Linux-Magazin Online: Herr Müller, am 1. Mai haben Sie den Posten als Area General Manager bei Novell von Volker Smid übernommen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Jürgen Müller: Die Position reizt mich zum einen, weil das Unternehmen Novell ein one-stop-shopping-Konzept für Infrastruktur-Software vom Desktop bis zum Datacenter anbietet. Durch die Kombination aus Linux und IT-Management-Software hebt Novell Interoperabilität auf eine neue Ebene: Unterschiedliche IT-Lösungen und Plattformen arbeiten zusammen. Das ist eine hervorragende Positionierung im Markt. Den Erfolg der Strategie belegen unter anderem die Ergebnisse bei den Umsätzen der Open-Platform-Produkte in den letzten Quartalen sowie die positiven Analysteneinschätzungen.
Zum anderen ist es eine Herausforderung, Wirklichkeit und Wahrnehmung von Novell einander anzugleichen. Novell wird teilweise noch als die Netware-Firma wahrgenommen, dabei ist die Entwicklung und der Umbau, den Novell in den letzten Jahren betrieben hat, sehr weit gediehen. Da ich vor mehr als 15 Jahren schon mal bei Novell war, kann ich diese Weiterentwicklung des Unternehmens gut wahrnehmen. Die gilt es nun, im Markt breit zu kommunizieren und mit Leben zu füllen.
Linux-Magazin Online: Und was qualifiziert Sie für den Job?
Jürgen Müller: In den letzten 20 Jahren habe ich weltweite Erfahrungen in der Vermarktung von IT-Infrastruktur gesammelt. Daraus ergibt sich ein gutes Verständnis der Probleme, mit denen sich Kunden auf allen Kontinenten konfrontiert sehen. Diesen kundenbezogenen Erfahrungsschatz habe ich mit vier Jahren in der amerikanischen Zentrale meines früheren Arbeitgebers Sybase ergänzt. Bei Novell führe ich jetzt wieder eine regionale Organisation. Das erlaubt mir, mit viel Verständnis die Interessen einer Landesorganisation mit denen einer Unternehmenszentrale jenseits des Atlantiks in Einklang zu bringen.
Linux-Magazin Online: Wann war denn Ihr erster Kontakt mit Open Source?
Jürgen Müller: Mein früherer Arbeitgeber hat - wie andere Datenbankanbieter auch - eine Linux-Version angeboten. Ich habe das Thema seither mit großem Interesse verfolgt und freue mich über die immer größer werdende Akzeptanz von Linux im Unternehmen und den direkten Bezug dazu bei Novell.
Linux-Magazin Online: Haben Sie selbst schon mal ein paar Zeilen Code beigesteuert?
Jürgen Müller: Nein, ich komme nicht aus der technischen, sondern aus der vertrieblichen Ecke. Ich habe in einem früheren Leben allerdings schon mal eine Produktionseinheit mit über 400 Entwicklern geführt. Daher weiß ich recht gut, welchen Aufgaben und Herausforderungen sich Entwickler tagtäglich stellen. Ich denke dabei insbesondere an das Spannungsfeld, in dem sie sich zwischen langfristiger Roadmap und vertriebsgetriebenen Ad-hoc-Anforderungen bewegen.
Linux-Magazin Online: Novell war mal rein proprietär. Seit dem Kauf von Suse steuert es einen Open-Source-Kurs. Warum?
Jürgen Müller: Mit der Open-Source-Strategie zeigt Novell, dass wir die Kundenanforderungen nach Wahlfreiheit und Flexilibität verstanden haben. Open Source ist ein Gegenwarts- und ein Zukunftsthema, eine rein proprietäre Orientierung stößt inzwischen im Markt auf immer weniger Akzeptanz. Novell ist durch seine 25jährige Erfahrung im Bereich Betriebssysteme prädestiniert für diesen Weg. Open Source wird inzwischen nicht mehr nur weltanschaulich gesehen, sondern die Anwender-Unternehmen haben die wirtschaftlichen Vorteile klar erkannt. Partnerschaften wie mit SAP und Microsoft zeigen zudem, dass auch Novell für viele IT-Anbieter eine interessante Option ist.
Linux-Magazin Online: Bietet Open-Source-Technologie Ihrer Meinung nach einen strategischen Vorteil, oder macht es die Position im Wettbewerb schwieriger?
Jürgen Müller: Aus Sicht eines Wirtschaftsunternehmens ergibt Open-Source-Technologie strategisch auf jeden Fall Sinn, unsere Position im Wettbewerb hat sich damit deutlich verbessert. Im zweiten Quartal 2008 konnten wir einen Zuwachs von 31 Prozent für unsere Linux-Enterprise-Produkte verbuchen und sind damit stärker gewachsen, als der Marktdurchschnitt. Mit weiteren Novell-Produkten können wir eine durchgehende Infrastruktur vom Desktop bis zum Rechenzentrum unter Linux anbieten. Die Tatsache, dass sich SAP für Novell als Linuxpartner entschieden hat, veranschaulicht diesen Marktvorteil. Vor allem aus Sicht der Kunden bietet Open-Source-Technologie handfeste Vorteile. Kunden haben mehr Freiheit der Wahl, sie profitieren von Herstellerunabhängigkeit, höherer Leistung bei geringeren Kosten und größerer Flexibilität.
Linux-Magazin Online: Weil die Idee hinter Open Source auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeiten mit sozialistischen Gedankengut hat als mit kapitalischen Prinzipien, gibt es häufig Verständnisprobleme bei Unternehmern und Verbrauchern. Wo sind für Sie die Verbindungen zwischen Open Source und Geschäftsmodell?
Jürgen Müller: Bei Unternehmen gibt es meiner Erfahrung nach - und das bestätigen auch die Gespräche der Kollegen bei Novell mit den Kunden - keine Verständnisprobleme. Unternehmen suchen einen verlässlichen Partner für den Einsatz von Linux in geschäftskritischen Bereichen, die Frage nach der Weltanschauung ist nicht so wichtig. Es muss halt funktionieren und das Preis-/Leistungsverhältnis muss stimmen. Auf der Seite der Konsumenten ist das Geschäftsmodell ohnehin weniger relevant.
Linux-Magazin Online: Von welchem proprietären Hersteller hätten Sie gern den Code? Warum?
Jürgen Müller: Das ist schwer einzugrenzen, es gibt eine Menge interessanter Unternehmen, von deren Code die Open-Source-Community profitieren würde.
Linux-Magazin Online: Wen betrachten Sie im proprietären Lager als Ihren schärfsten Wettbewerber?
Jürgen Müller: Hauptthema ist derzeit die Migration von Unix auf Linux, unabhängig von einem speziellen Anbieter. Darüber hinaus gibt es Anbieter, mit denen wir im Sinne des Kunden einerseits kooperieren, anderseits aber auch im Wettbewerb stehen. Microsoft ist dafür ein gutes Beispiel.
Linux-Magazin Online: Wie ist die Situation bei den Open-Source-Unternehmen? Wen sehen Sie hier als Ihren größten Wettbewerber?
Jürgen Müller: Bei den Open-Source-Anbietern ist Red Hat unser größter Wettbewerber. Aber der Markt ist sehr groß, im Prinzip profitieren alle von der immer größer werdenden Akzeptanz von Open Source.
Linux-Magazin Online: Mit welchem Argument werben Sie den Chefentwickler Ihres schärfsten Konkurrenten?
Jürgen Müller: Wir haben selbst sehr gute Entwickler und eine hervorragende Beziehung zur Community, über die wir sehr gute Ressourcen beziehen. Wenn sich aber jemand bei uns bewerben möchte, nehmen wir das Gespräch natürlich gerne auf.
Linux-Magazin Online: Ihre Vision für Ihre Arbeit bei Novell: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Jürgen Müller: Fünf Jahre sind in der IT-Branche eine lange Zeit, der Herzschlag einer Eintagsfliege ist fast schon wie ein Jahr. Solche Vorhersagen sind daher schwierig. In den nächsten Jahren möchte ich auf jeden Fall den Umbau von Novell mitgestalten und den Partnervertrieb ausbauen. Übrigens: Ich baue lieber auf solide und umsetzbare Strategien als auf Visionen.
Linux-Magazin Online: Novells Kooperation mit Microsoft wird im Open-Source-Lager durchaus kritisch gesehen. Wie sind Ihrer Meinung nach die Zukunftsaussichten für diese Zusammenarbeit?
Jürgen Müller: Die Zusammenarbeit mit Microsoft ist aus unserer Sicht sehr erfolgreich. Die Kunden haben die Kooperation sehr positiv aufgenommen. Die Zusammenarbeit hat den Weg bereitet für neue technische Entwicklungen. Das sehen wir an der Entwicklung unserer Umsätze in der Microsoft-Kundenbasis. Die Verträglichkeit der beiden wichtigsten x86-Betriebssysteme Windows und Linux nimmt an Bedeutung zu. Zudem eröffnen sich durch die Zusammenarbeit für Linux neue Einsatzfelder, die vorher so nicht denkbar waren. Von dieser größeren Verbreitung profitieren alle Parteien, auch die Open-Source-Community. Das bestätigen die Prognosen von IDC zur Marktentwicklung von Windows und Linux Servern bis 2012. Als einen Grund für die zunehmend starke Akzeptanz von Linux bei Unternehmen wird gerade die Partnerschaft zwischen Microsoft und Novell gesehen.
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