Open Source im professionellen Einsatz
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Werkeln am Open-Source-Standort Berlin

Optimisten

13.05.2009

"Wie in Berlin aus Open Source Arbeit wird" sollte vergangene Woche eine Pressetour zeigen, prominent moderiert von Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf. Das löste die Veranstaltung nicht ein. Immerhin gibt es Änsätze, wie aus Open Source Arbeit in Berlin werden könnte - wenn der Standort Berlin Förderung erfährt. Doch alle sind optimistisch.

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Berlin hat kulturell viel zu bieten. Berlin hat Sehenswürdigkeiten, Berlin hat Parks, Berlin hat Bildungseinrichtungen. Was Berlin fehlt, ist Arbeit. Hilfreich wäre eine ausgeprägte Industrielandschaft mit vielen Arbeitsplätzen für hochqualifizierte Mitarbeiter. In diese Richtung bewegt sich die kontinuierlich wachsende Servicelandschaft, wovon Softwareschmieden und IT-Dienstleister einen großen Teil stellen, wovon wiederum viele sich in der Open-Source-Branche ansiedeln. Doch die Frage, wie aus Open Source Arbeit für Berlin wird, ist erst im Ansatz geklärt. Steht es vielleicht besser als gedacht um Open Source in der Hauptstadt?

Klärung versprach eine Pressetour namens "Wie aus Open Source Arbeit für Berlin wird" Ende vergangener Woche in Berlin. Eingeladen hatten der Berliner Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen, Harald Wolf, sowie die Technologiestiftung Berlin. Das Open-Source-Potential der Stadt versuchten sie der spärlich versammelten Hauptstadt- und Fachpresse an zwei Orten aufzuzeigen, an denen freie Software im Einsatz ist.

Berlin, die Technologiestiftung und Open Source

Open-Source-Software ist Teil der Berliner IT-Strategie zwischen 2007 und 2009. Die Berliner Wirtschaftsverwaltung hat für die Entwicklung dieses Handlungsfeldes die TSB Innovationsagentur GmbH gegründet, die eine Tochter der teils öffentlich-rechtlichen, teils vereinsrechtlich getragenen Technologiestiftung Berlin (TSB) ist. Die Stiftung trifft Entscheidungen mittels eines Kuratoriums, das sich aus Vertretern der freien Wirtschaft, wissenschaftlichen Instituten und Mitarbeitern der Berliner Verwaltung zusammensetzt. Das Kuratorium stellt mit seinen Entscheidungen Fördermittel aus dem Berliner Zukunftsfonds bereit. Der Zukunftsfonds speist sich aus Geldern der Teil-Privatisierung der Berliner Wasserbetriebe 1999, und fördert Innovationsprojekte mit strategischer Bedeutung für die Region. Grundlage der Förderentscheidungen sind Empfehlungen des Berliner Technologie- und Innovationsrates, dessen Mitglieder der Berliner Bürgermeister auf fünf Jahre beruft und die er ebenfalls aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik rekrutiert. (Anika Kehrer)

Eingangs wies Senator Wolf auf einige Fakten hin, die die "Potentialanalyse zu Open Source in der Hauptstadtregion" ergeben hat. Er zitierte aus den Umfrageergebnissen, dass in Berlin das Open-Source-Business jährlich 150 Millionen Euro umsetzt, was ungefähr 3000 Arbeitsplätzen entspricht. Die hier angesiedelten Linux-Unternehmen seien der Studie nach sehr optimistisch eingestellt: Sie sehen 80 Prozent mehr Umsatz auf sich zukommen. Damit sind sie deutlich optimistischer als im Rest der Republik, so der Senator, und klopfte seiner Heimatstadt zufrieden auf die Schulter. Ein paar dieser optimistischen Unternehmen waren bei der Tour dabei. Eines war sogar Gastgeber. Station eins: das Berliner Wasserwerk.

"Effizient und billig"

Das Unternehmen Berliner Wasserbetriebe nutzt freie Software vor allem auf seinen Servern und für die Anwendungsentwicklung. Seine IT-Tochterfirma, die Berlinwasser Services, hat für den Wasserversorger eine Internetplattform geschrieben, auf der er beispielsweise seine Auftragsvergabe abwickelt, und eine weitere, die das Netz aus Leitungen überwacht. Geschäftsführer Gerd Klinke stellte seine Projekte vor und betonte die zunehmende Bedeutung quelloffener Software für sein Unternehmen. Für ihn macht es jedoch die Kombination von OSS-Anwendungen und proprietären Angeboten. Das optimiere Kosten, Funktionstüchtigkeit und Sicherheit, gab er sich pragmatisch.

Fast schon vollständig auf Open Source setzt jedoch das im Berliner Osten angesiedelte Internetunternehmen Immobilienscout24. Bei dem Vermittler für Wohnungen und Häuser sind bis auf eine Ausnahme nur freie Systeme im Einsatz. Auf den Servern arbeitet Red Hat Enterprise Linux mit Apache und vielen Java- und PHP-Komponenten, referierte der technische Leiter Oliver Zeiler. Nur die Datenbank stamme noch von Oracle, ist also proprietär. Wie Wasserwerker Klinke, gibt sich Oliver Zeiler pragmatisch: Kosten und Nutzen sind für ihn das wichtigste. Auch bei freier Software achtet er auf den Wartungsaufwand und Leistungsfähigkeit. Wenn proprietäre Software effizienter und günstiger zu betreiben wären, gibt er zu, kann er sich auch einen weiteren Schritt in diese Richtung vorstellen.

"Wir stehen hinter OSS"

Deutlich überzeugter zeigt sich hingegen Stephan Wilk, IT-Referatsleiter im Deutschen Bundestag. Das deutsche Parlament ist die zweite Station der Open-Source-Tour. Der Leiter berichtet, wie er mit seinem Referat von einer überwiegend auf Microsoft-Produkten basierenden Umgebung zu freien Alternativen wechselte. Er gesteht: Anfangs hat er den Dingen nicht ganz getraut. Zu sehr hing er am Bekannten. Doch schon mit den ersten Schritten im neuen Terrain sei seine Begeisterung gewachsen, so Wilk.

Als Beispiel nennt er Nagios. Zunächst sei da der finanzielle Vorteil: Hatte die Überwachung der IT-Infrastruktur vorher mehr als 60.000 Euro pro Jahr gekostet, minimierte die freie Alternative diesen Betrag nahezu auf Null. Weiterhin sei die Software modular und ermögliche rasche Erweiterungen über Plugins. Stehen sie nicht schon fertig zum Download bereit, ist es meistens ein leichtes, sie selbst zu schreiben, so Wilk. Diese selbst geschriebenen Plugins lässt der Bundestag in das Projekt zurückfließen und tauscht sie mittlerweile auch direkt mit anderen Behörden aus, die auf quelloffene Software setzen.

Für Stephan Wilk ist auch die Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern wichtig. So seien die meisten Desktop-Rechner zwar noch mit dem Betriebssystem aus Redmond bestückt, doch sollen Terminalserver zukünftig unabhängig vom Client machen. In Wilks Referat sei diese Technologie derzeit in Arbeit, sagte er. Letztlich unterstütze der Bundestag die Open-Source-Welt auch indirekt, wie Wilk zum Schluss darlegte: Um mit neuen Lösungen vertraut zu werden, greife er häufig auf externe Dienstleister zurück. Meist stammen diese dann aus der Hauptstadtregion. Am Ende gibt sich der Bundestagsangestellte sichtlich begeistert: "Mein Referat und ich stehen voll hinter Open Source."

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