Fallstudie Schul-Linux: Mit Grips, Passion und ohne Kohle
08.10.2009
Eine neue Fallstudie des europäischen Informationsdienstes Osor referiert, wie das Weizer Gymnasium Vorreiter für Schul-Linux in Österreich wurde.
Die Oberschule in der Stadt Weiz in der Oststeiermark begann im Jahr 2003, ein eigenes Betriebssystem in die Welt zu setzen. Die Anforderung war vor allem, dass es leicht zu bedienen und zu warten sein solle. Träger des Projekts, das heute eine Desktop- und eine Servervariante hervorgebracht hat, war ein Mathelehrer. Mit einer Gruppe Schüler hatte er mögliche Ansatzpunkte eruiert und sich für Opensuse 11.1 entschieden. Diverse Lehrprogramme befinden sich heute auf der Desktop-Version (Desktop4education) und Infratrukturhelfer auf der Serverseite (Server4education).
Parallel dazu gab das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur im Jahr 2004 eine Studie zu Open-Source-Möglichkeiten für Schulen in Auftrag, um den Markt abzuklopfen. Das Weizer Gymnasium taucht in der 2006 an der Donau-Universität fertig gestellten Studie als eines der fortgeschritteneren Projekte auf - so wurde das Ministerium auf ein möglicherweise förderungswürdiges Projekt aufmerksam. Seitdem unterstützte das Amt die Weizer zum Beispiel bei der kürzlich erschienenen neuen Version 2010. Außerdem verteilte es rund 2.000 CDs mit dem Betriebssystem an andere österreichische Schulen. An mindestens zwei weiteren Schulen ist jetzt 4education-Linux im Einsatz.
Die Schüler stört höchstens manchmal, dass es weniger Videospiele für Linux gibt. Widerstand gibt es zumeist auf Seiten der Lehrer und Eltern. Gegenüber Eltern hat geholfen, dass die Schüler das Schul-Linux auf USB-Sticks als Live-Version zu Hause benutzen können. Denn so bringen sie die heimische Windows-Installation nicht in Gefahr.
Die Lehrer, genauer gesagt die Rektoren, werden dagegen an einer Stelle angefasst, an der es weh tut: beim Geld. Denn 2012 laufen die meisten Lizenzvereinbarungen mit Microsoft aus. Um das kostengünstige Schul-Linux möglichst ins Rollen zu bringen - bisher wollen die meisten Schulen ihre gewohnten Windows- und MS-Office-Umgebungen nicht aufgeben - lässt das österreichische Schulamt im jetzigen Schuljahr 2009/2010 klingende Münzen sprechen: Für jedes Open Office, dass eine Schule auf einem Rechner anstelle von Microsoft Office installiert, erhält die Schule 10 Euro. Andernfalls muss sie 10 Euro bezahlen, als anteilige Lizenzkosten für die proprietäre Office-Suite.
Mindestens zwei weitere Schulen haben bereits das Schul-Linux im Einsatz, wie Mathelehrer Helmuth Peer weiß. Er leistet nämlich die Unterstützung für diese Schulen. Zunehmendes Interesse registriert er außerdem auf Veranstaltungen, an denen er mit seiner inzwischen in der Oberstufe angelangten Linux-Truppe nach Möglichkeit hinfährt, um Vorträge und Workshops zu halten.
Die Studie besagt, dass die in Weiz erarbeitete Schul-Lösung mit der proprietären Konkurrenz komplett mithalten kann und dabei nicht etwa nur weniger kostet, sondern überhaupt nichts. Allerdings braucht es stark engagierte Einzelpersonen an den Schulen. Denn die Projektentwicklung und das Rollout hat Mathelehrer Peer mit seinen Schülern ganz allein bewerkstelligt.
Das Opensuse-basierte Betriebssystem Desktop4education sowie die Serverversion sind auf der Projektwebseite als normale und als Live-Version zum Download erhältlich. Der achtseitige OSOR-Bericht ist online lesbar und steht im ODT- und im PDF-Format auf der OSOR-Webseite zum Download bereit. Sein Autor Gregor Bierhals arbeitet als Forscher an der gemeinsamen Forschungseinrichtung der Maastrichter Universität und der United Nations Universität (UNU-MERIT) in Maastricht.
Der europäische Informationsdienst OSOR (Open Source Observatory and Repository) hat zur Aufgabe, die Verbreitung von Open-Source-Software zu fördern und ist Teil des europäischen IDABC-Programms, ein Programm der europäischen Kommission, das noch bis Ende 2009 Bürger und Unternehmen über grenzübergreifende öffentliche Dienste im Bereich E-Governance informieren will (IDABC, Interoperable Delivery of European eGovernment Services to public Administrations, Business and Citizens).
(Anika Kehrer)
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