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Feisty Fawn belebt den Desktop

Ubuntu 7.04 auf der Zielgeraden

von Carsten Schnober

Die bequeme Installation von Multimedia-Codecs und 3D-Desktop nimmt dem Benutzer Arbeit ab. Das Update auf den aktuellen Linux-Kernel bringt beim Servereinsatz Vorteile in Sachen Virtualisierung. Ubuntu 7.04 steht vor der Tür. Wir haben einen Blick darauf geworfen.

Laptops und High-End-Server sollten laut der ursprünglichen Ankündigung im Mittelpunkt der neuen Ubuntu Version 7.04 stehen. Diese, von den Einsatzgebieten weit auseinanderklaffende Vorhersage deutet schon darauf hin, dass es sich beim neuen Release mit dem Codenamen "Lebhaftes Rehkitz" (Feisty Fawn) um eine zyklusgemäße Aktualisierung und nicht um eine von Grund auf erneuerte Ubuntu-Ausgabe handelt. Und es zeigt sich: Der Desktop liegt im Fokus von Ubuntu 7.04.

Virtuelles

Die Verbesserungen im Server-Bereich konzentrieren sich auf das Thema Virtualisierung. Der eingesetzte Kernel 2.6.20 enthält von Haus aus die KVM (Kernel-based Virtual Machine). Damit nutzt Linux die Möglichkeiten der Hardware-seitigen Virtualisierungstechniken VT von Intel und AMD-V von AMD. Linux wird so zum Hypervisor und steuert weitere Betriebssysteme, die auf demselben Prozessor, aber in einer virtuellen Umgebung mit scheinbar eigener Hardware laufen können.

Auch als Gastsystem in einer virtuellen Umgebung profitiert Feisty Fawn vom neuen Kernel. Er enthält die generische Schnittstelle Paravirt_Ops. Darüber kommuniziert das Betriebssystem mit verschiedenen Hypervisortypen, außer mit KVM funktioniert die Paravirtualisierungsfunktion auch mit Xen und Vmware. Folge dieser neuen Technik ist eine deutlich verbesserte Performance des Systems in virtuellen Umgebungen, ohne dass dazu Anpassungen notwendig sind.

Umsteiger

Der Schwerpunkt der Entwicklungsarbeit an der neuen Release liegt aber eindeutig auf dem Desktop, insbesondere in der Multimedia-Integration. So vereinfacht der Ubuntu-Installer Ubiquity den Umstieg von Windows zu Linux mit Hilfe des neuen Migrationsassistenten. Dieser kopiert bei der Installation des System persönliche Dokumente bereits vorhandener Windows- und Linux-Installationen an den entsprechenden Platz im neu angelegten Home-Verzeichnis und importiert Daten wie Lesezeichen von Firefox und Internet Explorer, das Desktop-Hintergrundbild sowie AOL- und Yahoo-Kontakte in die entsprechenden Linux-Anwendungen.


			Migrationsassistent

Der Migrationsassistent importiert bei der Ubuntu-Installation Daten und Dokumente von vorhandenen Windows- und Linux-Installationen.

Multimedial

Die Ubuntu-Entwickler haben zudem die Paketverwaltung ergänzt, die sich nun automatisch öffnet, sobald ein Benutzer versucht, eine nicht unterstützte Video- oder Audiodatei abzuspielen. Die vom Benutzer aktivierten Paketquellen werden daraufhin automatisch durchsucht, um die benötigten Codecs zu finden und zur Installation vorzuschlagen.


			Codecs im Paketmanager

Beim Versuch, juristisch bedenkliche Multimediadateien abzuspielen, bietet der Paketmanager fehlende Codecs zur Installation an.

Auf diese Weise mildert Ubuntu den Widerspruch zwischen möglichst großer Benutzerfreundlichkeit und der Sicherheit vor Gefahren durch einschränkende Patent- und Urheberrechtsgesetze verschiedener Länder: Nach der Installation bleiben rechtlich problematische Codecs zunächst außen vor, aber wenn der Benutzer das Restricted-Repository aktiviert hat, gelangt er bei Bedarf auf bequeme Weise an die darüber verfügbaren Plugins zur Wiedergabe von Multimediaformaten wie MP3.

Neue Standards

In der neuen Version integriert Ubuntu mehrere Desktop-Anwendungen, die beim Vorgänger Edgy Eft noch nicht zur Standardinstallation gehört haben. In diese Kategorie fällt der Network Manager, für den es sowohl unter Gnome als auch unter Gnome Desktop-Schnittstellen zur Verfügung stehen. Somit gehört er bei den Ubuntu-Varianten Ubuntu und dem KDE-basierten Pendant Kubuntu zur Standardinstallation.

Der Network Manager durchsucht das System nach dem Start der grafischen Oberfläche nach kabelgebundenen und drahtlosen Netzwerkgeräten und bietet dem Anwender seine Funde zur Auswahl per Mausklick an. Die neue Ubuntu-Version beseitigt einen Fehler im Network Manager, durch den er in der Vorgängerversion bei einigen Laptops nach dem Aufwachen aus dem Suspend oder Standby auf Grund wechselnder Interface-Bezeichnungen nicht mehr funktioniert hat. Benutzer von WLAN-Geräten, die auf dem Prism-Chipsatz basieren und deshalb die Wlan-NG-Treiber voraussetzen, müssen auf den Network Manager weiterhin gänzlich verzichten; diese unterstützt das Programm nicht.

Problemlösungen

Ein anderes Problem, das zuvor als Hauptargument gegen den Network Manager als Standardkomponente galt, bleibt jedoch bestehen: Erst nachdem sich der Benutzer angemeldet hat, baut das Programm die Verbindung auf. Damit ist der herkömmliche Network Manager für Rechner, die häufig nur via Netzwerk angesteuert werden, ungeeignet. Unter Ubuntu 7.04 bietet der Network Manager allerdings die Möglichkeit, auf eine statische Konfiguration umzuschalten. So steht das Programm der Nutzung von Ubuntu auch auf Server-orientierten Rechnern nicht im Wege.

Auch die Nutzung lokaler Netzwerke vereinfacht Feisty Fawn. Mit Hilfe von Avahi entdeckt und annonciert Ubuntu Netzwerkdienste im LAN, so dass beispielsweise der Zugriff auf Windows-Freigaben per Mausklick funktioniert. Die Änderung zum Vorgänger beschränkt sich aber auch hier darauf, dass Avahi nun zum Standard gehört, während Nutzer früherer Ubuntu-Versionen die entsprechenden Pakete manuell nachinstallieren mussten.

Gerätemanagement

Die Installation und Konfiguration von Hardware gehört zu den Problemen, an denen nicht nur Linux-Laien häufig scheitern. Dass die Schuld dafür weniger bei den Linux-Entwicklern und -Distributoren als bei den Hardware-Herstellern liegt, ist hinlänglich bekannt, trägt jedoch nicht zur Problemlösung bei. Der Restricted Devices Manager nimmt sich in der neuen Ubuntu-Version dieses Problems an. Er durchsucht den Rechner nach Hardware, für die es keine freien Treiber gibt, diese aktiviert der Benutzer dann per Mausklick. Ein darauf folgender Hinweis auf die Probleme, die unfreie Gerätetreiber verursachen soll die Anwender für das Thema sensibilisieren.


			Restricted Drivers Manager.

Um die Verwaltung proprietärer Treiber kümmert sich der neue Restricted Drivers Manager.

Glücklich können sich Besitzer von Druckern des Herstellers Hewlett Packard (HP) schätzen. Nachdem sich die Firma in Linux-Kreisen bereits einen guten Ruf erworben hat, da sie sich aktiv an der Entwicklung freier Treiber für ihre Produkte beteiligt, stellt HP nun ein freies Verwaltungswerkzeug für HP-Drucker und -Scanner bereit, das in der neuen Ubuntu-Version enthalten ist. Damit können nun auch Linux-Benutzer Wartungsfunktionen wie die Kalibrierung und die Düsenreinigung starten, und per Software den Tintenstand auslesen.


			HP-Gerätemanager

Der HP-Gerätemanager lässt nun auch Linux-Anwender alle Funktionen der Drucker des Herstellers Hewlett Packard nutzen.

Desktop-Effekte

Nicht nur die neue Windows-Ausgabe Vista hat in den letzten Monaten die Vorstellungen vom modernen Desktop verändert, schon einige Zeit länger gibt es auch für Linux 3D-Oberflächen, die mit transparenten Fenstern und ähnlichen Effekten die Optik von Gnome und KDE aufpeppen. Zu Anfang der Entwicklung an Feisty Fawn gaben die Entwickler die standardmäßige Aktivierung eines derartigen Windows-Managers als Ziel an; der Fortschritt ist in diesem Bereich jedoch nicht schnell genug von statten gegangen, um die benötigten Programme auf einem akzeptablen Anteil der gebräuchlichen Hardware problemlos funktionieren zu lassen.

Aus diesem Grund gehört der 3D-Window-Manager Compiz zwar zur Standardausstattung von Ubuntu 7.04, ist jedoch nach dem Start deaktiviert. Wer die Desktop-Effekte verwenden möchte, findet im Einstellungen-Menü nun einen Dialog, über den sich Compiz umstandslos starten und wieder beenden lässt.

Die beiden bis vor Kurzem konkurrierenden Projekte Compiz und Beryl haben sich zwar entschieden, wieder an einem gemeinsamen Window-Manager mit dem provisorischen Namen Composite Community zu arbeiten, konnten aber nicht rechtzeitig für die neue Ubuntu-Version Ergebnisse vorweisen.

Linux mittels einer modernen Oberfläche mit 3D-Effekten für den Desktop attraktiver zu gestalten, dürfte auch für künftige Versionen aller großen Distributionen zu den komplexeren Zielen gehören. Es steht nämlich die Tatsache im Weg, dass die 3D-Desktops mit den am weitesten verbreiteten Grafikkarten der Hersteller Nvidia und ATI meist nur mit Hilfe proprietärer Treiber funktionieren - deren Lizenzen verhindern jedoch die automatische Integration in freie Distributionen.

Langfristig gedacht

Bei Ubuntu, dem nicht mehr ganz so jungen Benjamin unter den großen Linux-Distributionen, kristallisiert sich eine Veröffentlichungsroutine heraus. Nach dem so genannten Long-Term Support (LTS) Release Dapper Drake von April 2006, dienen die bislang erschienenen halbjährlichen Nachfolger eher als Experimentierfeld für neue Techniken. Es gibt keine spektakulären Neuigkeiten, stattdessen ein paar interessante neue Ideen, die sich möglicherweise durchsetzen oder eben nicht.

Voraussichtlich in einem Jahr erscheint die nächste LTS-Ausgabe von Ubuntu. Es gibt für den produktiven Einsatz keine drängenden Gründe, ein funktionierendes Ubuntu-System vorher zu aktualisieren, abgesehen von den neuen Features, die die neuen Versionen der Desktops und des Kernel mitbringen. In puncto Zuverlässigkeit hat Dapper Drake vor einem Jahr Maßstäbe gesetzt, die keiner der beiden seitdem erschienenen Nachfolger voll erfüllen kann. (uba)