Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin Online Artikel/

Peer Heinlein blickt auf 20 Jahre Administration zurück

"Zu viel Komplexität schadet"

11.01.2013

Peer Heinlein bietet mit seinen Firmen Hosting, Beratung und Schulungen rund um Linux und Open Source an. Ende November 2012 konnte er sein 20-jähriges Dienstjubiläum als Linux- und Mail-Spezialist feiern. Linux-Magazin Online hat diesen Anlass genutzt, um mit Peer ein wenig Rückschau zu halten.

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Die schönsten Admin-Geschichten aus den letzten 20 Jahren sammelt das Team von Heinlein Support übrigens derzeit auf http://www.admin-stories.de – noch bis zum 15. Januar kann sich dort jeder mit Beiträgen und Anekdoten beteiligen oder per Abstimmung die schönsten Geschichten zur Preisverleihung vorschlagen.

Linux-Magazin Online: Peer, was war Dein erster Kontakt mit Linux?

Peer Heinlein: Mein erster Kontakt damals war eher unfreiwilliger Art: Ich habe Ende 1992 die Computermailbox JPBerlin übernommen, die mit Zerberus unter MS-DOS lief. Aber wir wurden ein großes System und brauchten mehrere Einwahlzugänge. Versuche mit MS-DOS-Multitaskern waren wenig befriedigend, aber mit OS/2 im DOS-Fenster lief es ganz gut. Plötzlich gab es dann 1996 mit "dbox" eine Mailboxsoftware unter Linux -- und ich habe Anfangs ganz schön geflucht, das Ding zu compilieren und einzurichten. Das mit dem Home-Verzeichnis und die schon damals grundsätzlich andere Logik war nicht wirklich einfach zu verstehen -- es gab ja kaum frei zugängliche Dokumentation zu Linux. Aber am Ende hatten wir acht ISDN-Einwahlzugänge auf einer legendären seriellen Multiportkarte realisiert und irgendwann habe ich dann auch verstanden, was wir da eigentlich unter Linux machten.

Linux-Magazin Online: Wie wurden Linux und Open Source zu Deinem Beruf?

Peer Heinlein: Aus Hobby wurde Berufung und aus Berufung wurde Beruf. Ich hatte anfangs gar nicht vor, aus meinem Mailbox- und Trainings-Hobby ein Geschäft zu machen -- so viel wollte ich mit Computertechnik gar nicht zu tun haben. Ich habe immer lieber mit Menschen gearbeitet und wollte Menschen etwas ermöglichen -- Computer sind doch nur Mittel zum Zweck. Also habe ich was ganz anderes studiert.

Mitte/Ende der Neunziger haben auch Unternehmen die "Datenfernübertragung" (DFÜ) für sich entdeckt -- einer meiner ersten Aufträge war für Siemens in Österreich, eine ISDN-Einwahlmailbox für Außendienstleister einzurichten. Es gab ja kaum Leute, die so was konnten. Und in den nächsten Jahren haben sich immer mehr Unternehmen gemeldet, die ihre Mitarbeiter in die Geheimnisse von TCP/IP, Webservern und E-Mails ausgebildet haben wollten. Viele Unternehmen haben damals schon begonnen produktive Linux-Systeme im Unternehmen einzuführen. So wurde ich letztlich zum Linux-Trainer, als ich merkte: "Hier arbeitest Du den ganzen Tag mit Menschen, nicht mit Maschinen." Damit war der Beruf für mich dann wieder perfekt.

Linux-Magazin Online: Was war Dein positivstes und Dein negativstes Erlebnis mit Linux und freier Software?

Peer Heinlein: Das positivste Erlebnis ist sicher, dass das ganze System überhaupt funktioniert -- Open Source-Software als Konzept, aber natürlich auch das gesamte Internet, das natürlich wesentlich auf OSS beruht. Heute wird Internet in weiten Teilen unter den kommerziellen Aspekten von Firmen gesehen. Aber eigentlich stand damals die kommunikative Vernetzung von Menschen im Vordergrund. "Jeder Mensch ein Sender" war damals ein wichtiger politischer Slogan, der die Gleichberechtigung aller Beteiligten im Internet auf den Punkt brachte.

Damals wurde viel öffentlichkeitswirksamer Informationsaustausch noch über News-Server abgewickelt -- einfacher ASCII-Text, wenig Schnickschnack. Kritiker standen damals noch technisch gleichberechtigt neben denen, die sie kritisiert haben, auch wenn der eine ein David und der andere ein Goliath war. Das ist heute längst nicht mehr der Fall, war damals aber für viele ein ganz entscheidender Grund, warum wir das Internet entwickelt und ausgebaut haben.

Die negativen Erlebnisse stammen eher aus der Zeit von vor fünf bis zehn Jahren, als auch damals noch technisch unverständige IT-Strategen im Unternehmen der Microsoft'schen Angst-Kampagne gegen Linux auf den Leim gegangen sind. Das waren dann immer die klassischen Situationen, wo naheliegende, einfache und charmante Lösungen nicht realisiert werden durften, weil "Linux ja nur Bastelkram" ist. Ich habe schon Unternehmen 80.000 EUR aus dem Fenster werfen sehen, dabei hätte man es für 5.000 EUR quasi fertig unter Linux haben können. Und jeder Admin im Projekt wusste ganz offen: Das wird weder fertig noch bezahlbar, noch wird es die Versprechen wirklich erfüllen.

Linux-Magazin Online: Wie hat sich die Welt der E-Mail in den letzten 20 Jahren verändert?

Peer Heinlein: Vor 20 Jahren hat eine E-Mail noch 10 bis 20 Pfennig pro Kilobyte gekostet. Das wurde in vielen Mailboxen tatsächlich berechnet, denn Telefoneinheiten waren richtig teuer. Und außerdem war eine E-Mail 4 bis 24 Stunden unterwegs. Verglichen mit dem klassischen Postbrief und den noch eher seltenen (und teuren) Faxgeräten war das schon sensationell billig und schnell. Ein Briefverkehr, wo der Empfänger mit etwas Glück noch am selben Tag antworten konnte!

Verglichen mit dem, was wir uns heute von E-Mails vorstellen, ist das natürlich wie Brieftaube gegen Düsenjäger. Nicht wenige empfinden heute Mailverzögerungen von fünf Minuten schon als existenzbedrohend.

Damals bestanden viele Mailadressen auch nur aus dem Hostnamen der zuständigen Mailbox. Domains gab es nicht und geroutet wurde nicht nach DNS-Einträgen, sondern nach MAPS, das war so eine Art Routenplaner für E-Mails. MAPS hatte Pläne, wann sich welche Computermailboxen gegenseitig anrufen und berechnete daran den schnellsten Routing-Weg für die E-Mail. Standleitungen waren damals nicht üblich, jedes System reichte E-Mails an eines seiner Nachbar-Systeme weiter.

Domains kosteten damals noch viele Hundert Mark -- ich muss zugeben, dass ich damals auch vehement gegen die Einführung von Domains war. Mir leuchte einfach nicht ein, wozu man den Aufwand hätte treiben sollen. Man kannte doch alle Systeme, die es gab.

Wir hatten damals viel Glück: Durch einen technischen Trick hatten wir für unser System sehr früh eine 128 Kbit-Standleitung. Für ein paar Tausend Mark vergleichsweise günstig. Als Schüler hatte ich eine echte Standleitung zu Hause, sensationell: Wir konnten E-Mails in Echtzeit per TCP/IP zustellen und wurden zum Relay für andere Mailboxsysteme, die bei uns "pollten". Außerdem konnten wir damals schon die ersten Webseiten hosten und Dialin-Zugänge für Modems anbieten -- über ein Protokoll namens SLIP. Damals musste man noch die typische Frage stellen: 7E2 oder 8N1?

Linux-Magazin Online: Wie siehst Du die Welt der IT heute?

Peer Heinlein: Wenn man weiß, mit welchen einfachen Mitteln damals schon hervorragend und zuverlässig Dienste angeboten wurden, sieht man heute viele Dinge mit ganz anderen Augen.

Heute wird immer versucht, etwas perfekt zu machen und alles bestens abzusichern, dabei verhindert oft gerade das den Erfolg, weil es zu kompliziert für alle Beteiligten wird: Die Admins durchschauen die Technik nicht mehr und die heutige Komplexität bringt viele Fehlerquellen überhaupt erst ins Spiel. Solche über-professionellen Setups sind darum in Wirklichkeit unprofessionell.

Den Grundsatz "Keep it simple and stupid" (KISS) sollte man sich immer wieder vor Augen führen. In vielen Fällen sind wir bei unseren Kunden damit beschäftigt, Projekte und Setups abzuspecken, damit sie anschließend endlich zuverlässig und solide funktionieren.

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