
12 my $friends = $nt->following();
13
14 for my $friend (@$friends) {
15     print "$friend->{screen_name}n";
16     $nt->destroy_friend( $friend );
17 }

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