Vor etwa einem halben Jahr hatte ein Microsoft-Dokument über "Linux im Einzelhandel" einige Verwunderung hervorgerufen. Die Autoren des Strategiepapiers [1] malten darin die Zukunft von Linux in den schwärzesten Farben, aber es dauerte nicht lange, bis Linux-Vertreter Punkt für Punkt dagegen argumentierten [2].
Vorher hatten sich Microsofts Angriffe immer undifferenziert gegen Linux und Open Source im Allgemeinen gerichtet. Jetzt geriet zum ersten Mal eine einzelne Branche ins Visier.
Auch Branchengrößen bieten Linux-Kassen an
Inzwischen zeigt sich, dass Microsoft den Einzelhandel nicht ohne Grund ausgewählt hatte. Ohne großes Aufsehen haben Hersteller elektronischer Kassensysteme - auch Point-of-Sale-Systeme (POS) genannt - ihre Hardware auf Linux-Kurs gebracht. Die Ausgangslage ist dabei sowohl für Microsoft als auch für die Linux-freundlichen Firmen verlockend. Denn viele der alten POS-Systeme laufen noch unter DOS und Microsoft ist natürlich bestrebt, hier diverse Windows-Abarten zum Einsatz zu bringen. Das erfordert aber oftmals komplett neue Hardware. Im Gegensatz dazu können Linux-Lösungen die alte Hardware weiterhin benutzen.
Damit geraten kombinierte Hardware- und Softwarehersteller schnell in einen Interessenkonflikt, sind sie doch daran interessiert, neue Kassensysteme zu verkaufen. Trotzdem hat der Branchenprimus Wincor-Nixdorf seit einiger Zeit auch Red-Hat-Linux-Lösungen im Programm [3], vermarktet diese jedoch etwas vorsichtig.
Abbildung 1: Wincor-Nixdorf bietet ihre Kassen auch mit Red Hat Linux an. Oft entscheidet sich der Handel jedoch für eine Linux-Lösung von Drittanbietern.
Leichter haben es Softwarehäuser wie beispielsweise die kleine Firma Microdata, die bestehende Hardware nutzen kann. Microdata hat für die süddeutsche Handelskette Globus insgesamt 1800 Kassensysteme verschiedener Hersteller auf Debian GNU/Linux umgerüstet und ihre Kassensoftware Microcash auf Linux portiert. Alle 35 SB-Kaufhäuser der in Süd- und Ostdeutschland operierenden Kette haben jetzt ausschließlich Linux-Kassensysteme in Betrieb. Vorher lief die Hardware entweder unter DOS oder mit Open Server, einer PC-Unix-Variante von SCO, jetzt Caldera.
Mehrere Hersteller, ein Betriebssystem
Die Handelskette wollte einerseits nicht länger von einem einzigen Hardware-Lieferanten abhängig sein, dennoch sollte die gleiche Software auf allen Systemen laufen. Andererseits ging es natürlich auch ums Geld: "Wir müssen auf unsere Investitionen achten. Wir können nicht mal so eben 1000 PCs austauschen", so Franz Herter, Projektleiter bei Globus. Die Hardware, 386er und 486SX-Rechner, ist zwar nach Maßstäben von Desktop-PCs völlig veraltet, tut jedoch im Schnitt sogar acht bis zehn Jahre ihren Dienst.
Für den knapp kalkulierenden Einzelhandel wären schon die Lizenzkosten bei einem Umstieg auf Windows oder einem Upgrade des SCO-Systems durchaus ins Gewicht gefallen. Jedoch konnten mit der Entscheidung für Linux mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. "Der Vorteil unserer Lösung ist: Auf unterschiedlicher Hardware läuft die gleiche Software mit dem gleichen Betriebssystem. So können wir unsere Abhängigkeit von einzelnen Hardwareherstellern vermindern und gleichzeitig Wartungskosten einsparen. Außerdem brauchen wir keine Lizenzkosten für das Betriebssystem mehr zu zahlen", sagt Herter. Globus hatte vorher Systeme von ADS Anker in Betrieb und kaufte Wincor-Nixdorf-Geräte zu.