Open Source im professionellen Einsatz
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Gute Voraussetzung: Berlin ist hip

Nun irrt, wer denkt, Berlins Regierung und öffentliche Verwaltung stellen einen großen oder den größten Teil der Auftraggeber der Berliner Open-Source-Branche. Mirko Boehm, Produktentwicklungschef bei dem Open-Source-Unternehmen KDAB, legt in seinem Vortrag offen: Nur rund 20 Prozent der Aufträge stammen von öffentlicher Hand. Die restlichen 80 Prozent kommen aus aller Welt. Seine Erklärung: Open Source Software konkurriert wegen ihren freien Verfügbarkeit nicht lokal, sondern immer global.

Noch immer sind proprietäre Lösungen sehr präsent, weiß der Programmierer. Das bringe dem Standort Berlin Nachteile. Denn das Geld für diese Lösungen fließt nicht in die lokale Wirtschaft, sondern "sonstwohin". Um es hier zu behalten, müsse die Wirtschaft der Stadt mehr IT-Jobs mit hoher Wertschöpfung schaffen - sprich, kompetente Leute in einer lukrativen Branche beschäftigen. Dann träfen in Berlin die besten Open-Source-Entwickler aufeinander.

Gute Voraussetzungen dafür habe Berlin bereits: sich selbst. Die Stadt, so Boehm, ist nämlich "hip" und zieht sowieso hochqualifizierte Arbeitsuchende an, so wie viele Uni-Absolventen Berlin als Arbeitsort wählen. Daher lautet Mirko Boehms Schluss: Die Stadt muss mehr tun, um als Wirtschaftsstandort attraktiver zu werden.

"Investiert das Geld in unsere Köpfe"

Als weiteren Ansatz fordert der Berliner Entwickler stärkeren Einsatz von Linux und Open Source an Schulen und Universitäten. Es könne nicht sein, findet er, dass Berliner Schüler lediglich in einem Textverarbeitungsprogramm mit der Maus herumklicken lernen, anstatt auch einen Blick hinter die Software-Kulissen zu werfen, wie es freie Software ermöglicht. "Das Geld darf nicht in Software-Lizenzen fließen", schließt er. "Investiert es in unsere Köpfe und die unserer Kinder."

Dem stimmt am Ende der Veranstaltung auch Senator Wolf zu. Doch konkrete Schritte hatten weder er noch die Technologiestiftung während der Tour genannt. Sie präsentierten den Status Quo, aber kein Konzept für Berlins Zukunft im Software-Geschäft. Auf die Frage, ob es erneut einen Anlauf geben würde, um ein einheitliches IT-Konzept für die Berliner Verwaltung zu schaffen, gab Wolf keine konkrete, aber dafür leicht verstimmte Antwort. Schließlich war ein erster Versuch des Berliner Senats 2007 nach mehrjähriger Arbeit wegen Uneinigkeit der Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus gescheitert. Zukünftige Anstrengungen sind ihm nicht bekannt. Trotzdem verabschiedete der Senator die Anwesenden in eine für Open Source Software positive Zukunft. Wie sie konkret aussehen soll, blieb für den Betrachter etwas unklar. (ake)

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