Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin Online Artikel/

Richard Stallman im Interview:

"Fedora ist quälend nah dran und schafft es nicht"

24.04.2009

Im zweiten Teil des Interviews spricht Richard Stallman über das Lehren von Freiheit, zwei akzeptable Software as Services sowie den Freiheitsgrad von Opensuse, Debian und Fedora: In München traf Britta Wülfing von Linux-Magazin Online den Free-Software-Hardliner, als er sich an der Demonstration gegen Bio-Patente beteiligte.

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Linux-Magazin Online: Glauben Sie, dass die Leute Geschmack an der Freiheit finden, wenn sie GNU/Linux nutzen und dann mehr davon wollen?

Richard Stallman: Das ist nicht das, was ich sehe. Ich sehe eine Menge Diskussionen über technische Funktionalitäten. Die Nutzer von GNU/Linux nehmen es als selbstverständlich, dass nicht-freie Software in Ordnung ist. Die Leute, denen Freiheit wichtig ist, sind in der Minderheit. Es ist also wichtiger, die Anwender von GNU/Linux Freiheit zu lehren, als Leuten beizubringen, GNU/Linux zu nutzen. Es gibt viele Leute, die andere davon überzeugen, GNU/Linux zu nutzen. Was sie nicht machen, ist Leute Freiheit zu lehren.

Linux-Magazin Online: Wo sehen Sie das Problem?

Richard Stallman: Es ist alles Teil der Botschaft. Nehmen Sie als Beispiel das Linux-Magazin: Wie viele Anzeigen von nicht-freier Software erscheinen in Ihren Heften? Wenn Ihr Magazin von sich behauptet, es wäre über freie Software, ist die Botschaft eine andere, wenn es Anzeigen nicht-freier Software akzeptiert. Wenn Sie es für schlecht hielten, würden Sie Werbung dafür machen? Ich will Ihre Zeitschrift nicht an den Pranger stellen, aber es ist ein Beispiel für eine weit verbreitete Praxis. Open-Source-Leute haben diesen Teil der Idee willentlich fallengelassen, als sie 1998 begannen, es Open Source zu nennen. Ich kann sie nicht scheinheilig nennen, denn sie haben nie behauptet, unfreie Software wäre schlecht. Aber ich kann sie beschuldigen, dass sie die Freiheit nicht verteidigen.

Linux-Magazin Online: Der Kompromiss scheint jedenfalls effektiv zu sein.

Richard Stallman: Sie haben unsere Software in den Köpfen der meisten Anwender von unseren Idealen getrennt. Wenn Anwender zu GNU/Linux kommen, wird ihnen erzählt, dass es technisch besser sei. Aber sie haben nie den Verdacht, dass diese Software wegen unserer Freiheitskampagne existiert. Die meisten bemerken das nie.

Linux-Magazin Online: Ich glaube, die meisten Leute bemerken das.

Richard Stallman: Nein, da liegen Sie falsch. Es muss tausende von Leuten geben, dies es wissen, aber Millionen, die es nicht wissen. Nehmen wir jemand, der einen EEE-PC kauft. Als erstes muss man für die Nicht-freie Software auf dieser Maschine einer Endanwender-Lizenzvereinbarung zustimmen. Das sieht der Anwender, und er denkt: "Oh, das ist also wofür Linux gut ist?" Es gibt einige, die sagen: "Ich kann da nicht zustimmen. Was macht das eigentlich hier?" Aber andere denken: "Das ist das gleiche wie mit Windows, also wo ist der Unterschied?" Sie haben die Einzelheiten der Windows-Lizenz nicht gelesen, also lesen sie auch diese Einzelheiten nicht. Sie nehmen einfach an, dass es genauso ist wie alles andere.

Linux-Magazin Online: Vielleicht unterschätzen Sie die Anwender.

Richard Stallman: In jeder Diskussion sehe ich, dass die, die Freiheit für wichtig halten, in der Minderheit sind. Schauen Sie doch mal die Kommentare auf Slashdot an, welcher Bruchteil der Leute die Freiheit verteidigt und wie viele die praktischen Ziele verteidigen. Die meisten sorgen sich nur um die Technik.

Linux-Magazin Online: Der stete Tropfen...

Richard Stallman: Wir sind der stete Tropfen! Die Open Source-Leute helfen uns nicht, die Freie-Software-Leute kämpfen hart.

Linux-Magazin Online: Wo wir von Lizenzvereinbarungen sprechen, hier hat der stete Tropfen etwas bewirkt: Opensuse hat die EULA entfernt.

Richard Stallman: Tatsächlich? Das ist schön. Ich wußte nicht mal, dass sie eine hatten.

Linux-Magazin Online: Mozilla ist ein weiteres Beispiel. Hier müssen die Leute immer noch eine Checkbox anklicken, und die hat den Zweck, die Leute über das Vorhandensein einer Lizenz zu informieren, auch wenn diese eine Open-Source-Lizenz ist. Und das ist natürlich Ihr Verdienst. Ich glaube nicht, dass sie gegen Sie arbeiten.

Richard Stallman: Natürlich ist Mozilla eine Freie-Software-Fraktion. Sie arbeiten nicht gegen uns, sie tragen bei. Bis letztes Jahr war der Firefox-Quellcode frei, die Binaries aber nicht. Es gab ein nicht quelloffenes Modul, und es gab die Endbenutzer-Lizenzvereinbarung. Daher fingen einige an, Programme wie Iceweazel oder Icecat zu entwickeln. Die Debianer waren die ersten. Sie wollten selbst die Kontrolle haben. Ich bin wirklich froh darüber. Aber der Punkt ist: Warum ist das passiert? Sie haben es nicht als ethisches Problem betrachtet. Sie haben geglaubt, praktische Erwägungen sind wichtiger als ethische. Sie haben nicht Freiheit als Thema propagiert.

Richard Stallman ist für Diskussionen zugänglich. Sein hohes Engagement führt ihn nicht nur auf Demonstrationen, sondern auch dazu, sehr genau verstanden werden zu wollen.

Linux-Magazin Online: A propos Kontrolle: Warum mögen Sie den Begriff "Cloud Computing" nicht?

Richard Stallman: Cloud Computing ist ein vager, nebulöser Begriff, der viel zu unterschiedliche Dinge bezeichnet, um sie unter einem Begriff zusammenzufassen. Das wäre so, als redete ich über "elektronisches Rechnen mit Daten im Web", oder auch "Geschäfte". Ich hab diesen Begriff nur einmal benutzt - im September 2008 - und das hätte ich nicht tun sollen. Ich hätte besser "Software as a Service" gesagt.

Linux-Magazin Online: Finden Sie Software as a Service besser?

Richard Stallman: Software as a Service bezeichnet konkret eine Berechnung auf dem Computer eines anderen, der ein Programm laufen lässt und mir die Ergebnisse zurückschickt. Das sollte man niemals nutzen. Denn wenn das Computerprogramm eines anderen die eigenen Berechnungen macht, kontrolliert man sie nicht. Das gleiche Problem besteht mit proprietärer Software, weshalb man sie ebenfalls nicht nutzen sollte. Allerdings ensteht das Problem jeweils unterschiedlich.

Linux-Magazin Online: Wieso?

Richard Stallman: Wenn man proprietäre Software laufen lässt, hat man eine Kopie des Programms. Man kann aber nicht kontrollieren, was das Programm tut. Mit Software as a Service hat man noch nicht mal eine Kopie des Programms, geschweige denn dass man es kontrollieren könnte - auch nicht, wenn es ein freies Programm ist. Nur wenn man eine eigene Kopie freier Software benutzt, hat man Kontrolle.

Linux-Magazin Online: Teilen Sie den Standpunkt, den die Free Software Foundation mit der Franklin Street Declaration vom Juni letztes Jahres einnimmt?

Richard Stallman: Diese Version repräsentiert die Meinung einer Arbeitsgruppe, nicht die der FSF. Wir arbeiten weiter daran. Aber das ist ein guter Ausgangspunkt. Unsere Position wird heißen: Nutzt nicht Software as a Service.

Linux-Magazin Online: Unter keinen Umständen?

Richard Stallman: Unter keinen Umständen. Niemals. Es gibt auf der anderen Seite eine Menge Dienste im Web, die absolut in Ordnung sind. Die Frage ist immer: Wessen Computerberechnung ist das? Und wird jemandem der Zugang zu der Berechnung verwehrt?

Linux-Magazin Online: Was wäre Ihrer Meinung nach in Ordnung?

Richard Stallman: Wenn man seine Daten verschlüsselt auf entfernten Servern speichert und Checksums nutzt, sodass man beurteilen kann ob die Daten verändert wurden, könnte nur durch Datenverlust Schaden entstehen. Und Datenverlust kann einem immer passieren. Wenn man nun noch darauf vertraut, dass der Anbieter nicht in irgendeiner Weise bösartig ist, dann ist es wohl in Ordnung, diesen Dienst zu nutzen. Aber man sollte die Daten selbst verschlüsseln und ein freies Verschlüsselungsprogramm nutzen - und nicht etwa einfach das geschlossene Programm benutzen, das von der Webseite gratis zur Verfügung gestellt wird.

Linux-Magazin Online: Vielleicht noch ein zweites Beispiel?

Richard Stallman: Nehmen wir an, jemand vermietet die Nutzung eines Computers zeitweise, und man kann darauf jede Software installieren, die man will. Dann hat man die Kontrolle über die Computerberechnung: Man entscheidet selbst, welche Software läuft. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, kommt eines von Amazons Angeboten dem sehr nahe. Es fehlt allerdings, dass man sein System selbst spezifizieren kann. Amazon stellt verschiedene GNU/Linux-Distributionen zur Auswahl. Aber sie steuern den Anwender alle in Richtung proprietärer Software. Sie haben keine der hundertprozentig freien Distributionen im Angebot.

Linux-Magazin Online: Sie bieten Red Hat, was ist damit? Ist das nicht 100 Prozent freie Software?

Richard Stallman: Nein.

Linux-Magazin Online: Red Hat behauptet das von sich.

Richard Stallman: Ich weiß nicht was sie sagen, aber ich wäre überrascht, wenn sie überhaupt etwas über freie Software sagen. Die FSF spricht ja mit den Leuten, die Fedora machen. Sie haben nahezu alle nicht-freie Software aus der Distribution entfernt, aber sie haben nicht die nicht-freie Firmware aus dem Linuxkernel entfernt. Sie sind quälend nah dran und schaffen es nicht. Wie traurig. Vielleicht eines Tages.

Linux-Magazin Online: Wäre das nicht schwierig?

Richard Stallman: Das ist überhaupt nicht schwierig. Es ist nur eine Wahl, die man trifft. Es ist deshalb nicht schwierig, weil wir die Arbeit schon gemacht haben. Wir haben Linux Libre, aus dem wir die unfreie Firmware entfernt haben. Wenn man also eine freie Version einer GNU/Linux-Distribution will, bekommt man die von der FSF.

Linux-Magazin Online: Wie steht's mit Debian?

Richard Stallman: Debian hat per Wahl im November entschieden, nicht alle unfreie Firmware zu entfernen.

Linux-Magazin Online: Debian begründete das mit Hardware-Treibern. Wenn die Firmware entfernt würde, würde auch die Auswahl an Hardware kleiner werden, mit der Debian läuft.

Richard Stallman: Ja. Wenn diese Art Firmware nötig wäre, würde die Hardware nicht laufen.

Linux-Magazin Online: Würde damit nicht der Anwenderkreis für die Distribution kleiner?

Richard Stallman: Das ist richtig. Na und? Ist das Ziel Freiheit oder ist das Ziel, etwas zu machen, was auf einer großen Zahl von Computern läuft? Wenn man ein unfreies Programm verteilt oder wenn man vorgibt, ein unfreies Programm sei eine Lösung, dann leugnet man das Problem. Das wichtigste Argument der Free-Software-Bewegung ist: Proprietäre Software ist ein Problem. Wir können das nicht als Lösung präsentieren, das würde den grundlegenden Punkt verleugnen für alles, was wir tun. Auf lange Sicht ist das selbstzerstörerisch. Kurzfristig könnt man behaupten, dass es erfolgreicher ist: Mehr Leute können es nutzen. Vielleicht stimmt das. Aber wenn man versucht, den Menschen Freiheit zu lehren, unterwandert das eben diesen Versuch. Denn wir sprechen am lautesten mit dem Beispiel, das wir geben: Wir gäben zu verstehen, dass nicht-freie Software für etwas gut ist. Stattdessen sagen wir aber, nicht-freie Software ist schlecht - und damit meine ich böse. Also werdet die unfreie Software los. (ake)

Info

Richard Stallman besteht auf den Namen GNU/Linux statt Linux, um Herkunft, Geschichte und Zweck des Betriebssystems zu verdeutlichen. Aus demselben Grund legt er Wert auf die Unterscheidung zwischen freier und quelloffener Software. Namen leiten Wirklichkeit, so sein Credo.

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