Aus Linux-Magazin 02/2012

Nicht auf der Roten Liste

Das Jahr 2011 war für Linux kein schlechtes, das runde zwanzigste war es zudem. Weder musste jemand einen Rettungssschirm spannen, noch kam es über Plagiatsvorwürfe ins Straucheln. Auch gab es keine Kernschmelze im Open-Source-Reaktor. Man muss schon suchen, um ein kleines Drama zu finden: Ein junger Kaiserpinguin war Mitte des Jahres an einem Strand 60 Kilometer nördlich vom neuseeländischen Wellington angelandet – tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt. Dort ist es hoffnungslos zu heiß für Antarktisbewohner.

Von der Hitze benebelt fing das rund ein Meter hohe Tier an, Sand zu fressen – vermutlich hielt es die kristalline Substanz für Schnee. Menschen mit Sonnenstich kennen solche trüben Momente auch. In den Zoo der Hauptstadt Wellington verbracht, behandelten Ärzte das Happy Feet getaufte Tier mit Magenspülungen, röntgten es, hängten es an den Tropf, schoben eine Minikamera in seinen Magen und versetzten es sicherheitshalber in ein künstliches Koma.

Täglich gab es, natürlich per Twitter, ärztliche Bulletins, denn der erste Pinguin an Neuseelands Küste seit 1967 avancierte schnell zum Medienereignis. Ein Geschäftsmann kündigte an, dem Großpinguin für den kommenden Februar eine Südpol-Passage auf einem russischen Eisbrecher bezahlen zu wollen. Doch dazu kam es nicht: Nach zwei Monaten privatärztlicher Intensivhilfe, viel frischem Fischbrei und reger öffentlicher Anteilnahme wieder genesen, versahen Spezialisten Happy Feet mit einen Peilsender und fuhren ihn mit einen Forschungsschiff 1400 Kilometer näher an seine alte Heimat heran. Auf einer eigens konstruierten Pinguinrutsche glitt der Konvaleszent rückwärts ins Wasser und schwamm davon. Tragisch, tragisch verlor sich seine Spur auf dem Weg nach Süden aber bald.

Ein bisschen verrückt ist das schon: Mit dem gleichen finanziellen Aufwand hätte man wahrscheinlich 1000 von einer havarierten Ölplattform verschmutzte Seevögel das Leben retten können. Hilfreich wäre auch zu wissen, dass Kaiserpinguine keine Sumatra-Orang-Utans sind und alles andere als vom Aussterben bedroht. Rund 300 000 Tiere sollen in der Antarktis leben. Es heißt, dass Polarforscher früher mangels Holz die fettreichen Vögel in ihren Kanonenöfen verheizt hätten – der Pinguin als Wärme spendendes Nutztier.

Wenn ich mir beim Blick auf neue Jahr für Linux etwas wünsche, dann weniger Happy Feet und mehr Nutztier. 20 Jahre nach seinem Start ist nach meiner Ansicht das fortgesetzte Spielen der Sympathische-Außenseiter-Karte unnötig. Viele Anbieter und manche Anwender argumentieren: Nehmt Linux, um eine gute Sache zu unterstützen – ganz in Bob-Geldof-Manier oder wie der Erwerb von Waren aus geschützten Behinderten-Werkstätten in der Adventszeit.

Doch Open-Source-Software ist nicht Nelson Mandela in Haft und braucht keine selbst ernannten Retter oder muss an den Tropf. Es gibt genug Missstände in der Welt, bei denen Philanthropie Not tut, Linux gehört nicht (mehr) dazu. Denn freie Programme erweisen sich, wenn man sich auf den direkten Vergleich einlässt, häufig als die schlicht besseren: Investitionssicher, standardkonform, anpassungsfähig, stabil, modern und günstig.

Linux als des Päppelns bedürftigen Patienten zu propagieren, macht es kleiner, als es tatsächlich ist. Das 20-Jährige ist kräftig und groß genug, um konkurrierenden Nutztieren auf Augenhöhe zu begegnen. Bei dieser Gelegenheit entpuppt sich manches vermeintliche Haifischbecken zudem als Karpfenteich.

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