Stimmen zur Ablehnung von OOXML in der ISO-Vorabstimmung
Microsofts Office Open XML: Nach der Abstimmung ist vor der Diskussion
von Britta Wülfing
Erst mal durchgefallen, was nun? Nach der Ablehnung von Microsofts XML-Format in der ISO-Vorabstimmung hat Linux-Magazin Online Kommentare von Microsoft, OOXML-Kritikern und Vertretern der Community eingeholt.
Microsofts Office-Open-XML-Format (OOXML) ist im ISO-Standardisierungsprozess in der Vorabstimmung gescheitert. Eine endgültige Entscheidung wird allerdings erst die Diskussion der Kommentare im Februar bringen.
Linux-Magazin Online hat sich mit der Firma Microsoft, OOXML-Kritikern und Vertretern der Community unterhalten. Wie beurteilen sie die technische Qualität des Formats, den bisherigen Verlauf des Standardisierungsprozesses und die Chancen von OOXML, doch noch ein ISO-Standard zu werden?
Linux-Magazin Online: Im ersten Durchgang hat OOXML nicht die nötige Mehrheit bei der Abstimmung der ISO-Mitgliederländer erreicht. Im Februar ist der Termin für die Sitzung angesetzt, bei dem die Mitglieder das Ergebnis nochmals besprechen. Welche Maßnahmen will Microsoft ergreifen, damit OOXML doch noch im ersten Durchgang die Anerkennung als Standard durch die ISO schafft?
Mario Wendt: Die Vertretungen der einzelnen ISO-Mitgliedsländer haben bis zum 2. September ihre Stimme abgegeben. Zusammen mit der Stimme konnten auch Kommentare eingereicht werden. Diese konstruktiven Kommentare werden in der nun folgenden Ballot Resolution Period unter der Regie der ISO bearbeitet. Wir sind zuversichtlich, dass diese zur Zufriedenheit unserer Kunden und Mitbewerber in den Standard eingearbeitet werden können. Die Ergebnisse werden dann im Februar 2008 diskutiert. Wenn die Kommentare einer Vertretung zufriedenstellend bearbeitet sind, dann werden die "Nein, mit Kommentar"-Stimmen in ein "Ja" umgewandelt.
Linux-Magazin Online: Gegner kritisieren unter anderem den Umfang der Dokumentation mit 6000 Seiten als zu hoch für eine echte Standardisierung. Was können Sie dem entgegenhalten?
Mario Wendt: Die ursprünglich bei der ECMA als Spezifikation eingereichte Dokumentation umfasste rund 2000 Seiten. Im Zuge der ECMA-Standardisierung wurden daraus 6000 Seiten. Die Teilnehmer an diesem Standardisierungsprozess waren der Meinung, dass viele technische Details auch in einer aussagekräftigen Detailtiefe beschrieben werden müssten.
Linux-Magazin Online: Ist Ihrer Meinung nach ein zweiter Dokumentenstandard neben ODF sinnvoll? Falls ja, warum?
Mario Wendt: ODF und Open XML sind für jeweils unterschiedliche Nutzerszenarien entworfen worden. Open XML wurde basierend auf den Anforderungen der Anwender nach detailgetreuer Abbildung von Office-Dokumenten wie ".doc", ".ppt" und ".xls" entwickelt.
Die internationale Standardisierungsorganisation ISO hat bereits das Open Document Format (ODF V1.0) als Standard verabschiedet. Vor diesem Hintergrund ist natürlich die Frage nach der Zulässigkeit eines parallelen, zu ODF im Wettbewerb stehenden zweiten Standards aufgeworfen worden.
Mit dieser Frage beschäftigt sich unter anderem eine aktuelle Studie von Prof. Dr. Knut Blind vom Lehrstuhl für Innovationsökonomie an der Technischen Universität Berlin, die vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, dem Niedersächsischen Justizministerium und der Microsoft Deutschland GmbH in Auftrag gegeben wurde. Nach der qualitativen Untersuchung verschiedener volkswirtschaftlicher Modelle kommt Prof. Blind zu dem Ergebnis, dass es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh wäre, eine Entscheidung für einen der beiden Standards zu fällen. Von einer möglichst langen Aufrechterhaltung des Standardisierungswettbewerbs profitieren vor allem die Anwender. So haben sie die Freiheit, entsprechend ihrer Nutzungsszenarien den für sie passenden Standard zu wählen. Darüber hinaus erhöht der Standardisierungswettbewerb auch den Anreiz, die Standards weiter zu entwickeln und somit für die Nutzer zu verbessern.
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Der Kritiker: ODF Alliance
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Marino Marcich, Geschäftsführer der ODF Alliance
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Linux-Magazin Online: Sie sind Gegner von Microsofts OOXML. Aus welchem Grund?
Marino Marcich: Wir sind ein Vertreter von ODF, einem ISO-zertifizierten Standard für Dokumentformate. Indem ein einziges Format standardisiert wird, können viele Hersteller in Funktionalitäten und Preis konkurrieren, Microsoft eingeschlossen, wenn sie denn wollen. Microsoft hat jedes Recht, sein eigenes Format zu propagieren, die Funktionalitäten und Merkmale sind immer eng mit seinen proprietären Plattformen und Produkten verbunden. Ich verurteile Microsoft nicht dafür, dass sie den Status Quo aufrechterhalten wollen, indem Kunden an die Upgrade-Politik eines einzelnen Herstellers gebunden sind. Aber es hat kein Recht ;OOXML "Open" oder interoperabel zu nennen. Und so lange es nicht wirklich interoperabel ist, sollte es kein bestätigendes ISO-Siegel erhalten.
Linux-Magazin Online: Während des Wahlvorgangs zur ISO-Standardisierung wurde über Unregelmäßigkeiten berichtet. Es scheint, als ob Lobbygruppen das Ergebnis beeinflussen wollten. Haben Sie persönlich etwas davon mitbekommen? Wurde Ähnliches durch Mitglieder berichtet?
Marino Marcich: Ich persönlich nehme an keinen nationalen Wahlkommittes der ISO/IEC teil. Die weit verbreiteten Berichte über frisch besetzte Kommitees, das Eingeständnis von Microsoft Schweden über "Marketing-Gelder" für seine Geschäftspartner, um diese zu ermuntern, Pro-OOXML zu wählen, ganz zu schweigen von dem plötzlichen Anstieg bei den so genannten P-Mitgliedern der ISO (deren Stimmen mehr zählen) von 29 auf 41 während des Wahlzeitraums - all dies ist zumindest verstörend. Nach meinem Wissen hat keines der neuen P-Mitglieder je an einer IT-Standardisierung teilgenommen. Zehn der zwölf neuen P-Mitglieder haben für OOXML gestimmt, dennoch ist OOXML gescheitert. Also hat der ISO-Prozess scheinbar einige eingebaute Stabilisatoren, aber ich nehme an, dass Befürworter der OOXML ihre Anstrengungen verdoppeln werden.
Auf lange Sicht kann ich mir nicht vorstellen, dass die erwähnten Aktivitäten OOXML helfen werden, egal, was letztlich das Ergebnis bei der ISO sein wird. Denn so wird die Legitimität des Votums in Frage gestellt. Das wird einen Schatten auf OOXML werfen. Ein positives Ergebnis ist in jedem Fall, dass den Regierungen jetzt tausende Seiten technischer Kommentare vorliegen, die die Mängel beschreiben, beispielsweise undokumentierte Funktionen. Die Kommentare zeigen auch die Unzulänglichkeit von Microsofts Patentversprechen sowie das Fehlen all der nötigen Abbildungen (Mappings) von Microsofts Binärformaten auf OOXML. Das sind für IT-Manager rote Tücher. Behörden werden es sich zweimal überlegen, bevor sie den Einsatz von OOXML empfehlen.
Linux-Magazin Online: Glauben Sie, der Prozess der Standardisierung könnte verbessert werden?
Marino Marcich: Es gibt Tausende von Standards, jeder mit seinen eigenen Prozessen und Regelungen. Betreffend den "Fast Track" (das Schnellverfahren, das die ISO für OOXML gewählt hat, Anm. d. Red.): Der ist für reife Spezifikationen gedacht, über die weitgehende Einigkeit besteht. Er ist nicht als Prozess gedacht, in dem während des Wahlvorgangs ein Standard erst entwickelt wird, indem von den nationalen Gremien Hunderte Seiten mit technischen Fehlern und Lücken ausgearbeitet werden.
Linux-Magazin Online: Das Ergebnis der Auszählung war ein "Nein" zu OOXML, aber dies ist nicht das Ende der Diskussion. Es wird im Februar eine neue Anhörung geben, und Länder die mit "Nein, mit Kommentar" gestimmt haben, können ihre Meinung ändern. Wird die ODF Alliance etwas unternehmen?
Marino Marcich: Unabhängig davon, wie das Ergebnis der ISO-Auszählung ist, wir haben mit ODF bereits einen ISO-zertifizierten Standard. Dieser bleibt das Dokumentformat der Wahl für Behörden, so wie dies derzeit von Ländern überall auf dem Globus diskutiert wird. Darauf zielen unsere "Lobby"-Bemühungen in den nächsten Monaten.
So weit es OOXML bei der ISO betrifft, glauben wir an die Errungenschaften eines internationalen Standardisierungsverfahrens, das Input von der Öffentlichkeit berücksichtigt, und bei dem in öffentlichen Foren der Wert von OOXML als internationaler Standard diskutiert wird. Viele der neuen P-Mitglieder haben ihre Stimmen abgegeben ohne auch nur ein einziges Treffen des technischen Kommittees - oder zumindest fand keines statt, das öffentlich bekanntgegeben wurde.
Linux-Magazin Online: Wenn es bei der Ablehnung bleibt, könnte Microsoft die Vorschläge dennoch nutzen. Der Konzern könnte versuchen, OOXML zu verbessern um danach einen neuen Zertifizierungs-Anlauf zu unternehmen. Was könnte Microsoft Ihrer Meinung nach an OOXML verbessern, damit es an einen validen Standard heranreicht?
Marino Marcich: ISO-Mitglieder sollten sich nicht auf reine Versprechungen verlassen, wenn es um die Tausenden Seiten voller Bedenken geht, die die nationalen Wahlkommittees eingereicht haben. Vor allem wenn die Betreung von OOXML in ECMA so von Microsoft beherrscht ist. OOXML wird vermarktet, als sei es rückwärtskompatibel zu Microsofts Binärformaten. Dann sollte es auch alle Versionen von Binärformaten offenlegen, die Microsoft Office über die Jahre unterstützt hat. Angesichts der rechtlichen Bedenken ist auch eine ausführlichere Dokumentation über die enthaltenen Patente und ihre Beziehung zu OOXML notwendig. Un damit zitiere ich nur einige der Bedenken, die von den nationalen Gremien geäußert wurden.
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Der Open-Source-Entwickler: Klaus Knopper
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Der Knoppix-Erfinder Klaus Knopper hat als Mitglied der Desktop-Arbeitsgruppe der Linux Foundation Argumente gegen OOXML vorgebracht.
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Linux-Magazin Online: Der Abstimmungsprozess zur Standardisierung von Microsofts OOXML hat mit zahlreichen Unregelmäßigkeiten für Aufmerksamkeit gesorgt. Was halten Sie als Entwickler von OOXML als Standard?
Klaus Knopper: Generell bin ich zwar _nicht_ der Meinung, dass wir "nur einen einzigen Standard für Office-Dokumente brauchen", denn bei Open Source ist Diversität offener Standards natürlich etwas durchaus Positives. Für mich sprechen aber einfach die technischen Kriterien, die an ISO-Standards angelegt werden müssen, dagegen, das mit 6000 Seiten sehr komplexe Dokument überhaupt als Standard in Frage kommen zu lassen. Welche Kriterien wiederum bei DIN zu einem Votum für den Vorschlag geführt haben mögen, entzieht sich vollständig meiner Kenntnis, daher kann ich es auch nicht kommentieren.
Linux-Magazin Online: Welche Kriterien sind für Sie bei einem Standard unverzichtbar?
Klaus Knopper: Ein vorgeschlagener Standard muss von jedem implementierbar sein. Ungenügende oder Hersteller-spezifische Dokumentation kann nicht vollständig von jedermann implementiert werden. Außerdem muss ein Standard unabhängig von der Architektur und dem darunterliegenden Betriebssystem sein. Alle Bestandteile und Bedienoberflächen müssen veröffentlicht und vollständig dokumentiert sein, und sollten nicht als Container für proprietäre Inhalte zur Verfügung stehen. Der Standard darf keine patentierten beziehungsweise proprietären Bestandteile enthalten. Die Implementierung des Standards muss gebührenfrei möglich sein. (mhu)