Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin Online Artikel/

Richard Stallman im Interview:

"Torvalds zieht Anwenderfreiheit ins Lächerliche"

23.04.2009

Richard Stallman im Interview über Barack Obama, Linus Torvalds und den faulen Kompromiss von Open-Source-Software: In München traf Britta Wülfing von Linux-Magazin Online den Free-Software-Hardliner, als er sich an der Demonstration gegen Bio-Patente beteiligte.

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Linux-Magazin Online: Herr Stallman, Sie sind wegen der Demo gegen Software-Patente hier nach München gekommen.

Richard Stallman: Ich bin hier weil der FFII mich eingeladen hat. Ich habe mit dem FFII schon viel unternommen, um Software-Patente in Europa zu bekämpfen, und das mache ich weiterhin.

Linux-Magazin Online: In Ihrer Rede bezeichnen Sie das Europäische Patentamt als korrupt und bösartig. Meinen Sie das wirklich so?

Richard Stallman: Ja. Sie arbeiten für Patentinhaber, sie bekommen ihr Geld von Patentinhabern und sie versuchen, Patente in jeden Bereich des Lebens zu bringen. Für mich ist die Korruptheit einer Organisation nicht darauf begrenzt, wenn jemand heimlich Bestechungsgeld annimmt, sondern wenn die Organisation selbst Geld von bestimmten Parteien nimmt und dann anfängt, diesen Parteien auf eine Weise zu dienen, die der Gesellschaft schadet. Das heißt Korruption. Korruption ist sehr verbreitet in vermeintlich demokratisch regierten Staaten.

Linux-Magazin Online: Und was sagen Sie dazu, dass das Patentamt offiziell nur nach Anweisung der Regierung handelt und keine eigenständigen Entscheidungen trifft?

Richard Stallman: Das sagen sie, und das ist Blödsinn. Ich empfehle, das Europäische Patentamt abzuschaffen, wenn das nötig ist, um Software-Patente loszuwerden. Vielleicht geht es aber auch anders. Die Leute sollten jedenfalls nicht das Gefühl haben, dass an der Existenz des Patentamts irgendetwas Heiliges wäre.

Schweinerei: "Meine Gene gehören mir", wüteten Bayerns Bauern am 15. April an ihrer Schweine statt vor dem Europäischen Patentamt in München.

Linux-Magazin Online: Letzten November gab es in den USA eine Entscheidung, die unter der Bezeichnung „re Bilski“ bekanntgeworden ist. Experten zufolge soll dieses Urteil die künftige Rechtsprechung bei Software-Patentklagen erheblich beeinflussen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung in den USA?

Richard Stallman: Ich bin mir da nicht sicher, wie das auszulegen ist. Es sieht jedenfalls so aus, als ob das Urteil sich tatsächlich gegen Software-Patente richtet.

Linux-Magazin Online: Glauben Sie, die neue US-Regierung wird irgendetwas an Patenten und Urheberrecht ändern?

Richard Stallman: Ich weiß nicht. Barack Obama ist grundsätzlich eher auf der Seite der großen Copyright-Organisationen. Und in Sachen Filesharing ist er sogar schlimmer als Bush. Er hat fünf Anwälte vom amerikanischen Verband der Musikindustrie ins Justizministerium geholt - Anwälte von Plattenfirmen, die auf die eine oder andere Weise daran beteiligt sind, Teenager auf hunderttausende Dollar zu verklagen. Also arbeitet er ihnen in die Hände.

Linux-Magazin Online: Das klingt nach eher schlechten Neuigkeiten.

Richard Stallman: Patente sind ein anderes Thema, und sie betreffen andere Unternehmen. Ich hab keine Ahnung, wie Obama zu Patenten steht.

Linux-Magazin Online: Es gab Berichte, dass Obama Überlegungen anstellt, Freie Software in Regierungsstellen einzuführen.

Richard Stallman: Ich hab nichts davon gehört, dass er Interesse an Freier Software hat. Er hat wohl jemand gebeten einen Bericht über Open Source zu schreiben. Und die Person, die er gefragt hat - ich glaub es war Scott McNealy, der frühere Chef von Sun - ist noch nicht einmal ein Open-Source-Champion.

Linux-Magazin Online: Ich frage Sie nun einmal aus erster Hand – wie unterscheiden Sie zwischen quelloffener und freier Software?

Richard Stallman: Quelloffenheit ist eine Entwicklungsmethode. Freie Software hingegen ist eine soziale Bewegung für die Freiheit der Anwender. Philosophisch sind das getrennte Welten. Tatsächlich sind nahezu alle Open-Source-Programme frei, und nahezu alle freien Programme sind quelloffen. Die Menge an Software ist vielleicht gleich, aber die Ideen dahinter sind unterschiedlich. Auf Seiten von Software-Entwicklern beschließt zum Beispiel eine Gruppe Leute, ein Programm quelloffen zu machen. Das wird vermutlich freie Software sein. Eine andere Gruppe von Entwickern beschließt, freie Software zu entwickeln, und diese könnte auch quelloffen werden. Diese zwei Gruppen könnten sogar zusammenarbeiten, wenn sie eine Lizenz nutzen, die beiden Kriterien gerecht wird, und brauchen sie gar nicht über die zwei Lager nachzudenken. Aber ihre Philosophie basiert jeweils auf unterschiedlichen Werten. Die Open-Source-Leute sagen, via Quelloffenheit wird Software technisch besser. Wir sagen hingegen, wenn du nicht-freie Software nutzt, gibst du deine Freiheit auf. Sie sagen dazu: "Na ja, vielleicht ist das nicht so praktisch." Wir sagen hingegen: "Es ist von Übel. Schätze deine Freiheit. Schütze deine Freiheit."

Linux-Magazin Online: Ich habe aber gehört, dass der Begriff Open Source nur aus Marketing-Gründen entstanden ist, weil es Probleme mit dem Verständnis von "Freier Software" gab. Eigentlich sei das gleiche gemeint gewesen.

Richard Stallman: Das ist wahr und falsch zugleich. Mehrere Leute waren bei dem Meeting, als dieser Begriff vorgeschlagen wurde, und die haben unterschiedliche Ansichten. Bruce Perens wollte eine Marketing-Kampagne für freie Software. Er wollte nicht unsere Ideen wegwerfen, er wollte nur einen netten Teil, den man an manchen Stellen drüberstülpen könnte. Das mag eine gute Idee gewesen sein oder auch nicht, aber er stand im Wesentlichen hinter den Ideen der freien Software. Aber Eric Raymond war nie damit einverstanden, Torvalds war nie damit einverstanden.

Linux-Magazin Online: Torvalds war mit der Idee Freier Software nicht einverstanden?

Richard Stallman: Nein. Nie. Als er Linux veröffentlichte, machte er es nicht zu freier Software. Er hat sich erst 1992 entschlossen, die Lizenz auf die GPL zu ändern - aber nicht, weil die Anwender Freiheit verdienen.

Linux-Magazin Online: Sondern?

Richard Stallman: Ich bin mir nicht wirklich sicher, warum. Vielleicht fand er, wir hätten mit den GNU-Programme einen guten Job gemacht. Ich weiß es nicht. Wenn man sorgfältig sucht, findet man vielleicht eine Stelle, wo er es begründet. Ich kann nicht für ihn sprechen. Ich kann aber an seinen Aussagen sehen, dass er nie hinter der Idee der Anwenderfreiheit gestanden hat. Und er lehnt die GPL-Version 3 ab, weil sie die Anwender vor Tivoisierung schützt. Bei Tivoisierung können die Anwender den zu einem Produkt gehörenden Quellcode zwar ändern. Aber wenn sie versuchen, ihre geänderte Version in diesem Produkt zu installieren, läuft das Produkt nicht. Also sind die Anwender zwar theoretisch frei, aber nicht in der Praxis. Das lehnt Torvalds aber ab. Er will die Tivoisierung von Linux weiterhin ermöglichen. Er zieht die Idee der Anwenderfreiheit ins Lächerliche. Er war nie ein Unterstützer der Freien-Software-Bewegung. Das kann man auch daran sehen, dass die aktuelle Version von Linux keine Freie Software ist. Linux enthält Firmware, die nur als Binary vorliegt und unter einer nicht-freien Lizenzen steht. Damit ist Linux heute auch keine Open-Source-Software, aber was für mich wichtig ist: Es ist keine freie Software. Denn die Person, die für seine Entwicklung verantwortlich ist, glaubt nicht an diese Ideale. Daran sieht man, warum es einen praktischen Unterschied macht, ob wir die Idee von Freier Software verbreiten oder die von Open Source.

Linux-Magazin Online: Aber ist es nicht besser, wenn ich eine Open-Source-Software habe, von der ich weiß, dass einige Teile nicht-frei und nicht quelloffen sind, wenn ich diese Teile definieren kann - als Closed Source zu nutzen?

Richard Stallman: Nein, das ist nicht besser, weil das nicht Freie Software ist. Sie ruinieren das Wichtigste: die Botschaft, die die Anwender bekommen. Dass es nicht-freie Teile im Linuxkernel gibt, übermittelt den Anwendern die Botschaft, dass nicht-freie Software in Ordnung ist. Sie liebäugeln damit, Freiheit nach der Zahl der Möglichkeiten zu messen. Aber jemandem mehr Optionen zu geben heißt nicht notwendigerweise, ihm Freiheit zu geben. Wenn man den Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Freiheit wegzuwerfen, heißt das nicht, ihnen Freiheit zu geben. Das ist der Grund weshalb wir einige unveränderbare Rechte kennen, die Menschen nicht aufgeben dürfen. Wenn man ihnen diese Möglichkeit gibt, werden Unternehmen systematisch Druck auf sie ausüben, damit sie genau dies tun. Und dann wird bald kaum jemand mehr diese Rechte haben.

Linux-Magazin Online: Sie sind der Geburtshelfer freier Software...

Richard Stallman: Ich hab freie Software nicht erfunden. Tatsächlich gab es auch in den Fünfziger Jahren freie Sofware. Aber ich habe eine ethische Bewegung aus freier Software geschaffen.

Linux-Magazin Online: Aber als Sie Ihre Arbeit begonnen haben, war 99 Prozent nicht-freie Software auf dem Markt. Und darauf haben Sie aufmerksam gemacht.

Richard Stallman: Als ich angefangen habe, war Microsoft noch kein Gigant. Ich habe 1983 angefangen. Aber es stimmt, es gab bis 1992 kein freies Betriebssystem.

Linux-Magazin Online: Und jetzt vertreten Sie einen philosophischen Standpunkt in Bezug auf Freiheit. Dann haben wir diese 99 Prozent Anwender, die viele Jahre lang proprietäre Software genutzt haben ...

Richard Stallman: ... sie hatten keine Freiheit, also ist es ihnen nicht aufgefallen.

Linux-Magazin Online: ... und dann gibt es da diese Gruppe um Linus Torvalds, die Open Source breiter definieren will.

Richard Stallman: Sie vergessen den wichtigsten Teil. Man wird nie erreichen, dass die Leute Freiheit verlangen, wenn man sich so verhält, als ob Freiheit nicht wichtig wäre.

Linux-Magazin Online: Tun sie das wirklich?

Richard Stallman: Schauen Sie auf die Seite der Open-Source-Initiative. Schauen Sie, was Torvalds über Freiheit sagt. Er sagt nie, dass Freiheit wichtig ist. Und es gibt Unternehmen, die den Begriff Open Source gebrauchen, aber proprietäre Software haben.

Linux-Magazin Online: Ich denke sie haben einen Kompromiss gefunden, damit freie Software populärer wird.

Richard Stallman: Ein Kompromiss, um was zu erreichen? Wenn das Ziel ist, mehr Leute eine Version des GNU/Linux-Systems nutzen zu lassen, dann ist ihr Weg vielleicht effektiv. Aber ich glaube, dass die Popularität des Systems ein fehlgeleitetes Ziel ist. Das ist nur ein Mittel zum Zweck. Ich glaube nicht, dass das GNU-System das Ziel ist, denn ich habe es aus einem bestimmten Grund entwickelt: Freiheit. Mit dem Ziel, das GNU/Linux-System populärer zu machen, werden wir nie das ultimative Ziel der Freiheit erreichen. Leute, die die Freiheit nicht zu schätzen wissen, werden sie verlieren. (ake)

Info

Richard Stallman besteht auf den Namen GNU/Linux statt Linux, um Herkunft, Geschichte und Zweck des Betriebssystems zu verdeutlichen. Aus demselben Grund legt er Wert auf die Unterscheidung zwischen freier und quelloffener Software. Namen leiten Wirklichkeit, so sein Credo.

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